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1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.3 Vertriebsweisen
(Postvertrieb, Abonnement, Kolportage, Einzel- und Straßenverkauf, Bahnhofshandel, Kioskverkauf)

Einzel- u. Straßenverkauf

Die um 1900 zu beobachtende allmähliche Etablierung des Einzel- und Straßenverkaufs von Zeitungen und Zeitschriften neben Post- oder Buchhandelsabonnement und Kolportagebezug vollzieht im Bereich des Vertriebs jene Differenzierungs- und Modernisierungsbewegung nach, die sich auch im Inhaltlichen zeigt (s.u.).[81] Das Bürgertum hatte 1848/49 publizistisch die Straße erobert; zahlreiche Flugblätter und satirische, politische, agitatorische Hausanschläge verbanden die Rezeption neuester Nachrichten, witziger Bemerkungen und bissiger Kommentare mit der sinnlichen Inbesitznahme der städtischen Lebenssphäre. Die Wohn- und Arbeitsumgebung wurde für kurze Zeit zum Erlebnisraum; Öffentlichkeit stellte sich nicht mehr allein durch politische, kritische oder kulturelle Zeitschriften her, sie wurde zu einer sinnlichen Funktion der menschlichen Begegnung, sogar über Klassengrenzen hinweg. Als die Restauration die Öffentlichkeit der Presse zurückzudrängen versuchte, war sie gleichzeitig bestrebt, dem Bürger das neu gewonnene Terrain seines Selbst-Bewußtseins, die Straße, wieder zu verleiden. Doch auch grundsätzlich regierungsfreundliche Journalisten forderten immer wieder, man solle "den Zeitungsverkauf auf den Straßen freigeben"[82]; für sie war Allgemeines Wahlrecht "ohne öffentliche[n] Zeitungshandel" ein antimoderner Anachronismus. Gewerbefreiheit und Reichsgründung brachten - wie u.a. aus den Illustrationen der populären Zeitschriften erkennbar - eine allmähliche Wiederaneignung der Straße als Erlebnisraum, etwa bei Paraden, Aufzügen, Illuminierungen, Kaiserhuldigungen, Ausstellungen usw. Ende der 1880er Jahre setzte dann eine allmähliche Verflechtung der beiden Öffentlichkeiten von Straße und Presse ein: Zeitungen und Zeitschriften, bislang durch den Bezug per Abonnement gebunden an den privaten (Familie) oder halböffentlichen (Lesezirkel) Raum, begannen sich im Straßenbild bemerkbar zu machen, bezogen sich aber erst ganz allmählich in Aufmachung und Stil auch auf dieses bzw. auf das neue, nun nicht mehr genau bekannte und vorher bestimmbare Publikum.[83] 1871 soll es in Berlin 17 bis 20 Zeitungshändler gegeben haben, die größtenteils auf den Bahnhöfen tätig waren, in den 80er Jahren belief sich ihre Zahl bereits auf einige Hundert.[84] Doch auch die Entstehung der Generalanzeigerpresse in den 1870er Jahren verhinderte nicht die Bindung an den Abonnenten, obwohl die weitgehende Finanzierung durch Inserate den Verkaufspreis ökonomisch irrelevant werden ließ. August Scherl, der "experimentierfreudigste[] Verleger"[85], verteilte 1883 zwar seinen Berliner Lokal-Anzeiger gratis, vermochte aber den Schritt zum Straßenverkauf, der ein "radikaler Bruch mit der Vergangenheit"[86] gewesen wäre, noch nicht zu gehen. Hierzu waren zudem neue redaktionelle und typographische Methoden erforderlich, die sich auf die neue Kommunikationssituation einzustellen hatten: unmittelbare Ansprache eines anonymen, sozial heterogenen Großstadt-Publikums auf Straßen und Bahnhöfen, an Haltestellen und vor Fabriktoren, das aus unterschiedlichsten Arbeitssituationen und Tagesabläufen heraus in Sekundenschnelle für den Kauf einer Zeitung oder Zeitschrift gewonnen werden mußte. Doch "[d]ie größer werdenden Entfernungen von der Wohnung zur Arbeitsstätte, die einen längeren Aufenthalt in Straßenbahnwagen und Zügen notwendig machten, das unmittelbare und lebhaftere Interesse der Berliner Bevölkerung an den Ereignissen des politischen, gesellschaftlichen, künstlerischen, wirtschaftlichen Lebens steigerten weiter die Nachfrage nach der Zeitung auf den Straßen und in öffentlichen Lokalen."[87] Eines der ersten für den Einzelverkauf konzipierten Blätter - die sog. Verkaufszeitungen - war die liberale Wochenzeitung Welt am Montag (1.1895-39.1933)[88], deren Aufmachung sich zwar noch ganz an den Zeitungen orientierte, für die aber mit einem neuartigen Reklamemittel, den "Sandwichmen", geworben wurde: "Die im Gänsemarsch dahinwandelnden Leute mit ihren großen Brust- und Rückentafeln erregten in den Berliner Straßen großes Aufsehen."[89]
      Wohl nicht zufällig waren es unter den eigentlichen Zeitschriften zunächst vor allem die Illustrierten und Witzblätter, die in den Augen der Zeitgenossen das publizistische Straßenbild bestimmten: sie konnten inhaltlich und formal am ehesten an prärestaurative Traditionen anknüpfen. Bemerkenswerte Einblicke in den Straßenverkauf von Zeitschriften bietet etwa die polemische Schilderung "Auf der Straße" aus dem Jahr 1902:

