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2. Familienzeitschriften

2.1 Typische Formen

"Die Gartenlaube"

Als Ernst Keil 1853 Die Gartenlaube gründete, war er bereits ein erfahrener Zeitschriftenredakteur und -Verleger: 1840 übernahm er die Redaktion von Unser Planet (später Wandelstern), 1845 gründete er einen eigenen Verlag mit der liberalen Zeitschrift Der Leuchthurm, 1851 erwarb er den Illustrirten Dorfbarbier.[130] Mit der Gartenlaube bezweckte er zunächst eine Popularisierung der Wissenschaften: "Mit der naturwissenschaftlichen Aufklärung sollte unterschwellig auch eine politische für das Bürgertum Hand in Hand gehen";[131] v.a. die Autoren E. A. Roßmäßler, J. Liebig und A. Brehm standen mit ihren Namen für dieses Programm. Erzählerische Text von Romanlänge, deren Fortsetzungen über mehr als nur fünf oder sechs Hefte liefen, wurden erst mit den Erfolgen von E. Marlitt (seit 1866) zum Markenzeichen der Zeitschrift. Die Gartenlaube war schnell erfolgreich und wurde zum Prototyp: im Verständnis der Zeitgenossen war sie das Familienblatt schlechthin. Die Auflage nahm bis Mitte der 1870er Jahre kontinuierlich zu: die Startauflage betrug 5000 (1853), nach acht Jahren waren 105.000 (1861), nach weiteren sechs 210.000 (1867) erreicht [132] ; zu Beginn des Kaiserreichs gelang der Sprung auf 310.000, für 1875 ist die höchste Auflage von 382.000 überliefert. Damit war das Blatt nach eigener Aussage die meistgelesene Zeitschrift der Welt.[133] Danach sank die Auflage auf 284.000 (1883), was sich längere Zeit als stabiles Niveau erwies (1895: 275.000).1883 ging die Gartenlaube (unter der Verlags-Bezeichnung Ernst Keils Nachf.) in das Kröner-Konsortium unter Leitung Adolf Kröners über, der von 1886 bis 1903 auch als verantwortlicher Redakteur zeichnete und dem Blatt "ein modernes, der Zeit angepaßtes publizistisches Gewand"[134] verpaßte: Anzahl und Qualität der Illustrationen wurde erhöht, neue Autoren (u.a. Spielhagen, Fontane [135], Raabe, Ganghofer, Ebner-Eschenbach) konnten gewonnen werden; Ernst Keils Nachf. wurde 1898 mit der Gartenlaube an die Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart und im Dezember 1903 an den Verlag August Scherls (Berlin) verkauft, der seit 1900 - durch seine Anteile am Spemann-Verlag - bereits Teilhaber der Union war. Für die Zeit nach 1900 sind keine konkreten Auflagenzahlen der Gartenlaube mehr bekannt [136]; Angaben in den maßgeblichen Fachorganen (Sperling, Mosse) fehlen, was Hinweis auf ein deutliches Absinken der Verkaufszahlen zu sein scheint.[137] Dafür sprechen auch die Aktivitäten der Union bzw. Scherls: in relativ kurzer Zeit wurden einige der bekanntesten und ältesten Konkurrenzblätter mit der Gartenlaube vereinigt: 1901 ging die Illustrirte Chronik der Zeit (1872-1900) in die Gartenlaube über; zum 1. Januar 1906 vereinigte Scherl seine ebenfalls von der Union erworbene Familienzeitschrift Vom Fels zum Meer (die aber als Parallelausgabe noch bis 1917 weitergeführt wurde) und deren Wochenausgabe Die weite Welt mit dieser, und im gleichen Jahr wurde das Beiblatt Die Welt der Frau gegründet und der Gartenlaube beigelegt. Aktivitäten, die einer sinkenden Attraktivität des alten Blattes entgegen wirken sollten, indem sie diesem den Abonnentenstamm der anderen Zeitschriften zukommen ließen. (Im Jahr 1937 betrug die Auflage der Gartenlaube noch 80.595 [138]).
      Schon früh hatte Keil - zunächst zur Umgehung der Zensur - auf publizistische Diversifikation gesetzt: neben dem Beiblatt Deutsche Blätter erschien 1855 bis 1861 die von A. Diezmann herausgegebene Zeitschrift Aus der Fremde, welche die 'nationale' Gartenlaube mit internationalen Themen ergänzen sollte und 1862 mit dieser verschmolz. 1864/65 erschien das mit der Gartenlaube weitgehend identische Familienblatt Der Volksgarten, und seit 1886 - angeregt durch die entsprechende Praxis des Daheim bzw. die Kalenderprojekte der Zeitschriftenverleger Payne, Weber u.a. - der Gartenlaube-Kalender.

 

[ 130 ]
Zur Geschichte der Gartenlaube vgl. Barth, Zeitschrift für Alle, S. 299-337

[ 131 ]
Barth, Zeitschrift für Alle, S. 306

[ 132 ]
Das für Preußen von 1862 bis zur Mitte 1866 wirksame Verbot der Gartenlaube hatte zunächst einen Rückgang der Auflage um 55.000 zur Folge (Barth, Zeitschrift für Alle, S. 323/324).

[ 133 ]
Barth, Zeitschrift für Alle, S. 325

[ 134 ]
Barth, Zeitschrift für Alle, S. 331

[ 135 ]
zu den Auswirkungen des publizistischen Umfeldes der Gartenlaube auf die Romane Fontanes vgl. Kampel, Fontane und die Gartenlaube

[ 136 ]
Barth, Zeitschrift für Alle, gibt für 1905 die Auflage mit 100.000 an; diese Zahl läßt sich für dieses Jahr jedoch nicht konkret belegen.

[ 137 ]
In einem Inserat für Werbekunden hieß es 1896, die Gartenlaube besäße "Hunderttausende" Abonnenten (Mosse-Katalog, 29. Jg. 1896), während diese Angabe im Folgejahr, bei ansonsten gleichlautendem Anzeigentext, auf "mehr als Hunderttausend" korrigiert wurde (ebd. 30. Jg. 1897).

[ 138 ]
Seyb, Das Vertriebswesen des werbenden Buch- und Zeitschriftenhandels, S. 36

 
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