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1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.2 Gesetzliche Voraussetzungen
(Preßgesetze, Zeitungsstempel, Postzwang)

Zeitungsstempel

Die Stempelsteuer, die in Deutschland bis 1874 und in Österreich noch während des gesamten in Rede stehenden Zeitraums wirksam war, bezog sich auf periodische, wöchentlich einmal oder öfter erscheinende Zeitschriften (mit Ausnahme der Fachzeitschriften)[45]; sie wirkte als indirekte Vertriebsbeschränkung ("schwer lastete sie auf der Entwicklung neuer marktnaher Vertriebsmethoden")[46] und führte damit zur langanhaltenden Dominanz des Abonnementsbezugs. "Dank unserer genialen Stempel-Erfindung muß in Preußen ein Jeder sich zu Anfang des Quartals mit Zeitungslektüre für drei Monate versorgen, wenn er nicht in die Bierhäuser gehen will, um zu erfahren, was in der Welt vorgeht" schrieb 1868 bedauernd Hans Wachenhusen, der in Paris den freien Straßenhandel mit Zeitungen und Zeitschriften erlebt hatte.[47] Die Stempelsteuer wurde pro Exemplar und Zeitraum berechnet und ließ "einen Einzelverkauf mit täglich schwankender Auflagenzahl und verschieden hoher Zahl von Remittenden kaum zu"[48]. Das preußische Stempelsteuergesetz vom 1. Juli 1852 verbot, nach einer vorübergehenden Aufhebung des Verbots während der Revolution, gänzlich den Verkauf von Einzelstücken. Erst mit einer Gesetzesänderung konnten 1862 die Stempelgebühren für Zeitungen (und Zeitschriften) im Einzelverkauf überhaupt berechnet werden.[49] Deshalb wiesen die meisten Zeitungen und Zeitschriften lediglich den Abonnementspreis aus; von 276 über das ganze 19. Jahrhundert verteilten Zeitungen, die Meyer untersucht hat, gaben nur 6,2% einen Einzelverkaufspreis an.[50] Zu den wenigen Zeitungen, die über einen längeren Zeitraum einen Einzelverkaufspreis angaben, gehörten die Schlesische Zeitung (s.u.) und die Fränkische Tagespost. Bei der Fränkischen Tagespost (1871-1971), einem der ältesten sozialdemokratischen Blätter Deutschlands, ist der Einzelverkauf ein Beleg einerseits für das Bestreben, neue und breitere Publikumsschichten zu erreichen, zum anderen für die besondere Gefährdungssituation der Partei, die praktisch jederzeit mit Repressionsmaßnahmen rechnen mußte.
      Auch auf die Struktur des Zeitschriftenwesens hatte der Zeitungsstempel erhebliche Auswirkungen. Denn zur Umgehung der Stempelsteuer erschienen die meisten großen Familienzeitschriften in verschiedenen Ausgaben:[51] Die Wochenausgabe der Gartenlaube beispielsweise erreichte im Jahr 1868 in einer Auflage von 150.000, die Monatsausgabe wurde zusätzlich 110.000mal verkauft (1883: 127.000); Ueber Land und Meer hatte wöchentlich 55.000, monatlich 27.000 Abonnenten; und Paynes Illustrirtes Familien-Journal erreichte wöchentlich 40.000 Abnehmer, mit der Heftausgabe nochmals 10.000.[52] Westermann's illustrirte deutsche Monatshefte setzten auch aus diesem Grund vermutlich gleich von Anfang an auf monatliches Erscheinen.

 

[ 45 ]
vgl. Stichwort "Zeitungsstempel" in: Brockhaus' Enzyklopädie 1895, Bd. 16, S. 939

[ 46 ]
Kirchner, Das deutsche Zeitschriftenwesen, Bd. 2, S. 416

[ 47 ]
Pariser Photographien, Bd. 1, S. 45

[ 48 ]
Meyer, Zeitungspreise in Deutschland im 19. Jahrhundert, S. 31

[ 49 ]
In Bayern wurde das Verbot des öffentlichen Einzelverkaufs erst mit dem 30. April 1864 aufgehoben.

[ 50 ]
Meyer, Zeitungspreise, S. 31

[ 51 ]
"Eine [...] Methode, die Steuerpflicht zu umgehen, war die Zusammenfassung von vier Nummern zu einem Monatsheft, das nicht der Besteuerung unterworfen war." (Kirchner, Das deutsche Zeitschriftenwesen, 2. Teil, S. 416). Eine Praxis im übrigen, die auch bei den immer wieder zitierten Auflagenangaben gesondert zu berücksichtigen ist.

[ 52 ]
alle Zahlen nach Haendel, Inseraten-Versendungs-Liste, 11. Jg. (1868)

 
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