      "Zu dem eisernen Bestand der großstädtischen Zeitungen gehören Schilderungen des riesig entwickelten Straßenlebens mit all den vor 20 Jahren noch unbekannten Erscheinungen, den Fahrrädern, Automobilen, elektrischen Straßenbahnen, den Hoch- und Untergrundbahnen, den Warenhäusern u.s.w. [...] Zu jenen Erscheinungen zählen auch die Veranstaltungen zur Verbreitung von Zeitungen und Zeitschriften. Neuerdings werden an den Straßenecken Automaten angebracht, aus denen man für 5 oder 10 Pfennige Zeitungen entnehmen kann, natürlich zumeist liberale; auf allen belebten Plätzen steht regelmäßig eine Kolonne von Händlern und Händlerinnen, die im allgemeinen nicht sehr vertrauenerweckend aussehen, aber jedenfalls noch besser sind als die papierne Ware, die sie verkaufen. Auf dem Kopf eine uralte, in allen Farben schillernde Mütze oder ein Hütchen ohne erkennbare Form, darunter ein Gesicht, dem man das tiefe Verständnis seines Inhabers oder seiner Inhaberin für die deutsche Litteratur - und für starke Getränke ansieht, auf Brust und Magen einen Kasten mit Fächern für Zeitschriften mit grell gemalten Titelbildern: wer kennt diese Gestalten nicht, die den Vorübergehenden mit einem Gemisch von Mitleid und Schmerz erfüllen. Aber der Schmerz überwiegt; denn wenn auch alle Errungenschaften der Neuzeit noch so herrlich sein mögen - der Verkauf von unsittlichen und läppischen, zum Teil auch demagogischen Zeitschriften auf offener Straße ist jedenfalls nicht herrlich, sondern eine traurige und schändliche Zugabe des modernen Lebens.
Alle diese bunten Blätter, die übrigens auch in manchen Buchhandlungen und auf Bahnhöfen verkauft, in Cafés ausgelegt werden, sind ein Krebsschaden, ein Geschwür am Leibe unseres Volkes, mögen sie Simplicissimus, Satyr, Laterne, Affenspiegel, Pikanterien u. dgl. sich nennen. Ihr verderblicher Einfluß ist um so schwerer anzuschlagen, als sie gerade durch den Straßenverkauf in die Hände vieler junger Leute, Schüler, Studenten, Handlungsgehilfen u.s.w. gelangen und in diesen Kreisen von Hand zu Hand wandern; sie ersticken das Schamgefühl, erhitzen die Phantasie und schwächen das Autoritätsgefühl.[90] [...] Noch vor kurzem sah ich in einem Vorortzuge einen halbwüchsigen Burschen, vielleicht Sekundaner, mit dem 'kleinen Witzblatt', auf dessen Titelblatt ein höchst unzüchtiges Bild zu sehen war - ihm gegenüber ein junges Mädchen fast noch im Kindesalter. Es bedurfte einer kräftigen Mahnung, den Jungen zur Entfernung des Blattes zu bewegen; er selbst war augenscheinlich jedes Schamgefühls bar und ledig."[91]

