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2. Familienzeitschriften

2.2 Romane und Erzählungen

Ein wichtiges Profilierungsmerkmal der Familienzeitschriften waren die belletristischen Texte - "beinahe die gesamte Erzählliteratur dieser Ära ist zunächst so unter die Leute gekommen"[175]: "Allgemein wie ihr Publikum waren die Autoren, die für die Familienzeitschriften schrieben. Bis zu den Naturalisten gab es - auch wegen der guten Honorare - keinen Erzähler von Rang, der nicht zu ihren Autoren gezählt hätte. So waren die Familienzeitschriften Ergebnis und Schöpfer einer gemeinsamen deutschen Literatur, die den Unterschied von Dichtung und Unterhaltungsliteratur nicht kannte. [...] Bei der Lektüre der Marlitt oder Fontanes, Scheffels, Gerstäckers oder Mays vereinigte sich die ganze Nation."[176]
Angesichts hoher Bücherpreise konnten die Familienzeitschriften mit ihren belletristischen Texten eine Marktlücke füllen: "Das Feuilleton der großen politischen Blätter und die populären Zeitschriften bringen gegenwärtig so viel an Erzählungen und anderem schöngeistigem Stoff zu einem Preise an ihre Abnehmer, daß [...] der Romanliteratur der letzte Rest ihrer Käufer - außerhalb der Leihbibliotheken - entzogen wird."[177] Die Gartenlaube setzte auch hier Maßstäbe, denen selbst eine Zeitschrift wie der Bazar, der zunächst als reines Modeblatt geplant war, nicht entgehen konnte. Zwischen 1850 und 1880 erschienen dort bekannte Autoren wie G. Hiltl, F. Gerstäcker, Th. Fontane, L. Hesekiel, L. Mühlbach, K. Frenzel, I. Turgenjew, M. Ring, W. Jensen, H. Kletke, A.E. Brachvogel, E. Eckstein, E. v. Bibra, F. Friedrich, H. Wachenhusen, E.M. Vacano, G. Höfer, I. Kurz, H. Seidel u.a. Selbst die programmatisch vorwiegend am Bild orientierten Zeitschriften druckten Romane und Erzählungen ab: bei der Leipziger Illustrirten Zeitung waren es z.B. P. Heyse, Th. Fontane, P. Rosegger, Th. Storm und F. Schanz,[178] bei der Berliner Illustrirten Zeitung hießen die Romanautoren u.a. A. v. Perfall, M. Kretzer, R. Herzog, R. Stratz, F. v. Zobeltitz, R. Skowronnek, P. O. Höcker, und später C. Viebig, G. v. Ompteda, R. Huch, Th. v. Harbou, B. Kellermann, N. Jacques.[179]
      Im Daheim war G. Hiltl, der neben vaterländischen Romanen, Skizzen und Beitragsserien von Kriegsschauplätzen auch kulturhistorische Studien lieferte, Hauptmitarbeiter für die erzählerischen Texte. Verleger A. Klasing schätzte Hiltl höher ein als Th. Fontane.[180] Sehr beliebt waren die Militärgeschichten von G. Hesekiel, daneben gehörten O. Wildermuth, W. Jensen, E. Wiechert und H. Seidel und mit Sachtexten W.H. Riehl, V. F. v. Strauß zu den regelmäßigen Beiträgern des Blattes. Gelegentlicher Beiträger war auch Th. Fontane, dessen Roman "Vor dem Sturm" (1878) im Daheim abgedruckt wurde; sogar die Gartenlaube-Autorin W. Heimburg war mit einem Roman vertreten (1884, "Das Fräulein Pate"). Insgesamt war es weniger das "mittelmäßige[] literarische[] Niveau"[181] des Blattes, als der geringere Unterhaltungswert, der den Aufstieg zu einer ernsthaften Konkurrenz der Gartenlaube verhinderte; den teils großartig erzählten Romanen der Marlitt[182] etwa hatte das Daheim nichts gleichwertiges entgegen zu setzen.
      Zwar hatte R. Prutz nach Gründung der Gartenlaube moniert: "Die schwächste Partie sind bis jetzt noch die belletristischen Beiträge", sah aber "durch die Theilnahme von Amely Bölte, Ludwig Storch etc."[183] einen positiven Anfang gemacht. Über die Jahrzehnte offenbart der Blick auf die Autoren der Gartenlaube deren Wandel in Bezug auf Tendenz und Publikum: vom liberal-fortschrittlichen zum national-liberalen Familienblatt weiter zur politisch eher zurückhaltenden Frauenzeitschrift. Anfangs bestimmten Autoren der realistischen Richtung wie M. Ring, O. Ruppius, F. Stolle, E. Willkomm, F. Gerstäcker und J.D.H. Temme, häufig mit Vormärz- bzw. 48er-Erfahrung, das erzählerische Profil der Zeitschrift (vgl. Tab 2). Prototyp dieser Autorengeneration ist der ehemalige Kriminalgerichtsdirektor und Staatsanwalt J.D.H. Temme (1798-1881), der als demokratisches Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung mehrfach des Hochverrats angeklagt und ohne Pensionsanspruch entlassen wurde. Von seinen vielgelesenen Kriminal- und Detektivgeschichten, mit denen er, gemeinsam mit A. Streckfuß, diese Erzählgattung in Deutschland begründete[184] , wurden 35 zwischen 1855 und 1878 in der Gartenlaube publiziert; damit war Temme der meistgedruckte Autor des Blattes überhaupt. Auch die frühen Marlitt-Romane, die seit 1865 abgedruckt wurden - und keineswegs von allen männlichen Kritikern getadelt wurden [185] -, setzten die gesellschaftskritische Tendenz der Zeitschrift erzählerisch um.[186] Der enorme Erfolg dieser Autorin beruhte zudem auf ihrer intimen Kenntnis diffiziler psychologischer Zusammenhänge, v.a. im Zusammenspiel der Geschlechter, was sie offenbar zur Lieblingsautorin des sich wandelnden Publikums der Familienzeitschriften prädestinierte: der Frauen.[187] Die Wünsche dieses Publikums spiegeln sich auch in der Zusammensetzung der Autoren: waren in den ersten achtundzwanzig Jahren des Bestehens noch weniger als 20% der häufigsten Gartenlaube-Autoren Frauen, so wuchs der Frauenanteil zwischen 1881 und 1902 auf 50% an (vgl. Tab.3)! Einige Schriftstellerinnen, die v.a. das Genre des Frauenromans bedienten, wurden (nach Temme und seinen Kriminalgeschichten) zum neuen 'Markenzeichen' der Gartenlaube.

