Seite 14 «««

Seite 15

»»» Seite 16

1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.3 Vertriebsweisen
(Postvertrieb, Abonnement, Kolportage, Einzel- und Straßenverkauf, Bahnhofshandel, Kioskverkauf)

Bahnhofshandel

Als eine der Keimzellen des modernen Einzel- und. Straßenverkaufs kann der Bahnhofshandel gelten. Bereits in den Jahren 1845 bis 1850 war die Schlesische Zeitung (1848-1945) bzw. ihre Vorgängerin Privilegirte schlesische Zeitung (1820-1847; davor Schlesische privilegirte Zeitung, 1766-1819) des Breslauer Verlages Korn, von der Polizei unbemerkt, "am Bahnhof bei dem Abgang der Züge feil[ge]halten"[96] worden. Der Oberpräsident wollte den Einzelverkauf verbieten, doch der Innenminister genehmigte dieses Verfahren am 27. November 1847 und so blieb es bis zur Revolution. Erst in den 1870er Jahren erlangte der Zeitungs-, Zeitschriften- und Bücherhandel auf Bahnhöfen, vor allem in Berlin, wieder eine gewisse Bedeutung (s.o.), bis im Jahr 1882, nach Eröffnung der Berliner Stadtbahn, der preußische Eisenbahnminister Maybach den Buchhändler und Zeitschriftenredakteur und -Verleger Georg Stilke (Der Bazar, Die Gegenwart) mit dem Verkauf von Büchern und Zeitschriften auf den neuen Bahnhöfen betraute."[V]on nun an waren die sämtlichen großen Berliner, sonstigen führenden deutschen und ausländischen Zeitungen auf den Bücherständen zum Verkaufe ausgelegt."[97] Mit Verstaatlichung der preußischen Privatbahnen erhielt Stilke auch den Zeitschriften- und Büchervertrieb auf sämtlichen Bahnhöfen Berlins. "Und je weiter das Netz der preußischen Staatsbahnen sich ausdehnte und gewaltig wuchs Jahr um Jahr, desto mehr Bahnhöfe traten unter Stilkes Verwaltung und Bücherversorgung"[98], berichtet eine Festschrift des Verlages. Die Bahnhofsbehörden benutzten ihr Aufsichtsrecht dazu, "der Regierung mißliebige Zeitungen vom Bahnhofsvertrieb auszuschließen. Bis zur Revolution vom 9. November 1918 galt dies auch von den sozialdemokratischen Blättern."[99] Aufgrund seines Monopols konnte Stilke hohe Pachtsummen bezahlen, was dazu führte, daß offiziellen Angaben zufolge im Jahr 1926 an diese Firma 236 (= 40%) der bestehenden 560 Bahnhofsbuchhandlungen verpachtet waren. "Bemerkenswert ist es, daß mit Hilfe dieser Vertriebsform auch viele teure Unterhaltungszeitschriften verkauft werden. Der Reisende, der längere Zeit im Zuge fährt, bevorzugt eine ausgiebige Lektüre. Außerdem handelt es sich meistens um ein kaufkräftiges Publikum."[100]

 

[ 96 ]
Hans Jessen: 200 Jahre Wilhelm Gottl. Korn. Breslau 1732-1932. Breslau 1932, S. 277, zit. n. Meyer, Zeitungspreise in Deutschland, S.X

[ 97 ]
Häring, Georg Stilke, S. 58

[ 98 ]
Häring, Georg Stilke, S. 59

[ 99 ]
Bücher, Der Zeitungsvertrieb, S. 209

[ 100 ]
Lehmann, Einführung in die Zeitschriftenkunde, S. 135

 
Seite 14 «««

Seite 15

»»» Seite 16
zum Seitenanfang