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1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.3 Vertriebsweisen
(Postvertrieb, Abonnement, Kolportage, Einzel- und Straßenverkauf, Bahnhofshandel, Kioskverkauf)

Kolportage

Die Gewerbefreiheit im Norddeutschen Bund 1869 leitete im Zeitschriftenvertrieb den fundamentalen Wandel von der älteren Verlagskolportage zum modernen Kolportage- bzw. Zeitschriftenbuchhandel ein:[70] In der Zeit der Verlagskolportage benötigten Kolporteure für Periodika einen Hausiergewerbeschein, der jedoch von der preußischen Regierung gar nicht bzw. äußerst restriktiv vergeben wurde[71] - eine Verfügung vom 10. März 1838 bedrohte Subskribentensammler ohne Gewerbeschein ausdrücklich mit Geld- und Freiheitsstrafe, in Bayern war Subskribentensammeln überhaupt verboten. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit boten sich erweiterte Möglichkeiten: Die gesammelten Subskribenten wurden nicht mehr den ortsansässigen Buchhändlern zur Belieferung übergeben, sondern man ging mehr und mehr zur Eigenbedienung über.[72] Damit begann die Zeit des Kolportagebuchhandels: Das Aufsuchen von Bestellungen und die Zustellung der Schriften erfolgten in getrennten Arbeitsgängen, während beim älteren Buchhausierhandel der Kolporteur die Druckschrift mit sich führte und "aus der Hand"[73] verkaufte. Vertriebsobjekte der Kolportage waren nun vor allem Zeitschriften und Kolportageromane, das Buchgeschäft war weitgehend an den Reisebuchhandel übergegangen. Den Unterschied der sich damit etablierenden Vertriebsweisen konstituierte in erster Linie die geforderte bzw. gebotene Zahlungsweise: Der herkömmliche, übers Sortiment bzw. die Post bediente Abonnent mußte die Zeitschrift für mindestens ein Vierteljahr im voraus (pränumerando) bezahlen, der Reisebuchhandel bot Lieferungen größerer Werke, die aufgrund des hohen Gesamtpreises in Raten (Kredit), bei Lieferungsabnahme, gezahlt wurden, während die Kolportage auf wöchentlichem, zweiwöchentlichem oder monatlichem Bar-Inkasso beruhte, das aber aufgrund der geringen jeweils aufzubringenden Summe für breite Bevölkerungskreise extrem attraktiv war. Während die Kolportage- bzw. "Volksromane" bereits von großen Firmen produziert und überregional vertrieben wurden, die sich auf diese Objekte spezialisiert hatten (Dresden: Münchmeyer, Tittel, Wolf, Ander, Dietrich; Berlin: Weichert, Grosse; Neusalza: Oeser), behielten die Zeitschriften anfangs noch eine eher lokale bzw. regionale Bindung; spätestens mit den 70er Jahren wurden die überregionalen Familienblätter jedoch zur eigentlichen Grundlage der Kolportage, wie Streissler 1887 eindrucksvoll beschreibt. Zur Kolportage in kleinbürgerlichen Kreisen empfahl er v.a. Ueber Land und Meer, Illustrirte Welt, Das Buch für Alle, Illustrirte Chronik der Zeit, Gartenlaube, Schorer's Familienblatt und Deutsche Illustrirte Zeitung; "für das ärmere Volk gibt es billigere Journale"[74], z.B. Das neue Blatt (Payne), Die Familien-Zeitung (Rosenberg), Illustrirte Blätter (Berlin: Kulike) und Der Hausfreund (Breslau: Schottländer). Die günstigsten Monatsschriften für den Kolportagehandel seien Vom Fels zum Meer und die Salonausgabe von Schorer's Familienblatt, während die Modezeitschriften von Lipperheide "nur in gewissen Kreisen" absatzfähig seien. "Intelligenteren Arbeitern" könne man Die neue Zeit (Dietz) oder Die neue Welt (Breslau: Geiser) verkaufen, Katholiken Die katholische Warte (Salzburg: Pustet) oder die Alte und Neue Welt (Benziger), Protestanten das Daheim.[75] Der Werbevorgang selbst ging noch um 1900 folgendermaßen vor sich:

      "Man pflegt jetzt die erste Nummer durch Buchhändler zur Ansicht verteilen und dann persönlich nachfragen zu lassen, und besorgen dieses Geschäft in der Hauptsache die Zeitungsspediteure mit ihren hausiernden Kolporteuren. Dies in ausschließlicher Weise und in größerem Maßstab betrieben, ist aber überhaupt nichts anderes als Kolportage und thatsächlich ist dieselbe in der Gegenwart selbst für die vornehmsten und ältesten Unterhaltungsblätter unentbehrlich geworden. Ein reines Kolportageblatt und doch nicht als Schund zu betrachten ist z.B. der 'Häusliche Ratgeber', und dessen Verbreitungsweise eine entschieden nachahmenswerte. Die ersten Nummern, die Agitations-Exemplare, werden in ungeheurer Auflage gedruckt, an die Kolportage-Grosso-Handlungen gratis versandt und von diesen wieder an die größeren Kolporteure abgegeben. Diese verbreiten nun die Nummern durch ihre Austräger in alle Häuser und lassen dann von denselben nachfragen und den Betrag der einzelnen Nummern, der ohne Kürzung der Verdienst der Boten ist, erheben oder die Nummern zurückverlangen. In der Billigkeit der einzelnen Nummer, die möglichst nicht mehr als 10 Pfg. kosten darf und in der Bequemlichkeit der einzelnen quasi Ratenzahlung liegt der gewaltige Erfolg des Kolportage-Buchhandels [...] Natürlich muß man auch bestrebt sein, länger währende Abonnements zu erhalten, da ja dieser einzelne Vertrieb immerhin größere Kosten verursacht und größere Kreditgewährung erfordert."[76]

