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2. Familienzeitschriften

2.4 Rezeptionszeugnisse

Autobiographen haben immer wieder die wichtige Funktion der Familienzeitschriften für unterschiedlichste Lesekarrieren während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts festgehalten. Oft stellten in entlegenen Gegenden die heißersehnten Blätter den einzigen Kontakt zur Außenwelt her; "[i]ch habe lesen gelernt an der 'Gartenlaube'"[223] ist der Tenor in Lebensgeschichten mehrerer Generationen. Der Bauernsohn Franz Michael Felder, der in einem kleinen Tal im Bregenzerwald aufwuchs, lernte mit Keils Illustrirten Dorfbarbier Lesen und abonnierte kurz danach mit einem Freund zusammen die Gartenlaube: "Nr. 27 der Gartenlaube 1854 war die erste, die ich erhielt. Ich wartete nicht, bis der Bote sie mir auf den Platz vor der Kirche brachte, sondern ging am Sonnabende nach Au zum Boten und nahm die Langerwartete in Empfang."[224] Die spätere Autorin Felicitas Rose (geb. 1862), aufgewachsen in Erfurt, berichtet, sie habe ihren Vornamen nach der weiblichen Heldin in Marlitts Gartenlaube-Roman "Das Geheimnis der alten Mamsell" erhalten: "Meine Eltern lasen sie seit 1854."[225] Der Schlossermeistersohn Adolf Bartels las in den 1860er Jahren in Dithmarschen zahlreiche Jahrgänge der Gartenlaube, je einen Jahrgang von Aus Nah und Fern, Omnibus (Hamburg), Das Buch für Alle sowie von Bunte Welt, "aus der mir ein historischer Kaukasusroman mit dem russischen Lustspieldichter A. Gribojedoff als Helden im Gedächtnis geblieben ist", und außerdem "eine unillustrierte Hamburger Unterhaltungsschrift aus den fünfziger Jahren mit einer Reihe von Schauer- und geschichtlichen Romanen wie einem 'Letzten Mauren von Granada'."[226] Ebenfalls in Dithmarschen erhielt, zwanzig Jahre später, der Landarbeitersohn Franz Rehbein, der bis dahin nur "Räubergeschichten und Schundromane, die mir ein Hausierer gelegentlich mitbrachte" kannte, vom Gutsverwalter "ganze Jahrgänge illustrierter Zeitschriften, wie 'Daheim', 'Über Land und Meer', 'Gartenlaube' und 'Buch für Alle'"[227] als Lesestoff. Selbst in katholischen Gegenden Hessens wurde Mitte der 1860er Jahre die liberale Gartenlaube von Gymnasiasten gelesen: "Als eine Nummer der 'Gartenlaube' bei einem Schüler entdeckt worden war, der in der Unterrichtsstunde unter dem Tische gelesen hatte, wurde sie beschlagnahmt und es gab eine hochnotpeinliche Untersuchung, bei der Abonnenten und Leser des gefährlichen Blattes ermittelt und mit Schulstrafen belegt wurden."[228] Der Vater von Ludwig Thoma, Förster in der Nähe von Oberammergau und Lenggries, bekam in den 1870er Jahren Woche für Woche die Gartenlaube und Ueber Land und Meer vom örtlichen Boten zugestellt.[229] Aus einem entlegenen Hunsrücktal ist überliefert: "Ein Winterabend ohne die 'Gartenlaube' war undenkbar. Mit der Zeit stapelten sich die Bände auf unserm Boden, aber sie blieben dort nicht liegen, der Vergessenheit und dem Staub preisgegeben. Oft holten wir uns die alten Jahrgänge herunter, und immer wieder hatten wir Freude und Genuß daran."[230] Für viele Leser bedeutete die Zeitschriftenlektüre ein Bildungserlebnis, anderen spendete sie Trost und Zuversicht. Der aus Köln stammende Wilhelm Bölsche (geb. 1861) betonte die prägende Funktion der Zeitschriftenlektüre für sein eigenes (naturalistisches) Schreiben: "Wenn ich später einige eigene Erfolge mit volkstümlicher Naturgeschichte erreicht habe, so dankte ich die Methode sicherlich neben Brehms 'Tierleben' ganz wesentlich auch der damaligen Schreibweise der 'Gartenlaube'. Sie hatte Forscher, die zugleich Deutsch schreiben konnten [...] Ihre älteren, gebundenen Jahrgänge, auch innerlich verbunden durch einheitlichen Geist, waren ein dauernder Schatz, zu dem man immer wieder griff, ein zusammenhängendes Werk, das in bestimmter Richtung erzog."