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2. Familienzeitschriften

2.1 Typische Formen

Religiöse Familienzeitschriften

Die Wirkungsmacht von Zeitungen und Zeitschriften wurde v.a. von konfessioneller Seite gerne als sehr hoch eingeschätzt. Beklagt wurde immer wieder, daß die neuen Massenmedien die allgemeine Säkularisierung der Gesellschaft beförderten. Von katholischer Seite aus stand die Gartenlaube im Zentrum dieser Kritik; 1876 z.B. wurde ihr von L. Deibel in einer umfangreichen Schrift "Materialismus", Kulturkampfterminologie und Nähe zum Freimaurertum vorgeworfen.[164] Auch auf einem Kongreß der Inneren Mission, der ebenfalls 1876 in Dresden stattfand, wurde konstatiert: "Im Ganzen wird durch diese Unterhaltungsblätter, obgleich sie im Einzelnen viel Wissenswerthes, Lehrreiches und Gutgeschriebenes enthalten, eine zerstreuende und verflachende Leserei befördert und zugleich, was schlimmer ist, wesentlich dazu beigetragen, den mit superkluger, kritischer Nüchternheit gepaarten Diesseitigkeitsrausch zur habituellen Stimmung der heutigen gebildeten Welt zu machen."[165] Zwar hatte es seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf evangelischer wie katholischer Seite immer wieder Versuche gegeben, durch religiöse Vereinspublikationen im Zeitschriftenbereich auch ein etwas breiteres Publikum zu erreichen, etwa durch Missions- oder Volksblätter; doch keines dieser Blätter, wie z.B. das Volksblatt für Stadt und Land [165a], das Evangelisch-lutherische Missionsblatt (Leipzig), Der christliche Pilger (Speyer) oder der Evangelische Reichsbote (Berlin), erreichte eine nennenswerte Auflage. Die verbreitetsten Blätter gab es im katholischen Bereich, wo das Katholische Volksblatt (Mainz) 1868 25.000 Abonnenten hatte, das Wochenblatt für das christliche Volk (Augsburg) im gleichen Jahr 19.000.