      Die Anti-Kolportagepolemik der 1880er Jahre hatte schwerwiegende Auswirkungen auf die Entwicklung des Zeitschriftenhandels: Eine Gesetzesvorlage von 1883, die ein direktes Verbot enthielt, Schriften und Bildwerke von Haus zu Haus auf dem Wege der Kolportage zu verbreiten, wurde zwar nicht verwirklicht; doch die neue Fassung der Gewerbeordnung war so mißverständlich, daß Willkürhandlungen der Behörden Tür und Tor geöffnet waren: Wer Druckschriften im Umherziehen feilbot, mußte den Behörden ein Schriftenverzeichnis vorlegen, während Buchhändler, die ein stehendes Gewerbe betrieben und von diesem aus durch Reisende Bestellungen aufnahmen, einer solchen Genehmigung nicht bedurften. Der Unterschied war den Behörden selbst häufig nicht klar, was in der Praxis zu umfangreichen Beschlagnahmungen auch von Zeitschriften wie Gartenlaube, Ueber Land und Meer u.ä. führte.[77] Noch nach der Jahrhundertwende gingen Behörden systematisch gegen den Zeitschriftenvertrieb per Kolportage vor; der Dresdener Verlag von R. H. Dietrich, der sowohl zahlreiche Kolportageromane produzierte[78] als auch einige gut gehende Unterhaltungs- und Romanzeitschriften (z.B. Dietrich's illustrirte Familienzeitung, 1886-1888; Etwas zu lesen, 1.1888/89-3.1890/91; Die Großstadt-Zeitung, ca. 1895; Der Geschichtsfreund. Zwanglose Blätter für volkstümliche Geschichtskunde 1.1897-4.1900?; Dietrich's Familienblatt, 1905-1909; Freya. Illustrierte Roman-Zeitschrift 1.1901-36.1939?; Heimat und Fremde. Illustriertes Familienblatt 1.1909-2.1910), sah sich 1906 genötigt, eigens eine Broschüre zu diesem Thema herauszugeben.[79] Mit der seit 1913 gängigen Bezeichnung "Zeitschriftenbuchhandel" versuchte der Kolportagehandel, vom negativen Image der Kolportage loszukommen und gleichzeitig der Zweiteilung des Geschäfts in Abonnentenwerbung einerseits und Auslieferung und Inkasso andererseits begrifflich gerecht zu werden: der Zeitschriftenbuchhandel wurde als stehendes Gewerbe von einem festen Wohnsitz aus betrieben, wie der Sortimentsbuchhandel auch; im Unterschied zu diesem wurde der Kunde aber in der Wohnung geworben und dort auch durch Boten bedient. "Die Bezeichnung 'Zeitschriftenbuchhandel' bringt zum Ausdruck, daß das Schwergewicht bei der strukturgewandelten Tätigkeit des früheren Kolportagebuchhandels heute auf der Zeitschrift ruht." [80]

 

[ 70 ]
wichtigste ältere Publikation zu diesem komplexen Problembereich: Niewöhner, Der deutsche Zeitschriften-Buchhandel, 1934

[ 71 ]
Allerdings schreibt ein Zeitgenosse 1856: "Die neueste Art der Zeitschriften Verbreitung ist die durch Colporteure, wodurch es besonders den Berlinern durch gute Bilderbeigaben gelungen ist Auflagen von 6-10 000 Exemplaren abzusetzen und ein erkleckliches zu verdienen." Stand, Bildung und Wesen des Buchhandels, S. 48

[ 72 ]
Stand, Bildung und Wesen des Buchhandels, S. 15-17

[ 73 ]
Stand, Bildung und Wesen des Buchhandels, S. 7

[ 74 ]
Streissler, Der Kolportagehandel, S. 3

[ 75 ]
Streissler, Der Kolportagehandel, S. 5

[ 76 ]
Bärwinkel /Webel, Handbuch, S. 14/15

[ 77 ]
Drahn, Geschichte des deutschen Buch- und Zeitschriftenhandels, S.54ff.

[ 78 ]
Kosch / Nagl, Der Kolportageroman, weisen für den Zeitraum von 1885 bis 1912 53 Kolportageromane bei R.H. Dietrich nach.

[ 79 ]
Drahn, Geschichte, S. 60

[ 80 ]
Drahn, Geschichte, S. 4

 
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