[231] Der 14jährige Hermann Schlittgen, später Maler und Zeichner, der als Kind Bilder aus der Gartenlaube mit Tusche und Feder kopiert hatte, las 1873 die Gartenlauben-Novelle "Künstler und Fürstenkind" von A. Lienhardt: "Oft träumte ich [daraufhin] davon, wie ich einst als berühmter Maler, mit meinem Fürstenkind an der Seite, im Dorfe einziehen, und was für Augen der Onkel, die Tante und das ganze Dorf machen würde."[232] Adelheid Dworschak (später Popp) betont, sie habe sich als junges Arbeitermädchen im Wien der 1880er Jahre von Kolportageromanen zu den bürgerlichen Familienzeitschriften (genannt werden: Das Buch für Alle, Ueber Land und Meer und (Illustrirte) Chronik der Zeit) 'emporgelesen'; als sie sich gegen sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte wehrte, galt dies ihrer Mutter als durch Zeitschriftenlektüre erworbene "Überspanntheit" und "Starrköpfigkeit".[233] Bei Kindern und Jugendlichen waren Zeitschriften wie die Gartenlaube besonders beliebt: In den 1880er Jahren entdeckte der junge Eugen Kalkschmidt auf dem Dachboden eines Gutshofs in Memel ein paar Jahrgänge der Gartenlaube (aus den 1860er Jahren), die er dem Lesebedürfnis seiner verstorbenen Mutter verdankte: "Die berühmten Romane der Marlitt habe ich hier schon mit zehn Jahren verschlungen."[234] Die junge Hedwig Mahler (geb. 1867) fand Anfang der 1880er Jahre in der Gartenlaube Anregung für ihre Phantasie und Trost in bedrückendster sozialer Situation.[235] In dem Kinderroman "Glückliche Ferien" aus dem Jahr 1889 wird ein Vater, dessen Sohn spurlos verschwunden ist, gefragt, ob er sich "noch nicht an die Gartenlaube gewendet"[236] habe: gerade bei Kindern wurde also ein sehr hoher Bekanntheitsgrad der Zeitschrift vorausgesetzt; zudem gilt als ausgemacht, daß das Blatt in einem solchen Fall helfen kann und will, und drittens hebt die Stelle implizit auf die weithin bekannte Verbreitung der Gartenlaube ab. Wolfgang Goetz (geb. 1885) bestätigt ebenfalls solche Erlebnisse: "Ich las und las und kniff nach dem Mittagessen aus und bemächtigte mich der Welt aus alten Jahrgängen der 'Gartenlaube'. Meine Bildung war ungeheuer, als ich [...] in die Schule kam. Ich wußte von den Eskimos bis zu den Feuerländern völlig Bescheid und traf auf neidischen und ehrlich-zweifelnden Widerspruch."[237]
      Autobiographen von außerhalb des deutschen Reichsgebietes betonen häufig die sprachlich-kulturelle Integrationsfunktion der Gartenlaube. Franz Karl Ginzkey (geb. 1871), der in Pola/Istrien aufwuchs, fand als 10jähriger den Jg. 1868 der Gartenlaube und darin "ganze Ströme eines liebevollen, mir durchaus neuen, würdig sich seiner selbst bewußten Deutschtums".[238] Franz Xaver Kappus (geb. 1883) las als 12-13jähriger in Temesvar/Banat dort Romane und Sacherzählungen: "Denn ob 'verstanden' oder nicht: diese Novellen und Romane setzten meine Einbildungskraft ebenso gewaltig in Schwung wie die Aufsätze mit strengem Wirklichkeitsgehalt."[239] In Rußland blieben die eher unpolitischen Familienzeitschriften von der strengen Zensur unbehelligt und fanden zahlreich Eingang in die Mappen der Lesezirkel: "Da ist das 'Buch für Alle' in großem Format und in gelbem Umschlag, und das 'Universum' ist vorhanden mit Späßen, Reisebeschreibungen, Witzen und Schnurren, mit Bastelei und Technik, , da ist 'Über Land und Meer' und die 'Leipziger Illustrierte', die 'Fliegenden Blätter' sind da mit Bildchen von Oberländer, Harburger und Schlittgen, mit Dackeln und Stammtischleuten, Strolchen und Professoren, mit feinen Damen und Leutnants... Da kommt die 'Illustrierte Landwirtschaftliche' zum Vorschein und die 'Deutsche Jägerzeitung' und 'Weidwerk in Wort und Bild', die 'Gegenwart', die 'Romanzeitung' und 'Schorers Familienblatt' seligen Angedenkens.... Und 'Natur und Haus' und der 'Kladderadatsch' und 'Daheim' und 'Westermanns Monatshefte' und - die liebe, gute, alte 'Gartenlaube'!"[240]
Noch um 1910 fand der junge Erich Pfeiffer-Belli aus großbürgerlichem Hause im Wartezimmer seines Arztes in Frankfurt/Main "dicke Bände Gartenlaube und Über Land und Meer; ihre Holzschnitte waren so schön, daß man sich ungern von ihnen fortrufen ließ."[241]

