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2. Familienzeitschriften

2.3 Familienblattmoral

Charakteristisch für das Familienblatt war von Anfang an eine mehr oder weniger streng ausgeprägte moralische Grundhaltung, die es sowohl unteren Gesellschaftsschichten wie auch jüngsten Familienmitgliedern ermöglichen sollte, alle Beiträge 'gefahrlos' zu rezipieren: Zum moralischen Programm der Familienzeitschriften gehörte demnach die Vermeidung alles Politischen und Erotischen. Bis Mitte der 1880er Jahre wurde das von der literarischen Öffentlichkeit mehr oder weniger unangefochten akzeptiert. Mit den Anfängen der naturalistischen Bewegung setzte dann, überwiegend von den jüngeren literarischen Geschmacksträgern formuliert, eine inhaltliche Kritik v.a. an den belletristischen Beiträgen ein, die bis zum Ersten Weltkrieg nicht mehr verstummte: Das "ethische Prinzip" (Verzicht auf anstößige Themen, weitgehende Abstinenz von Politik),[200] wurde nicht mehr als Garant solider Bürgerlichkeit verstanden, sondern als Spießermoral; A. Holz reimte 1885: "Dort räkelt sich der fettige Philister, / braut bayrisch Bier, backt Knödel, klebt am Staube / und liest Romane in der Gartenlaube."[201] Die jüngere Autorengeneration wollte einerseits auf "die hohen Honorare [...], die für im Familienblatt verwendbare Romane gezahlt werden"[202] nicht verzichten - "jeder nicht von Haus aus materiell unabhängige Schriftsteller [ist] auf die Honorare der periodisch erscheinenden Blätter angewiesen"[203] -, sich andererseits deren zunehmend als prüde aufgefaßte Moral nicht zueigen machen. 1887 schrieb O. Welten, an den literarischen Inhalt der Blätter werde "der Maßstab peinlichster Prüderie" gelegt, weil man sich vom universalen Anspruch eines 'Familienblattes' nicht verabschieden wolle und statt dessen weiterhin die Fiktion einer "Gemeinsamkeit der geistigen Genüsse für die [ganze] Familie"[204] pflege. Wer für Familienblätter schreiben wolle, gerate deshalb in einen Zwiespalt, der auf deren "Verlogenheit" gründe: zwar ginge es in der deutschen Familienblattliteratur "fast ausnahmslos um Liebe und Ehe", doch dürfe die untrennbar damit verbundene geschlechtliche Seite nicht geschildert werden. Als Familienblattromancier müsse man deshalb lernen, "seine Liebesgeschichten so zu erzählen, daß Mama (Papa liest das Zeug ohnehin nicht) die volle Verfänglichkeit des Erzählten auszugenießen vermag, die siebzehnjährige Tochter, ohne vielleicht noch dieses volle Verständnis zu besitzen, dabei doch schon heftiges Herzklopfen und brennende Wangen bekommt - während der Backfisch und der vierzehnjährige Knabe über das zu grübeln beginnt, was ihm hier verhüllt - und verheißend angedeutete wird."[205] Manche Zeitschriftenredaktionen gaben dem entstehenden Modernisierungsdruck hinsichtlich der Text- und Bildauswahl allmählich nach, so daß es um 1900 Lockerungen vor allem im Bereich der Erzähltexte (was erotische Anspielungen angeht) und im Bereich der Berichterstattung (hinsichtlich politischer Implikationen) gab. Das wiederum führte zum Protest konservativer Leser und Kritiker: Mehr noch als politisch-religiöse Themen wurden Erotik und Sexualität zum Angelpunkt der Kritik an den Familienblättern. Konservativen Beobachtern galt der 'laszive' Umgang mit dem neuen Thema Erotik als Hauptkennzeichen "der modernen realistischen Schule"[206], so daß in der Folge auch liberale Kritiker von "sogen. realistischen Romane[n] und Novellen"[207] sprachen, wenn von Prosa mit geschlechtlichen Themen die Rede war.
      Im Jahr 1906 berichtete E. v. Wolzogen in einem vielbeachteten Aufsatz, die insgesamt sehr konservativ gesinnten Daheim-Abonnenten hätten seinerzeit "in einmütiger Entrüstung wider einen der schönsten Romane von Theodor Fontane demonstriert"; Vom Fels zum Meer habe Tausende von Abonnenten durch einen Roman Wilhelmine von Hillerns verloren, und "eine Novelle von Sudermann gab derselben Zeitschrift beinahe den Todesstoß".[208] Da ein Familienblattautor "für Kinder und Greise der breitesten mittleren Bildungsschicht" schreiben müsse, seien "alle die Gegenwart stark bewegenden Probleme"[209] ausgeschlossen. Wie sehr der Diskurs über die Familienblattmoral von Verteilungskämpfen der Schriftsteller (-Generationen) untereinander beherrscht wurde, erhellt aus den Beispielen, die Wolzogen anführt: Vor "zehn bis zwanzig Jahren" hätten auch Autoren wie H. Böhlau, I. Boy-Ed, S. Junghans, A. v. Roberts, H. Heiberg, H. Sudermann und G. v. Ompteda für Familienblätter Romane verfaßt, "in denen es durchaus nicht immer harmlos wie im Kindergarten zuging";[210] jetzt hätten sie, wie auch Ganghofer, "vor der harten Notwendigkeit die Segel gestrichen und sich dem Anstandskodex und Sittengesetz der Redaktionen gefügt" I. Boy-Ed und G. v. Ompteda gehörten noch vor L. Ganghofer zu den beliebtesten Autoren der Gartenlaube jener Zeit, ob ihre Werke jedoch weniger gegenwartbezogen waren als die Wolzogens, ist fraglich. Dessen Kritik spiegelt insofern auch einen Kampf um literarische Marktanteile.

