Seite 22 «««

Seite 23

»»» Seite 24

2. Familienzeitschriften

2.1 Typische Formen

"Daheim" [152]

Seit 1862 plante der Bielefelder Verleger August Klasing, unterstützt von dem Kreisen der Inneren Mission nahestehenden 'Daheim-Comité', eine christliche Familienzeitschrift als bewußte Gegengründung zur liberalen Gartenlaube.[153] An seinen Sohn schrieb der Verleger 1862, er sei aufgefordert worden, "eine illustrierte Zeitschrift herauszugeben in der Art der 'Gartenlaube', aber insofern ein Gegensatz zu ihr und ihren Schwestern, als sie eben auf christlicher Weltanschauung beruhen soll. Nicht aber etwa in erbaulichem Tone und entsprechender Tendenziösität soll sie gehalten sein, sondern auch eben belletristisch wie die anderen [...] ein Familienblatt für die deutsche Familie."[154] Später präzisierte er: "Die Familie bezielen wir, aber nicht die pietistische, wohl aber die deutsche und christliche."[155]
      Die Auflagenentwicklung des Daheim, das im Herbst 1864 zu erscheinen begann, entsprach jedoch zunächst nicht den Vorstellungen des Verlegers: im Dezember 1864 betrug sie 24.000, bis zum Frühjahr 1870 war sie auf 39.000 angewachsen. Der deutsch-französische Krieg führte auch bei diesem Blatt zu einer enormen Auflagensteigerung: im Herbst 1870 hatte das Blatt 70.000, zwei Jahre später sogar 80.000 Abonnenten; in den Jahrzehnten danach sank die Auflage wieder auf das Vorkriegsniveau (1874: 44.000, 1936: 43.000). Der Verlag sah sein Hauptpublikum "in den Kreisen der Rechten und es Zentrums"[156] , katholische Leser waren aufgrund der preußisch-protestantischen Orientierung naturgemäß in der Minderheit. Die Abonnenten der Zeitschrift lebten überwiegend in Norddeutschland, nur wenige Exemplare wurden in die katholischen Gegenden nach Österreich und Bayern verschickt.[157] Bezeichnend für Leserschaft und Tendenz ist die Roon-Affäre:[158] im November 1864 wurde eine vertrauliche Verfügung des preußischen Kriegsministers v. Roon publik, in der dieser das neugegründete Blatt Daheim "zur Lektüre in militärischen Kreisen, selbst in denen der Unteroffiziere und Soldaten" empfahl; gleichzeitig lobte auch der preußische Innenminister Eulenburg seinen Provinzialbehörden gegenüber "die vortreffliche Tendenz" des Daheim. Diese - in Preußen nicht ungewöhnliche - obrigkeitliche Unterstützung für regierungsfreundliche Periodika führte zu einem "Zeitungsskandal", der das Daheim schlagartig bekannt machte, aber für Auflage und Image negative Folgen zeitigte. Renommierte Autoren wie Gerstäcker und Rodenberg sahen sich in eine Frontstellung zu ihren Hausblättern (Gartenlaube) gebracht und zogen ihre Mitarbeit zurück.
      Das "Daheim-Comité" sammelte Gelder und bewilligte Darlehen in der Gründungsphase; Klasing sah in der Gründung des Daheim regelrecht "eine göttliche Weisung"[159], ganz im pietistischen Verständnis, dass nicht das Unternehmen von ihm, sondern er von diesem geleitet würde. Mit der protestantischen Ethik verbanden sich im Daheim Begriffe wie Zucht, Vaterland und Sitte, die den deutsch-nationalistischen Aspekt betonten.
      Die beiden weltanschaulichen Protagonisten Keil und Klasing unterschieden sich in ihren - jeweils "ethisch" orientierten - Beweggründen noch deutlich von der später sog. "Familienblatt-Industrie", die sich, v.a. ab den 1890er Jahren, vorwiegend an ökonomischen Zielsetzungen orientierte. Redakteur des Daheim war Robert König, ursprünglich Schulpädagoge, der dafür das sehr hohe Jahresgehalt von 8000 Talern bezog.[160] Der Verlag war allerdings schon bald sehr unzufrieden mit Koenig, den sein Verleger privatim als "eine[] Null von Redakteur"[161] bezeichnete. Seit Juni 1876 hatte das Daheim als zusätzlichen neuen Mitarbeiter den auch von Fontane geschätzten Th. H. Pantenius, erst 1899 nahm R. König von der Zeitschrift endgültig Abschied. Nachfolger in der Redaktion wurden später die Schriftsteller H. v. Zobeltitz und P. O. Höcker, der als Schriftsteller auch für die Gartenlaube und verschiedene Ullstein-Zeitschriften arbeitete. Die Zeitschrift bestand bis zum 79. Jg (1943), als sie mit Welt und Haus vereinigt wurde; beide stellten im September 1944 endgültig ihr Erscheinen ein.
      Die Rubriken des Daheim blieben über die Jahre sehr konstant, waren deutlich meist fast wörtlich an denen der Gartenlaube orientiert; wie bei anderen Zeitschriften auch gab es mit den 90er Jahren eine stärkere Auffächerung in einzelne Unterrubriken. Inhaltlich bildete in den Anfangsjahrgängen Erzählung und Novelle den Schwerpunkt, später gewann, ebenfalls wie bei der Gartenlaube, der Roman als erzählender Beitrag ein deutliches Übergewicht.
      Eine der Lieblingsgestalten des Daheim war Bismarck, über den jahrzehntelang immer wieder berichtet wurde; noch 1914 warf die Daheim-Redaktion der Gartenlaube vor, Bismarck sei für sie der "bestgehaßte Mann" gewesen.[162] Aufgrund der christlich-konservativen und national-vaterländischen Haltung wurde das Daheim von Gegnern auch als "Kasernenblatt" bezeichnet; die Redaktion selbst empfand das als Ehrentitel.[163] Zugleich verweist der Begriff auf einen Teil des Lesepublikums: kasernierte Männer, die das propagierte Familienideal gerade nicht leben konnten und Ersatz suchten an der idealen Konstruktion von "Familie", die das Blatt bot. Einen anderen, bildungsbürgerlich orientierten Teil des Publikums erreichte man, im Zeichen weiterer Ausdifferenzierung, durch eine Neugründung: die Neuen Monatshefte des Daheim (1.1886/87-3.1888/89; dann: Velhagen & Klasings neue Monatshefte, 4.1889/90-5.1890/91), angelehnt u.a. an Westermann's illustrirte deutsche Monatshefte und Vom Fels zum Meer, entwickelten sich unter dem Titel Velhagen & Klasings Monatshefte (6.1891/92-61.1953) zu einer der erfolgreichsten illustrierten Revuen Deutschlands.

 

[ 152 ]
Vgl. Barth, Zeitschrift für Alle, S. 339-365

[ 153 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 43; die folgenden Angaben ebd. S. 43ff.

[ 154 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 48

[ 155 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 50

[ 156 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 95

[ 157 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 96

[ 158 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 101-108

[ 159 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 51

[ 160 ]
andere Redakteure verdienten zu dieser Zeit zwischen 600 und 1500 Talern (Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 64)

[ 161 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 65

[ 162 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 80

[ 163 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 83

 
Seite 22 «««

Seite 23

»»» Seite 24
zum Seitenanfang