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1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.2 Gesetzliche Voraussetzungen
(Preßgesetze, Zeitungsstempel, Postzwang)

Postzwang

Neben dem Zeitungsstempel war auch der sogenannte Postzwang ein bedeutsames, für den vorliegenden Zusammenhang bislang kaum beachtetes rechtliches Institut. Nach dem Reichspostgesetz vom 28. Oktober 1871 hatte die Post das Beförderungsmonopol für Zeitungen politischen Inhalts, die öfter als einmal wöchentlich erschienen; dabei war ausdrücklich verfügt, daß keine Zeitung vom Postvertrieb ausgeschlossen werden durfte.[53] Ausgenommen vom Postzwang, also dem Verbot des Einzelvertriebs, war ein Radius von zwei Meilen (oder 15 Kilometer) um den Ursprungsort der Zeitung.[54] In Österreich-Ungarn unterlagen während des gesamten Zeitraums sämtliche periodischen Schriften, gleichviel welchen Inhalts, mithin auch die Zeitschriften, dem Postzwang.[55] Der deutsche Postzwang schränkte den Einzelverkauf von Zeitungen ein und behinderte damit indirekt, trotz Wegfalls der Stempelsteuer, auch die Modernisierung des Vertriebs von Zeitschriften. Die Entwicklung der großen Konzerne um die Jahrhundertwende - bei denen Erfolge mit Zeitungen die Grundlage zur Gründung neuer Zeitschriften bildete - zeigt, daß gerade Periodika, die nur wöchentlich, vierzehntäglich oder monatlich erschienen, desto geringere Chancen hatten, öffentlich wahrgenommen zu werden, je weniger das Publikum durch Einzel- und Straßenverkauf von Tageszeitungen daran gewöhnt war, seinen Lesebedarf in der Öffentlichkeit zu stillen. Andererseits liegt, nach dem Wegfall des Zeitungsstempels, paradoxerweise wohl gerade im Postzwang bzw. der darin gebotenen Kombination aus überregional ausgerichtetem Verbot und regional begründeter Ausnahme die legislative Ursache zum rasanten Aufstieg Berlins als wichtigster Pressestadt Deutschlands. Wie nirgendwo sonst bot die rasch anwachsende Bevölkerung dort einen breiten Markt für publizistische Erzeugnisse jeder Art, denen zudem grundsätzlich jede mögliche Form des Vertriebs - Sortimentsauslieferung, Postabonnement, Kolportage, Einzel- und Straßenverkauf - offenstand.

 

[ 53 ]
vgl. Stichwort "Postdebit" in: Brockhaus' Enzyklopädie 1895, Bd. 13, S. 314

[ 54 ]
Diese Regelung galt im übrigen in der Weimarer Republik unverändert weiter, vgl. Stichwort "Postzwang" in: Meyers Konversations-Lexikon 1928, 9. Bd., Sp. 1178

[ 55 ]
In Österreich nach dem Postgesetz vom 5. November 1837, in Ungarn nach dem provisorischen Postgesetz vom 26. Dezember 1850, vgl. Stichwort "Postzwang" in: Herders Konversations-Lexikon 1907, Bd. 7, S. 55.

 
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