 

[ 223 ]
Wolfgang Goetz (1885-1955) in: Jubiläums-Gartenlaube 1928, S. 22

[ 224 ]
Felder, Aus meinem Leben, S. 204

[ 225 ]
Jubiläums-Gartenlaube, S. 596

[ 226 ]
Bartels, Kinderland, S. 321/322

[ 227 ]
Rehbein, Das Leben eines Landarbeiters, S. 110

[ 228 ]
Bücher, Lebenserinnerungen, S. 69

[ 229 ]
Thoma, Erinnerungen, S. 36/37

[ 230 ]
Wanda Jeus-Rothe in: Jubiläums-Gartenlaube, S. 71

[ 231 ]
Jubiläums-Gartenlaube, s. 23

[ 232 ]
Schlittgen, Erinnerungen, S. 14

[ 233 ]
Popp, Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, S. 52

[ 234 ]
Kalkschmidt, Vom Memelland bis München, S. 32

[ 235 ]
Graf, Hedwig Courths-Mahler, S. 33f

[ 236 ]
Emma Biller: Glückliche Ferien. Stuttgart: Thienemann o.J. [1889] S. 134

[ 237 ]
Jubiläums-Gartenlaube, S. 22

[ 238 ]
Jubiläums-Gartenlaube, S. 22

[ 239 ]
Jubiläums-Gartenlaube, S. 23

[ 240 ]
Egon v. Kapherr in: Jubiläums-Gartenlaube, S. 49

[ 241 ]
Pfeiffer-Belli, Junge Jahre im alten Frankfurt, S. 211

[ 219 ]
Mayreder, Familienliteratur, S. 193

[ 220 ]
Mayreder, Familienliteratur, S. 194

[ 221 ]
Latzke, Der ältere und der alte Rosegger, S. 66

[ 222 ]
In: Der Heimgarten, 20.Jg. (1896/97), S.345. Buchausgabe: "Venus im Hemde", II in: Sünderglöckel.

 
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