      Viele Familienblattredaktionen befanden sich auf einer Gratwanderung: einerseits konnten sie sich den Entwicklungen der modernen literarischen Öffentlichkeit nicht entziehen, andererseits mußten sie die Wünsche der traditionellen Leser und Kritiker berücksichtigen. Dem Autor Arthur Zapp (der selbst Dutzende von Zeitungsromanen verfaßt hat [211]) wurde von einer Redaktion 1908 mitgeteilt: "Die in unserem Blatte zur Veröffentlichung gelangenden Beiträge dürfen weder eine politische noch eine konfessionelle Tendenz enthalten und müssen in erotischer Hinsicht so gehalten sein, daß sie auch vor jüngeren Mitgliedern im Familienkreise vorgelesen werden können. Auch darf weder eine Ehescheidung noch ein Selbstmord vorkommen."[212] Der Literaturagent Max Hirschfeld riet 1908 seinen Autoren, sich auf diese Situation einzustellen: "Man muß sich [...] entscheiden, ob man nur aus innerm Drange oder zu seinem Vergnügen, oder ob man für seinen Erwerb schreibt. Im letzten Falle wird man sorgsam darauf zu achten haben, daß die Liebesepisoden und alle erotischen Erwähnungen nicht über das Gartenlaubenniveau hinausgehen. [...] ist es doch bei dem größten Teile der Provinzzeitungen und kleinen Familienblättern Regel, daß keine Unterhaltungsliteratur acceptiert wird, in welcher eine Ehescheidung oder ein unerlaubtes Liebesverhältnis vorkommt. Verpönt ist auch bei diesen Redaktionen das Erwähnen unehelicher Kinder."[213] Für die großen überregionalen Familienblätter schien der 'Familienblatt-Kodex' allerdings nur eingeschränkte Gültigkeit zu haben. Die erfolgreiche Hausfrauenzeitschrift Dies Blatt gehört der Hausfrau (Berlin: Schirmer) druckte z.B. in ihrem 10. Jahrgang (1895/96) F. Spielhagens Ehebruchsroman "Zum Zeitvertreib" ab, ein "Effi Briest"-Pendant über die Ardenne-Affäre. Ähnliches legt auch eine Leserzuschrift nahe, die Hirschfeld erhielt und in der moniert wurde, 'Ehebruchsromane' gebe es auch in Gartenlaube, Zur guten Stunde, Welt und Haus, Romanzeitung, Romanbibliothek, Neues Blatt, Ueber Land und Meer und Sonntagszeitung fürs deutsche Haus [214] - mithin in der gesamten Palette der älteren Illustrierten und Familienzeitschriften wie der neueren Frauen- und Ratgeberblätter. Die Gartenlaube hatte 1874 den Roman Gesprengte Fesseln von E. Werner abgedruckt, dessen Inhalt R. v. Gottschall so beschreibt: "Der Held ist ein Künstler, der die Fesseln seiner Ehe sprengt und mit einer Sängerin lange Zeit ein freies Leben führt, das heißt in einem fortgesetzten Ehebruch lebt."[215]
      Ein Familienblatt-Redakteur bestätigte 1906 die 'Zensur', schränkte sie jedoch gleichzeitig ein: zwar würden Arbeiten abgelehnt, "in denen Schilderungen krassester Erotik, religiöse Streitigkeiten, Fruchtabtreibung und Homosexualität eine breiten Raum einnehmen", doch könne es durchaus einmal "eine Notzuchtsszene" geben: "Sofern sie nicht die Hauptsache des ganzen Werkes bildet, wird kein Redakteur die Arbeit allein deshalb ablehnen"; zudem könne man sich des Blaustifts bedienen, "um die allzu große Kraft für das zahme Publikum zu bändigen."[216]

