Inhaltsverzeichnis «««

Seite 1 (Einleitung)

»»» Seite 2

Die Familien- und Unterhaltungszeitschriften gewannen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts "eine Bedeutung, die der heutigen des Fernsehens vergleichbar ist"[2]; mit ihnen begann das Zeitalter der Massenmedien und damit das Bedürfnis nach und die Möglichkeiten zu einer breiten Unterhaltung. Die historisch entscheidende Schwelle war die Revolution von 1848/49; der Brockhaus von 1855 vermerkt, von den Zeitschriften der Vormärzzeit hätten allein solche überlebt, die "bloße Unterhaltungstendenzen verfolgen"[3].
      Unterhaltung ist im literarischen Bereich, wie Hügel überzeugend dargelegt hat, weniger mit einer bestimmten Textsorte verbunden als mit einer Leseeinstellung, "die einen bestimmten Mediengebrauch und kein bestimmtes Objekt voraussetzt"[4]. Indem die Familienblätter "Lesen und Unterhaltung als soziale Funktion durchsetzten"[5], konnte Unterhaltung zu einer autonomen, sozial neutral bewerteten Haltung werden; auch die informierenden, 'bildenden' Beiträge sind grundsätzlich unterhaltend: "Die Familienzeitschrift begreift sich als ein einheitliches Medium. Sie weiß, daß ein Medium Botschaft nicht nur hat, sondern ist. Zum ersten Mal gibt es ein Medium, das nicht nur ein Programm hat, sondern Programm macht. [...] Unterhaltung ist in der 'Gartenlaube' nicht nur keine der Belehrung dienende Funktion, sie ist auch keine partielle Funktion mehr. Sie trägt vielmehr das ganze Medium."[ 6]
      Augenfälligste Aspekte dieser umfassenden Unterhaltungsfunktion waren Illustrationen[7], Sachbeiträge und Erzähltexte. Neben Familienzeitschriften gab es noch eine Reihe anderer Unterhaltungszeitschriften, die nicht minder verbreitet waren; zum Genre der Unterhaltungszeitschriften zählen grundsätzlich alle Blätter, für die Unterhaltung des Lesepublikums oberstes Ziel war; sie waren keine Fachperiodika und dienten erst in zweiter Linie Zwecken wie Mode, Belehrung, Information, Erbauung u.ä..[8] Unterhaltungszeitschriften lassen sich nach Adressaten (Familie, Kinder und Jugendliche, Frauen, Männer), thematischen Schwerpunkten (Mode, Haushalt, Witz, Roman) und einer speziellen Aufmachung (Illustrierte) differenzieren. Illustrationen hatten als zentrales unterhaltendes und gattungsprägendes Element allerdings eine große Bedeutung für alle unterschiedlichen Ausprägungen der Gattung.

      Für eine Gattungszuweisung sind die Untertitel der Zeitschriften ein wichtiger Anhaltspunkt; eine Autopsie bleibt dennoch unverzichtbar. Leider lassen die wichtigen Verzeichnisse von Estermann (1850-1880) und Dietzel/Hügel (1880-1945) keine Identifikation der Gattungen zu, da die Register keine Untertitel verzeichnen.[9] Aussagen zu Zeitschriften[10] sind immer wieder angewiesen auf die Forschungen zur Zeitungsgeschichte; wenn auch die Ergebnisse nicht in jedem Fall übertragbar sind, sind sie doch unabdingbar zur Einschätzung auch der Zeitschriften-Situation.

 

[ 2 ]
Schrader, Autorfedern unter Preß-Autorität, S. 3

[ 3 ]
Artikel "Zeitungen und Zeitschriften" in: Brockhaus Conversation-Lexikon, Bd. 15,2 (1855)

[ 4 ]
Hügel, Unterhaltung durch Literatur, S. 96

[ 5 ]
Hügel, Unterhaltung durch Literatur, S. 103

[ 6 ]
Hügel, Unterhaltung durch Literatur, S. 104/105

[ 7 ]
Am Beispiel einer Gartenlaube-Illustration von 1877 erläutert Hügel die Emanzipation der Unterhaltungsfunktion (ebd. S. 105-107).

[ 8 ]
Auch bei den Fachzeitschriften war der Unterhaltungsanteil häufig nicht gering; verläßliche Zahlen hierüber gibt es mangels Forschungsliteratur aber nicht.

[ 9 ]
Ein Nachtragsband mit einem Untertitelregister, anhand dessen sich sämtliche dort auftauchenden Hauptbegriffe (z.B. Familie o.ä.) auffinden ließen, bleibt ein wichtiges Desiderat.

[ 10 ]
Zur Begriffsbestimmung vgl. Lehmann, Einführung in die Zeitschriftenkunde, S. 45-81

 
Inhaltsverzeichnis «««

Seite 1 (Einleitung)

»»» Seite 2
zum Seitenanfang