      Nach den Erfolgen E. Marlitts, deren Veröffentlichungen von 1865 bis 1888 liefen, waren dies v.a. W. Heimburg (1878 bis 1913), E. Werner (1870 bis 1902), I. Boy-Ed (1889 bis 1916) und L. Westkirch (1892 bis 1912).[188] Es gab jedoch auch unter den männlichen Autoren der Gartenlaube einige besonders produktive: anfangs waren dies neben J.D. H. Temme (1855 bis 1878) H. Schmid (1860 bis 1880) und L. Schücking (1858-1875), im mittleren Zeitraum H. Arnold (1888 bis 1901) und L. Ganghofer (1884 bis 1915), dessen Mitarbeit bis zum Ersten Weltkrieg reichte, sowie nach 1900 v.a. G. v. Ompteda (1903 bis 1916), R. Stratz (1903 bis 1917) sowie H. Hyan, A. v. Perfall und R. Herzog.[189] Auffallend ist ein allgemeiner Generationenbruch gegen Ende der 70er Jahre: von den Autoren aus dem Zeitraum vor 1880 erscheinen nur zwei (P. Heyse, E. Werner)[190] in der Statistik für die folgenden Jahrzehnte; um 1900 dagegen herrscht Kontinuität: Nicht wenige der beliebtesten Autoren der 80er und 90er Jahre gehörten auch zu den meistgedruckten in den beiden Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende (I. Boy-Ed, L. Ganghofer, W. Heimburg, P. Heyse, A. v. Perfall, E. Treu, H. Villinger, L. Westkirch); daß die Mehrzahl hiervon Frauen waren, entspricht der allgemeinen Tendenz (Tab.4). Die neben Temme im ersten Zeitraum meistgedruckten Autoren waren H. Schmid, L. Schücking, A. Schrader, A. Godin und M. Ring, die alle auch zu den beliebtesten Autoren der damaligen Leihbibliotheken gehörten.[191] Die erfolgreichsten Gartenlaube-Schriftsteller der beiden letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren H. Arnold (d.i. Bertha v. Bülow), W. Heimburg, L. Ganghofer, E. Werner, E. Muellenbach und E. Treu; nur die beiden letztgenannten tauchen in Leihbibliothekskatalogen nicht auf. Dagegen waren I. Boy-Ed, G.v. Ompteda, R. Stratz und A. v. Perfall, die beliebtesten Gartenlaube-Autoren vor dem Ersten Weltkrieg, dort auch vielfältig vertreten. Eine Ausnahme bildet nur Hans Hyan, dessen auf den Zeitschriften- bzw. Zeitungsrahmen zugeschnittene Kriminal-Shortstories zwar nicht die Buch-[192] , offenbar aber eine Leihbibliotheksverwertung behinderten. Hier deutet sich eine neue Tendenz des literarischen Tagesmarktes um 1900 an: der massive Bedarf an literarischen Kurztexten, sogenannten - wie der ältere Begriff lautete - Novelletten bzw. - mit dem neueren Begriff - Skizzen. Spezialisiert auf diesen Bereich war die 1897 bis 1899 erscheinende Monatsschrift Kurze Geschichten aus dem Deutschen Verlagshaus in Berlin[193]; die von F. Heinemann herausgegebenen und von P. Schettler redigierten Bändchen von je etwa 100 Seiten, die 1900/1901 mit dem Titel Vitas Novellenschatz (Moderne kurze Geschichten)[194] erschienen, stellten faktisch, auch durch ihre formale Anlehnung an Schönleins Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, eine Art Romanzeitschrift dar.