      Der am 20. November 1871 in Köln gegründete katholische Görresverein sollte dem "schlechten Einflusse der Tagespresse, der illustrierten und nicht illustrirten periodischen Presse"[166] durch Massenverbreitung 'volkstümlicher' Schriften entgegenwirken.[167] Analog war das Daheim letztlich auf Anregungen aus Kreisen der Inneren Mission zurückgegangen [168]. Auf Betreiben des Evangelischen Kirchentags in Brandenburg 1862 kam es im September 1863 zu einer "Spezialkonferenz über die Unterhaltungsliteratur der Gegenwart", auf der F. Schaubach des Hauptreferat mit dem Titel "Die Unterhaltungsliteratur der Gegenwart in ihrer Stellung zu den sittlichen Grundlagen des Volkslebens" hielt. Darin wurde die Unterhaltungsliteratur durchaus nicht nur verdammt, sondern für die Ausweitung des Blicks der Menschen über die eigenen vier Wände hinaus ausdrücklich gelobt. Zudem konstatierte Schaubach, vor allem wohl mit Blick auf die Erzähltexte der Traktatvereine: "Langweiligkeit ist keine Sünde, aber jedenfalls ein Fehler". Als das Daheim im Dezember 1864 erschien, war es als Einlösung eines Programms vorgesehen, das eine Öffnung hin zu mehr Vielfalt vorsah. Vier Jahrzehnte später (1908) wies die evangelische Pressestatistik 30 Unterhaltungs- und Familienblätter mit einer Gesamtauflage von 845.500 auf, dazu kamen 84 Sonntags- und Volksblätter mit einer Auflage von zusammen 1.778.711. Der katholische Publizist Heinrich Keiter konstatierte angesichts dieser Situation und den Erfolgen der liberalen Zeitschriften 1896 eine "konfessionelle Brunnenvergiftung", die er "zum weitaus größten Teil in der Unterhaltungsliteratur"[169] und dort v.a. im Zeitschriftenwesen angelegt sah. Tatsächlich durchzog eine "polemische Grundhaltung des Protestantismus gegenüber dem Katholizismus [...] mehr oder weniger deutlich die gesamte protestantische Presse."[170] Während des 'Kulturkampfes' kam es deshalb auf katholischer Seite zu verstärkten Anstrengungen um die Gründung eigener populärer Familienzeitschriften; am erfolgreichsten wurden die Blätter Alte und Neue Welt. Illustrirtes Familienblatt zur Unterhaltung und Belehrung (Einsiedeln: Benziger 1.1867 - 79.1945) und Deutscher Hausschatz in Wort und Bild (Regensburg: Pustet 1.1874/75 - 18.1891/92 ) bzw. Deutscher Hausschatz. Illustrirte Familienzeitschrift (ebd. 19.1892/93 - 78.1953) bzw. Hausschatz (Nürnberg 79.1953 - 82.1957). Der Deutsche Hausschatz war die erste deutsche katholische Familienzeitschrift, vom ersten Jahrgang wurden 7500 Exemplare gedruckt, und im Verlauf der nächsten Jahre entwickelte sich die Zeitschrift zu einer ernsthaften Konkurrenz für das acht Jahre ältere schweizerische Blatt. "Als direkte Reaktion auf die Regensburger Neugründung paßte auch Benziger die Physiognomie seiner Zeitschrift den neuen Verhältnissen an: Alte und Neue Welt wurde von einer Monats- in eine Wochenschrift umgewandelt, Umfang und Preis wurden erhöht, und die besondere Rücksichtnahme auf jugendliche Interessen - bislang eine wichtige Zielgruppe - wurde aufgegeben."[171] Alte und neue Welt soll beim 9. Jahrgang (1874) 80.000 Abonnenten gehabt haben,[172] eine Zahl, die offenbar ebenfalls mit dem 1870/71er Krieg zusammenhängt und später nicht mehr erreicht wurde: 1883 betrug die Auflage 50.000, 1893 hatte sie sich halbiert auf 25.000. Die Auflage des Deutschen Hausschatz erreichte erst in den 1890er Jahren (1889: 20.000) etwa die des unmittelbaren Konkurrenzblattes, um es dann zur Jahrhundertwende zu überholen (1901: 37.000). Die Auflagen kleinerer Blätter lagen meist zwischen 2000 und 5000, regional orientierte Zeitschriften - etwa Die katholische Welt aus Limburg (1901: 12.500) - überschritten gelegentlich die 10.000. Der Erfolg der katholischen Familienzeitschriften im Bürgertum blieb äußerst begrenzt; deshalb mahnten Kritiker immer wieder an, sich an das 'Volk' statt an die Gebildeten zu wenden. Über die bemerkenswerte Jugendzeitschrift Raphael, die 1890 bereits eine Auflage von 10.000 aufwies, hieß es beispielsweise, sie solle vermehrt kürzere Artikel bringen und "nicht die 'gebildete' Jugend, sondern immer nur die Jugend aus dem Volke vor Augen [] haben; denn von den oberen Zehntausend halten wohl auch manche den 'Raphael', die Kerntruppen der Leser aber stammen aus dem Volke."[173] Ähnlich hieß es später über Haus und Welt (Dortmund: A. Wulff), "die erste katholische Frauen- und Modezeitg, welche auf deutschem Boden entstanden ist", sie solle "nicht mit den 'oberen Zehntausend' sondern mit den breiteren Schichten des 'höheren Bürgerstandes' [...] rechnen".[174]
      Die Anwerbung produktiver Autoren, die über den engeren Kreis des katholischen Milieus hinaus bekannt und beliebt waren, blieb für die katholischen Familienzeitschriften eine Schwierigkeit, die praktisch während des gesamten Kaiserreichs nicht befriedigend gelöst werden konnte: hier hatten Gartenlaube, Daheim, Das Buch für Alle u.a. eher protestantisch bzw. preußisch-vaterländisch bzw. national orientierte Blätter Maßstäbe gesetzt, mit denen katholische Zeitschriften kaum konkurrieren konnten. Auch deshalb konnte ein Ausnahmetalent wie Karl May, der trotz seines protestantischen Bekenntnisses lange als katholischer Autor galt, zeitweise für die Publikumsbindung verschiedener katholischer Periodika (seit 1879: Deutscher Hausschatz, seit 1883: Feierstunden und Im Familienkreise, eine Gratis-Beilage des Rheinischen Merkur, aus dem Kölner Verlag von Heinrich Theissing, seit 1891: diverse Marienkalender) von übermächtiger Bedeutung werden, obwohl ihn die katholische kritische Publizistik zunächst beinahe systematisch ignorierte und später, v.a. durch Carl Muth und Hermann Cardauns, demontierte.

 

[ 164 ]
Deibel, 'Die Gartenlaube'

[ 165 ]
Pastor Krummacher, Die christliche Presse, S. 9

[ 165a ]
vgl. ausführlich zu dieser Zeitschrift: Müller-Salget, Erzählungen für das Volk, S. 41-68

[ 166 ]
Görres-Verein, S. 8

[ 167 ]
Die Polemik mancher Schriften des Görresvereins brachte, analog zu 'anti-jesuitischen' bzw. 'ultramontanen' Verschwörungstheorien auf protestantischer Seite, aggressive antisemitische Töne in die Zeitschriften- bzw. Pressedebatte, die in den nachfolgenden Jahrzehnten immer weiter zunahm und eine Kontinuität bis zum Faschismus bewahrte: z.B. ebd. S. 5, Schaubach (1869), von Hassel (1902), Ramseger (1941) und Kainz (1943).

[ 168 ]
Mehnert, Evangelische Presse, S. 148/149

[ 169 ]
zit. n. Graf, Der Verlag von Heinrich Theissing, S. 94

[ 170 ]
Mehnert, Evangelische Presse, S. 176

[ 171 ]
Graf, Der Verlag von Heinrich Theissing, S. 94

[ 172 ]
Literarischer Handweiser, zunächst für das katholische Deutschland, 1874 (13. Jg.) Nr. 157, Sp. 333)

[ 173 ]
Literarischer Handweiser, 1890, Nr. 514, Sp. 638

[ 174 ]
Literarischer Handweiser, 1900, Nr. 729, Sp. 2 u. 3

 
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