      Rosa Mayreder kritisierte 1905 die "besondere Mission" der Familienblattliteratur als anachronistische Bevormundung der jungen Frauen: "Das junge Mädchen ist es, um dessen geistige Unberührtheit an dem Familientisch ewig gezittert wird; und für die achtzehnjährige Mädchenintelligenz muß alles zugeschnitten sein, was auf den Familientisch kommt. Für die achtzehnjährige - denn mit diesem Alter wird ja die intellektuelle Ausbildung bei den wohlerzogenen Mädchen der bürgerlichen Gesellschaft als abgeschlossen betrachtet."[217] Familienliteratur sei identisch geworden mit Frauenlektüre [218]; und ähnlich wie zwanzig Jahre früher O. Welten sieht sie den Widerspruch, daß die Familienliteratur zwar beständig das Verhältnis von Mann und Frau thematisiere, nicht jedoch "die Ehe, dieses schwierige und komplizierte, konfliktreiche und für das Frauenleben so entscheidende Verhältnis", sondern stets nur "das Lieben und Verloben".[219] Einerseits werde "die weibliche Phantasie beständig mit erotischen Dingen beschäftigt", andererseits geschehe dies "in einer falschen und verlogenen Gestalt"; die "Familienblattschablone" sei Ausdruck einer veralteten Einstellung zur Individualität der jungen Frau, deren Selbstbestimmung gefesselt werde: "eine Literatur, die ihrem Wesen nach heuchlerisch und verlogen ist, die zu ihrem obersten Gesetz eine lebensfeindliche und lebensunfähige Prüderie macht, muß die Phantasie derjenigen, für welche sie die einzig gestattete Nahrung bildet, irreführen und verderben."[220] Die literarischen Erfahrungen P. Roseggers, der selbst jahrzehntelang mit dem Heimgarten ein kleines (Auflage: 5000-7000) Familienblatt herausgab, verweisen darauf, daß das Problem der Familienblattmoral auch auf der Übergangslinie zwischen universal angelegter Familienzeitschrift und Spezial- bzw. Fachzeitschrift angesiedelt war. Ein befreundeter Redakteur schickte dem Autor seine Beiträge meistens zurück, "da seine Musikzeitung keine Anspielungen auf Konfessionelles, nichts gegen Richard Wagner und namentlich nichts gegen die Familienblattmoral bringen dürfe";[221] zwei Spezialisierungsrichtungen (Musik, Konfession) haben hier die gleiche einschränkende Funktion wie eine universal angelegte (Familie). Rosegger verfaßte daraufhin die Satire "Aus der Redaktionsstube des Allgemeinen Moralischen Familienblattes"[222] .

 

[ 200 ]
Barth, Zeitschrift für Alle, S. 178/178a

[ 201 ]
Zit. n. Ramseger, Literarische Zeitschriften um die Jahrhundertwende, S. 73

[ 202 ]
[Ein Familienblattredakteur], Familienblatt-Romane, S. 194

[ 203 ]
Wolzogen, Das Familienblatt und die Literatur, Sp. 178

[ 204 ]
Welten, Die Prüderie in der deutschen Litteratur, S. XI und IX

[ 205 ]
Welten, Die Prüderie in der deutschen Litteratur, S. XII

[ 206 ]
Rosevalle, Lascivität in der Sprache und ihre Folgen, S. 250

[ 207 ]
[Hirschfeld], Ehebruchsromane, S. 3003

[ 208 ]
Wolzogen, Das Familienblatt und die Literatur, Sp. 180

[ 209 ]
Wolzogen, Das Familienblatt und die Literatur, Sp. 179

[ 210 ]
Wolzogen, Das Familienblatt und die Literatur, Sp. 182

[ 211 ]
Kosch, Deutsches Literatur-Lexikon (1930) weist 129 Titel zwischen 1886 und 1923 nach.

[ 212 ]
Zapp, Schriftstellerleiden, zit.n. Mayreder

[ 213 ]
[Hirschfeld], Das Erotische in der Belletristik, S. 2184

[ 214 ]
[Hirschfeld] Ehebruchsromane, S. 3003

[ 215 ]
Gottschall, Der Frauenroman, S. 597/598

[ 216 ]
[Ein Familienblatt-Redakteur], Familienblatt-Romane, S. 194/195

[ 217 ]
Mayreder, Familienliteratur, S. 191

[ 218 ]
Mayreder, Familienliteratur, S. 192; ähnlich Goebeler, Die Frau und der Roman

[ 219 ]
Mayreder, Familienliteratur, S. 193

[ 220 ]
Mayreder, Familienliteratur, S. 194

[ 221 ]
Latzke, Der ältere und der alte Rosegger, S. 66

[ 222 ]
In: Der Heimgarten, 20.Jg. (1896/97), S.345. Buchausgabe: "Venus im Hemde", II in: Sünderglöckel.

 
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