      Die meisten Familienblatterzählungen beschäftigten sich mit historischen oder zeitgeschichtlichen, in der unmittelbaren Gegenwart angesiedelten Stoffen; dabei bedingte die massenmediale Struktur der Unterhaltungszeitschriften einen hohen Konventionalisierungsgrad der verschiedenen Erzählschemata. Kennzeichnend für die Historien-, Gesellschafts-, Tendenz-, Liebes-, Frauen-, Abenteuer-, Geheimnis-, Kriminal- und später Kolonialerzählungen der Unterhaltungspresse war ein "demonstrative[r] und hochgradig konventionalisierungsanfällige[r] Gebrauch 'klassischer' Merkmale"[195]; die Beschränkung auf 'gesicherte' Erzählmittel erleichterte bzw. ermöglichte erst die populäre, nicht an Avantgardediskursen orientierte Kommunikation der (wenig gebildeten) Vielen.[196] Mit diesen Voraussetzungen mußten nicht nur Autoren wie Fontane, Storm und Raabe rechnen, wenn sie in Unterhaltungszeitschriften publizieren wollten. "Zu erwarten, der veränderte Medienkontext der für die Presse geschriebenen 'realistischen' Literatur habe neue Textstrukturen erzeugt, [...] diese 'Ursprungsmythe' von medientechnisch erzeugter neuer ästhetischer Struktur verkennt sämtliche Funktionszusammenhänge dieser Literatur."[197] Dennoch wurden die Autoren keineswegs zu "bewußtlosen Agenten des Mediums"; sie beharrten - im Einklang mit dem Pressekontext - auf der Autonomie ihrer ästhetischen Position und artikulierten ihre jeweilige Eigenart "als kritische Position zur Medialität gewissermaßen aus deren Mitte heraus".[198] Ob Th. Fontane, P. Rosegger oder B. Möllhausen: ihre Romanvorabdrucke wurden für die Zeitschriften gekürzt und jeder kämpfte auf seine Weise mit den Redaktionen um die Autonomie seiner Position; der letztgenannte brach 1888 mit dem Spemann-Verlag, nachdem sein Roman "Haus Montague" für Vom Fels zum Meer gekürzt worden war. Möllhausens bitteres Fazit: "Lieber würde ich ja meine Manuscripte verbrennen, als sie noch einmal einer Firma u. deren Beamten anzuvertrauen, die mit meiner teuren Arbeit verfahren, wie der Lumpensammler mit einem Ballen Hemden."[199]