      Diese christlich-konservativ begründete Sichtweise macht die Bandbreite der früheren obrigkeitlichen, nun zunehmend weniger durchsetzbaren Vorbehalte gegen den Pressevertrieb auf der Straße deutlich. Der Verfasser spricht in Bezug auf die genannten Zeitschriften ausdrücklich von "Straßenliteratur"[92], deren Gefahr vor allem in der "Lächerlichmachung unserer staatlichen und kirchlichen Einrichtungen" bestehe, die wiederum "einen wesentlichen Anteil an der Verrohung und Unbotmäßigkeit unserer Jugend"[93] trage. Für christliche Zeitschriften lehnte der Verfasser den Straßenverkauf ab. "Ein christliches Blatt im Kasten eines Straßenverkäufers neben dem 'kleinen Witzblatt' oder den 'Pikanterien' wirkt peinlich, und es wird nicht allein mir unangenehm aufgefallen sein, das 'Daheim' [!] an solcher Stelle und in solcher Gesellschaft zu sehen."[94] Gleichwohl konnten sich auch konfessionelle Zeitschriften der Modernisierung des Vertriebs nicht entziehen. Der neugegründeten katholischen Wochenschrift Die Welt (1.1900-33.1933?), die kurz nach Gründung bereits einen Absatz von 20.000 verzeichnete, riet der Literarische Handweiser: "[N]eben den ständigen u. festen Abonnenten wird stark auf den Einzelverkauf - vor Allem an den Bahnhöfen - gerechnet werden dürfen, und für diesen wird es sich dringend empfehlen, daß die einzelne Nr., wenn irgend möglich, nur für sich Abgeschlossenes liefert."[95]

 

[ 81 ]
zur Geschichte des Straßenverkaufs vgl. Bücher, Der Zeitungsvertrieb, S. 214-233; Groth, Die Zeitung, Bd. 3, S. 138-148; Kirchner, Das deutsche Zeitschriftenwesen, Teil II, S. 416-418; ...

[ 82 ]
Hans Wachenhusen: Pariser Photographien, Bd. 1, S. 45. Schon an früherer Stelle beklagte Wachenhusen, daß "die hohe Polizei das öffentliche Leben durch Verbote aller Art unterbindet, [...] den Straßenhandel untersagt" und "verbietet, daß irgend Jemand es wage, mir eine Schachtel Zündhölzer oder ein Zeitungsblatt auf der Straße feil zu bieten. [...] Warum unterbindet die Polizei das Straßenleben, den Straßenverkauf? - Weil sie ihn für unsittlich hält, weil sie meint, sie könne ihn nicht gehörig controliren, während doch nichts leichter zu controliren ist, als das, was öffentlich geschieht." (Wachenhusen, Berliner Photographien, Bd. 1, S. 2/3; Vorabdruck dieser Texte in Der Hausfreund 9.1866-12.1869)

[ 83 ]
Wie vielfältig zumindest der Vertrieb der Tagespresse bereits in den 1870er Jahren war, wird u.a. daran erkennbar, daß die Beschlagnahmung eines Exemplars der Frankfurter Zeitung von 1876 z.B. "in der Zeitungsexpedition, bei Austrägern, an einem Kiosk, beim Postzeitungsamt und an anderen Orten" stattfand (Wetzel, Kulturkampf-Gesetzgebung und Sozialisten-Gesetz, S. 150, Anm. 1).

[ 84 ]
Nahnsen, Der Straßenhandel, S. 37 u. 38

[ 85 ]
Koszyk, Deutsche Presse im 19. Jahrhundert, S. 270

[ 86 ]
Koszyk, Deutsche Presse im 19. Jahrhundert, S. 270

[ 87 ]
Groth, Die Zeitung, Bd. 3, S. 141

[ 88 ]
Nahnsen, Der Straßenhandel, S. 39

[ 89 ]
Die Reklame, 6. Jg. (1896) S. 46

[ 90 ]
Ähnlich auch Bücher 1904

[ 91 ]
von Hassell, Auf der Straße, S. 37/38

[ 92 ]
von Hassell, Auf der Straße, S. 38

[ 93 ]
von Hassell, Auf der Straße, S. 38

[ 94 ]
von Hassell, Auf der Straße, S. 39

[ 95 ]
Literarischer Handweiser, Nr. 730, 1900, Sp. 41

 
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