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1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.1 Sozial-ökonomische Voraussetzungen
(Statistik, Differenzierung, Konzernbildung, Autoren)

Statistik

Für die Entwicklung des Zeitschriftenwesens war die Gewerbefreiheit (seit 1869) ein wichtiger Markstein.[11] Drahn schätzte, daß es zu Beginn der 1870er Jahre "10- bis 50mal soviel Abnehmer"[12] von Zeitschriften gab wie in der Zeit vor 1850. Und von 1870 bis 1913 verzehnfachte sich der Absatz von Zeitungen und Zeitschriften erneut.[13] Eine Ursache hierfür, nämlich den Wandel des sozialen Ortes und der konkreten Umstände, also den Beginn der privaten Zeitschriftenlektüre, hatte Wuttke bereits 1866 konstatiert: "Gar mancher Geselle hält sich, um am Abende etwas zu lesen zu haben, sein Blättchen. [...] Früher gingen die Unterhaltungsblätter in Lesekränzchen und in die öffentlichen Wirtschaften, die jetzigen werden von den Familien gehalten."[14] Gegen Ende des Jahrhunderts schließlich meinte R. Schmidt-Cabanis ironisch zur Popularität der Zeitschriften: "vom Abdecker bis zum Zwirnfabrikanten [...] ist kein Stand ohne ein 'seine Strebungen vertretendes Organ'. Der Brauer hat sein 'Hopfenzeitung', der Schlächter hat sein 'Wurstblatt' [...]; der Arbeiter hat seine Arbeiter-Zeitung, der Rentier hat seine (Börsen-) Papier-Zeitung; das Baby hat seine 'Jugendzeitschrift' und sogar der Verstorbene hat noch seine 'Sphinx' oder irgend ein anderes Journal für über- resp. Unterirdische vierdimensionale Interessen."[15] Gab es 1868 noch insgesamt 748 Zeitschriften in Deutschland (Tab. 1, Sp. 6), hatte sich diese Zahl in 15 Jahren (1883) mit 1332 Titeln nahezu verdoppelt; weitere 15 Jahre später (1897) war mit insgesamt 4571 Titeln eine Steigerung um beinahe das Dreifache zu verzeichnen; die meisten Zeitschriften gab es kurz vor dem Ersten Weltkrieg (1913): 6689 Titel stellten gegenüber den Zahlen 16 Jahre zuvor nochmals eine Steigerung um 68% dar![16] Der Anteil der Unterhaltungsblätter am Gesamtzeitschriftenmarkt (Tab.1, Sp. 5 u. 7) stieg nach anfangs etwa 7% mit den 1880er Jahren auf etwa 10% und in den 90er Jahren kontinuierlich weiter bis auf 12,6% im Jahr 1903; in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg lag er zwischen 10,4 und 11,3%.[17]
      Die einzelnen Sparten entwickelten sich wie folgt (Tab.1, Sp. 1-4)[18]: 1887 entfielen von 278 Zeitschriften aus dem Gesamtbereich der Unterhaltung auf deren engeres Feld 149 (53%), 52 (19%) waren Frauen-, Haus- und Modeblätter, 41 (15%) Literatur- und 36 (13%) auf Jugendzeitschriften; 1897 waren von 507 Unterhaltungsblättern 210 (42%) allein der Unterhaltung gewidmet, 113 (22%) waren Frauen-, 117 (23%)Literatur- und 67 (13%) Jugendzeitschriften; 1907 waren es 642 Unterhaltungsblätter, davon 219 (34%) reine Unterhaltungs-, 188 (30%) Frauen-, 144 (22%) Literatur- und 91 (14%) Jugendzeitschriften; und 1914 schließlich entfielen von 724 Unterhaltungsblättern auf die Sparten Unterhaltung 227 (31%), Frauen 215 (30%), Literatur 161 (22%) und Jugend 121 (17%). Während in diesen 30 Jahren die jeweils anteilige Menge der Jugend- und Literaturzeitschriften an der Unterhaltungssparte relativ stabil geblieben ist (13 bis 17% bzw. 16 bis 22%), spiegelt die Zunahme der Frauen-, Haus- und Modeblätter von weniger als einem Fünftel auf nahezu ein Drittel die zunehmende Ausdifferenzierung des Zeitschriftenmarktes in dieser Zeit; sie fand ihren Ausdruck u.a. in einem neuen Typ von Hausfrauenzeitschrift, der durch ein sich breit entwickelndes Zusammenspiel diverser Kopfblätter und Beilagen die Bedürfnisse heterogener Publika zu befriedigen suchte.

      Zum Hauptverlagsort für deutschsprachige Zeitschriften entwickelte sich im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Berlin; dort erschienen 1902 18% aller Zeitschriften, in Leipzig nur noch 7,8%, während 1841 beide Städte mit je 14% noch gleichbedeutend gewesen waren. Sogar in Wien (14,5%) kamen 1902 fast doppelt so viele Zeitschriften heraus wie in Leipzig. Insgesamt erschienen nach der Jahrhundertwende nahezu 60% aller Zeitschriften in den 11 Städten Berlin, Leipzig, München (4,9%), Stuttgart (2,3%), Hamburg (2,2%), Dresden (1,9%) sowie Düsseldorf-Köln, Frankfurt/Main, Wien und Zürich (4,9%).[19]

 

[ 11 ]
Seit 1869 galt die Gewerbefreiheit in Preußen. In anderen Ländern wurde sie teilsweise schon bedeutend früher wirksam, etwa in Sachsen 1862. Zu den Auswirkungen dieser Unterschiede beispielsweise auf die Entwicklung des Kolportagewesens vgl. Graf, Kolportage bei Münchmeyer und anderswo (I), S. 5

[ 12 ]
Drahn, Geschichte des deutschen Buch- und Zeitschriftenhandels, S. 26

[ 13 ]
Drahn, Geschichte des deutschen Buch- und Zeitschriftenhandels, S. 68

[ 14 ]
Wuttke, Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung, S. 53

[ 15 ]
In: Ueber den Einfluß des Zeitungswesens auf Litteratur und Leben (1891): S. 25/26

[ 16 ]
die Zahlen für die Jahre 1868 und 1882/83 sind weniger repräsentativ als die der späteren Jahre; zur grundsätzlichen Problematik vgl. Lorenz, Die Entwicklung des Zeitschriftenwesens, S. 47

[ 17 ]
abweichende Zahlen bei Lorenz, Die Entwicklung des deutschen Zeitschriftenwesens, S. 47 (in Lorenz' Gruppe "Unterhaltungs-, Frauen- und Familienblätter" fehlen u.a. die Kinder- und Jugendblätter und die Belletristik)

[ 18 ]
Angaben hier nur, insoweit die Rubriken der zeitgenössischen Verzeichnisse (Haendel, Sperling, Mosse) diese Differenzierung erlauben; Daten zu den Witzblättern beispielsweise sind auf diese Weise nicht zu erlangen.

[ 19 ]
Lorenz, Die Entwicklung des deutschen Zeitschriftenwesens, S. 54 (Tab. 9)

 
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