 

[ 175 ]
Schrader, Autorfedern unter Preß-Autorität S. 4

[ 176 ]
Schrader, Autorfedern unter Preß-Autorität, S. 103

[ 177 ]
Hamburger Nachrichten Nr. 227 (1864)

[ 178 ]
Lehmann, Illustrierte, Sp. 1781

[ 179 ]
Korff, Berliner Illustrirte Zeitung, S. 298

[ 180 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 84

[ 181 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 87

[ 182 ]
vgl. die Sachartikel zu den Marlitt-Romanen in: Reclams Romanlexikon

[ 183 ]
Deutsches Museum 1854, Nr. 2, S. 33

[ 184 ]
vgl. Hügel, Untersuchungsrichter

[ 185 ]
vgl. Steiger, Was unser Volk liest, S. 30/31

[ 186 ]
vgl. Wallraff, Die 'Bürgerliche Gesellschaft' im Spiegel deutscher Familienzeitschriften, S. 10-17

[ 187 ]
Grundlegend zu dem komplexen sozialpsychologischen Zusammenhang von Frauen- bzw. Mädchenlektüre und männlicher Leserkritik: Wilkending, Mädchenlektüre und Mädchenliteratur

[ 188 ]
vgl. Graf, Briefwechsel E. Werner / J. Kürschner, S. 227-232

[ 189 ]
Bei den Angaben der Tabellen zum Zeitraum der Mitarbeit ist zu bedenken, daß einige Autoren durchaus bereits zu einem früheren Zeitraum Beiträge beigesteuert haben können, dies jedoch in der entsprechenden Tabelle nicht erscheint, da sie dort mit weniger als vier Texten vertreten waren.

[ 190 ]
W. Heimburg in Tab.1 und E. Marlitt in Tab.2 sind mit jeweils weniger als vier Texten nur zum Vergleich aufgenommen.

[ 191 ]
Vgl. Martino, Die deutsche Leihbibliothek, Namenregister

[ 192 ]
Kosch, Deutsches Literatur-Lexikon (Halle 1927) weist 45 Buchveröffentlichungen Hyans vor 1918 nach.

[ 193 ]
Sperling, 40.1901, Abt. I, S. 217

[ 194 ]
GValt

[ 195 ]
Graevenitz, Memoria und Realismus, S. 298

[ 196 ]
Die Grenzboten (1.1841-81.1922), politisch-ästhetisch eine der avanciertesten Zeitschriften der 50er bis 70er Jahre, kam über eine durchschnittliche Auflage von ca. 1000 nicht hinaus.

[ 197 ]
Graevenitz, Memoria und Realismus, S. 298

[ 198 ]
Graevenitz, Memoria und Realismus, S. 302, Anm. 20

[ 199 ]
Graf, Briefwechsel Kürschner / Möllhausen, S. 221-224, hier 224

 
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