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1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.1 Sozial-ökonomische Voraussetzungen
(Statistik, Differenzierung, Konzernbildung, Autoren)

Autoren

Der expandierende Zeitschriftenmarkt war eine einmalige Chance für tausende von Autoren und Autorinnen: erstmals entwickelte sich in Deutschland ein wirklicher Massenmarkt und damit die Möglichkeit, ernsthaft mit literarischem Schreiben seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die an der Anzahl der Leihbibliotheken orientierten Buchauflagen hatten dies zuvor kaum für mehr als ein paar Handvoll Schriftsteller gewährleisten können. Nun bot die Vielfalt der Publikationen zahlreiche Abdruckmöglichkeiten für unterschiedlichste Texte. Allerdings war von den Autoren hierbei eine aktive, moderne Mittätigkeit gefordert: man konnte sich nicht mehr darauf verlassen, daß ein einmal geknüpftes Netzwerk Jahrzehnte tragen würde; mit der Professionalisierung des Schriftstellerstandes - die Berufsfelder Journalist, Fachredakteur, Lektor, Korrektor, Werbetexter ("Reklameschriftsteller"), Schriftleiter, Herausgeber, Verleger, Buchhändler usw. entwickelten sich auseinander - wanderten Redakteure von Zeitschrift zu Zeitschrift, wurden abgeworben oder gründeten eigene Blätter, die häufig genug nach wenigen Jahren wieder eingingen. Diese Situation erforderte von den Autoren eine neue Aufmerksamkeit für den Markt und seine Bewegungen; je genauer sie damit vertraut waren, desto eher konnten sie darauf rechnen, ihre Texte irgendwo unterzubringen.
      Die Honorare der großen Unterhaltungszeitschriften und Tageszeitungen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Haupteinnahmequelle vieler Autoren[31]; die geringe Höhe der durchschnittlichen Buchauflagen ließ Buchverlagshonorare, die existenzsichernd gewesen wären, nicht zu.[32] "Zeitungen und Zeitschriften zahlten, meist pünktlich und sogar gut, jedenfalls wesentlich mehr, als jeder Verlag für ein Buch zu zahlen imstande und willens war."[33] Karl May z.B. arbeitete in seinen Anfangsjahren als Redakteur für verschiedene Unterhaltungszeitschriften bei den Verlagen Münchmeyer (1875/76) und Radelli (1878/79),[34] und Peter Rosegger verschaffte sich durch seine eigene Familienzeitschrift Heimgarten (1876ff.) eine feste ökonomische Basis, die zugleich zum bevorzugten Publikationsort des Autors wurde. Emil Dominik, der Vater des späteren Erfolgsautors Hans Dominik, betrieb anfangs eine Kolportagebuchhandlung in Stettin, wurde Mitarbeiter einer Reihe angesehener Zeitschriften und dann Chefredakteur der Deutschen Illustrirten Zeitung (Berlin 1.1884/85-3.1886/87); als diese nach drei Jahren in Ueber Land und Meer aufging, nahm er deren Abonnenten zum großen Teil mit zu der neugegründeten illustrierten Wochenschrift Zur guten Stunde (Berlin: Bong 1.1887/88 - 32.1918/19), "die schon 1888 achtzigtausend Abonnenten hatte".[35] Sein Sohn berichtet: "Meine Eltern machten in diesen Jahren ein literarisches Haus",[36] in dem unterschiedliche (Zeitschriften-)Autoren wie Theodor Fontane und Natalie von Eschstruth verkehrten. Theodor Fontane - der sein Leben lang mit Redakteuren und Journalisten verkehrte, zeitweilig selbst mit dem Gedanken an eine Zeitschriftengründung spielte, zehn Jahre lang "unechte Korrespondenzen" verfaßte und überdies als Theaterkritiker viele Jahrzehnte Woche für Woche in der Redaktion der Vossischen Zeitung erscheinen mußte - ist ein typisches Beispiel für eine fruchtbare schriftstellerische Arbeitsbeziehung zu den diversen Unterhaltungs- und Literaturzeitschriften. Nicht zuletzt das Gelingen des hierzu nötigen Balanceaktes kennzeichnet die bemerkenswerte Stellung dieses Autors im Literaturbetrieb. "Er wußte seinem Talent am Ende den Wirkungsraum zu verschaffen, den es benötigte und den es auszufüllen verstand, wann immer er über ihn verfügte."[37]
      Auch eine neue Generation von Zeichnern, Holzschneidern und Lithographen fand Beschäftigung durch die illustrierten Zeitschriften, v.a. durch die immer kürzer werdenden technischen Innovationszyklen der Bildreproduktionsverfahren. Sogar ausgesprochene Gegner dieser Entwicklung konstatierten 1873: "Bedeutende Talente fanden bei den illustrirten Zeitungen so reichen Lohn und einen so ausgedehnten Wirkungskreis, daß sie Pinsel und Palette verließen, um als Zeichner der Kriegsereignisse, als Illustratoren der Haupt- und Staatsactionen, Volksfeste, Ausstellungen u.s.w. ausschließlich zu arbeiten. Mit ihnen wetteifern die Holzschneider, die im charakteristischen Holzschnitte, in der Nachahmung des Stiches, der Lithographie, ja der Gemälde Erstaunliches leisten."[38]

 

[ 31 ]
zum Zeitungsvorabdruck vgl. Bachleitner, Romanautoren und Feuilletonmarkt, in: ders., Kleine Geschichte des deutschen Feuilletonromans, S. 75-78

[ 32 ]
vgl. z.B. die Honorartabelle bei Graf, 'Wenn eine Arbeit fertig ist, wird sie eben zur Waare', S. 220

[ 33 ]
Berbig, Theodor Fontane im literarischen Leben, S. 100

[ 34 ]
Ueding, Karl-May-Handbuch, S. 86-90

[ 35 ]
Dominik, Vom Schraubstock zum Schreibtisch, S. 19

[ 36 ]
Dominik, Vom Schraubstock, S. 20

[ 37 ]
Dominik, Vom Schraubstock, S. 103

[ 38 ]
Der Görresverein zur Massenverbreitung guter Volksschriften, S. 4

 
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