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1. Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes

1.3 Vertriebsweisen
(Postvertrieb, Abonnement, Kolportage, Einzel- und Straßenverkauf, Bahnhofshandel, Kioskverkauf)

Kioskverkauf[101]

Eine vergleichbare Entwicklung erfolgte bei den Kiosken. Stilke gründete 1905 die Deutsche Kiosk-Gesellschaft mbH, um "Zeitungskioske, wie sie im Ausland, besonders in Paris und Skandinavien, aufgestellt waren, auch in Deutschland zu errichten."[102] Im Lauf der Zeit wurden zahlreiche Kioske errichtet, teils mit Normaluhren, Fernsprechern und Schreibgelegenheit ausgerüstet, denen durch Übernahme der Trinkhallen der seit 1859 bestehenden Gesellschaft der Berliner Trinkhallen (1909) sowie der Firma Berolina in Neukölln weitere hinzugefügt wurden. Im Jahr 1921 betrieb Stilke 90 Zeitungs- und Zeitschriftenkioske in Groß-Berlin. "Man kann bei ihnen neben den Ortszeitungen auch alle großen hauptstädtischen und Provinzblätter, ja selbst ausländische Zeitungen, illustrierte Zeitschriften jeder Art, dazu kleine Unterhaltungsliteratur, Kursbücher, Broschüren u. dgl. kaufen. Der Verkäufer oder die Verkäuferin ist räumlich von Publikum getrennt, gegen Wind und Wetter geschützt und darum dem gewöhnlichen Straßenhandel überlegen."[103]

      Als erste ausdrücklich für den Einzel- bzw. Straßenverkauf konzipierte Wochenzeitschrift gilt die Berliner Illustrirte Zeitung (1891-1945), deren erste Nummer im November 1890 erschien.[104] "Es war ein Groschenblatt, das man im Vorübergehen gern im Straßenhandel kaufte."[105] Der Erfolg war enorm: die Auflage von 14.000 im Gründungsjahr war 1914 auf über eine Million gestiegen. Ullstein führte nach der Gewerbegesetznovelle von 1893 sogar einen Musterprozeß, als dessen Ergebnis sich auch der Berliner Polizeipräsident der Meinung anschließen mußte, "daß der Straßenverkauf von Zeitungen und Zeitschriften auch in Deutschland durchaus nicht den öffentlichen Frieden stört."[106] Die BIZ war preiswert: während der - durchaus beträchtliche - Abonnementspreis in der Regel im voraus bezahlt werden mußte, ergab sich durch den Einzelverkauf die Möglichkeit, schon für 10 Pfg. ein Zeitschriftenheft zu erwerben.[107] Das Abonnement kostete anfangs 1,25 M pro Quartal, später 1,50 M, während der Preis einer Einzelnummer bis in die 1940er Jahre weiter 10 Pfg. betrug. War der Einzelverkaufspreis anfangs also weitgehend mit dem Abonnementspreis identisch, so lag er seit etwa Mitte der 90er Jahre deutlich darunter: den 6 M für ein Jahresabonnement standen 5,20 M im Einzelverkauf gegenüber.[108] Anders als die wenige Jahre später gegründete Jugend, die konsequent auf die Singularität jeder einzelnen Nummer setzte und deshalb den Abdruck längerer Texte ablehnte (s.u.), waren bei der BIZ jedoch Fortsetzungsromane "das Rückgrat".[109] Vor 1918 erschienen dort z.B. Romane und Erzählungen von R. Skowronnek - einem der erfolgreichsten Ullstein-Autoren überhaupt[110] -, Th.v. Harbou, A. Neumann-Höfer, W. Hegeler, P.A. Kirstein und C. Matthias, später auch von V. Baum, A. Schnitzler oder C. Zuckmeyer. Die erste, nur für den Straßenverkauf konzipierte Tageszeitung war Ullsteins B.Z. am Mittag, die seit 1904 erschien. Der zunehmende Einzelverkauf fand seinen Niederschlag auch in der Gründung des Fachblattes für den Zeitungs- und Zeitschrifteneinzelhandel Der Straßenhändler (1907; ab 1921: Der Zeitungshändler), das den Berufsstand der Grossisten vertrat, von denen aus "die vielen kleinen Straßenhändler[] und Kioskinhaber"[111] mit Zeitschriften versorgt wurden. Während Victor Klemperer noch 1903 in Paris den Zeitungskauf auf der Straße als "mir damals etwas ganz Neues" empfand, das "sich später auch in Deutschland einbürgerte"[112], sorgten im Jahr 1916 in Berlin 2400 Botenfrauen, 75 Radfahrer, 50 Zeitungsexpreßfahrer und 360 Straßenhändler für die Verbreitung allein der Periodika aus dem Mosse-Verlag. [113]

 

[ 101 ]
vgl. Nahnsen, Der Zeitungsvertrieb von Zeitungen und Druckschriften durch Kioske, in: ders., Der Straßenhandel, S. 71-74

[ 102 ]
Häring, Georg Stilke, S. 67

[ 103 ]
Bücher, Der Zeitungsvertrieb, S. 212

[ 104 ]
So Korff, Die 'Berliner Illustrirte', S. 279. Abweichend davon datiert die ZDB die erste Probenummer auf den 14. Dezember 1891.- Es ist eine Legende, der Straßenverkauf der BIZ sei erst seit der Übernahme durch Ullstein eingeführt worden.

[ 105 ]
Gidalewitsch, Bildbericht und Presse, S. 33

[ 106 ]
Otto Nahnsen: Der Straßenhandel mit Zeitungen und Zeitschriften in Berlin. Gießen 1922, zit. n. Kirchner, Das deutsche Zeitschriftenwesen, Teil II, S. 417

[ 107 ]
Vgl. die Faksimiles der Titelköpfe bei Ferber, Berliner Illustrirte Zeitung, S. 5-11: dort findet sich von Anfang an die groß gedruckte Preisangabe für eine Einzelnummer.

[ 108 ]
Sogar der Monatspreis von 45 Pfg. lag noch deutlich unter dem für ein Jahresabonnement

[ 109 ]
Ferber, Berliner Illustrirte Zeitung, S. 7

[ 110 ]
vgl. die Verkaufstabellen bei Bernhard, Die Geschichte des Hauses, S. 90/91

[ 111 ]
Bücher, Zeitungsvertrieb, S. 198; weitere Zahlen bei Groth, Die Zeitung, Bd. 3, S. 144/145

[ 112 ]
Curriculum Vitae, S. 330

[ 113 ]
Koszyk, Deutsche Presse im 19. Jahrhundert, S. 283

 
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