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Susanne Graf:
3. Kinder- und Jugendzeitschriften

3.1 Marktstrukturen

Für viele Verlage stellten Zeitschriften und Periodika eine sichere und berechenbare Einnahmequelle dar, deshalb unterlag auch die Produktion der Kinder- und Jugendzeitschriften in besonderer Weise dem kommerziellen Interesse der Unternehmen. Ob von eher privaten Projekten oder Vereinsorganen: von allen Verlegern wurde ein möglichst hoher Absatz - verbunden mit einem möglichst hohen Gewinn - angestrebt. Man war - mehr noch als bei der Buchproduktion - gezwungen, das Konzept eines Periodikums dem Geschmack und Unterhaltungsbedarf einer möglichst breiten Leserschicht anzupassen; entsprechend wurde auch der Adressatenkreis möglichst weit gefaßt. Häufig ist in Vorworten und Untertiteln der Wunsch formuliert, "Alt und Jung" oder "Groß und Klein" anzusprechen; spezielle Zeitschriften für eine eng begrenzte Altersgruppe waren ebenso selten wie geschlechtsspezifisch ausgerichtete. Erst gegen Ende des Jahrhunderts nahm die Produktion eigens für Mädchen oder Jungen konzipierter Projekte zu.[243] Wenngleich sich zahlreiche Blätter - vor allem bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts - vorzugsweise an bildungsbürgerliche Kreise richteten, waren besonders die religiösen Unterhaltungszeitschriften immer daran interessiert, auch sozial schwächere Leserschichten zu erreichen; sie lockten deshalb mit einfacher Ausstattung und besonders niedrigen Preisen. Auch mußte man der steigenden Konkurrenz auf dem Zeitschriftenmarkt standhalten, was de facto bedeutete, daß alle technisch vorhandenen bzw. sich neu ergebenden gestalterischen Möglichkeiten (Seitenteilung, Illustrationen u.s.w.) ausgeschöpft werden mußten. Kommerzielle Interessen einzelner Unternehmer haben insofern - über die Kopplung eines universalen Unterhaltungskonzeptes mit einer technisch versierten Ausstattung - die Modernisierung des Zeitschriftenmarktes wesentlich vorangetrieben. Deshalb weisen nahezu alle Zeitschriftenredaktionen programmatisch auf den Unterhaltungswert ihres Blattes hin: Die Herausgeberin der Lachtaube (1.1865-2.1866), einer Kinderzeitschrift für etwa 5-10jährige, betont, daß "Frohsinn und Scherz" nicht den "geringsten Teil" ausmachen werden, und in der Jugend-Lust (1.1876-72.1954), einer vom Bayerischen Lehrerverein herausgegebenen, sehr langlebigen "Wochenschrift zur Belehrung und Unterhaltung" heißt es einleitend: "Ihr Knaben und Mädchen von Nah und Weit / empfangt es mit freundlichen Herzen / Die Jugend-Lust biet Euch ein fröhlich Geleit / im Ernst, wie bei heiteren Scherzen!"(1.1876, S. [1]) Selbst moralisch-religiös ausgerichtete Blätter bemühten sich zusehends um die Unterhaltung ihrer Leser: Neben Gebeten, Ratschlägen und Bibeltextauszügen nehmen Nachrichten aus aller Welt, kleine Anekdoten und/oder abenteuerliche Berichte aus den Kolonialgebieten bis zum Ende des Kaiserreichs einen immer breiteren Raum ein (Die kleine Biene auf dem Missionsfelde für Kinder 1.1861-41.1901, Der evangelische Kinderfreund 1.1870-99.1972). Sogar ausgesprochen konservative Projekte gaben dem Unterhaltungsbedürfnis ihrer Leser nach und paßten sich den allgemeinen Marktbedingungen an (Manna für Kinder 1.1884-17.1900; Das Waisenkind 1.1884/85-38.1921?). Häufig geschah dies auch erst, nachdem sich Absatzschwierigkeiten einstellten. Beispielsweise wird der von Carl Ninck im Jahr 1878 zur Unterstützung armer Waisenkinder gegründete Deutsche Kinderfreund (Oemler: Hamburg, 1.1878-54.1932) zwar schon im ersten Jahrgang als "frommer, frischer und fröhlicher deutscher Junge" vorgestellt, der "zuweilen lustig ist und überhaupt so fröhlich in die Welt hineinschaut"(1.1878, S.[1f.]), dennoch verfügten die meisten Beiträge der ersten Jahre über einen predigtartigen Ton und waren mit moralischer Belehrung überlastet. Im Laufe der Jahre engagierte der Herausgeber dann jedoch immer mehr populäre Unterhaltungsschriftsteller, vor allem aus dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur (u. a. J. Bonnet, G. Ch. Dieffenbach, C. Helm, P. Rosegger, J. Spyri), so daß sich um die Jahrhundertwende Nincks Kinderfreund nicht mehr von anderen weltlichen Unterhaltungszeitschriften unterschied. Um die Attraktivität einer Zeitschrift zu erhöhen, sorgten viele Redaktionen auch für eine ansprechende Seitengestaltung (etwa mit Schmuckvignetten, unterschiedlichen Schriftarten und -größen, Mehrspaltigkeit) und legten großen Wert auf die der Leserunterhaltung und -bindung dienenden Briefkästen und Rätselseiten. Eine besondere Unterhaltungsfunktion hatten Illustrationen, die als Textbebilderung (z.B. bei der Illustrierung von Abenteuererzählungen oder Backfischromanen [244]) oder auch eigenständig - als Anschauungsobjekte - funktionierten. Spezielle Kinderzeitschriften für die Jüngsten waren bereits seit den 1860er Jahren mit besonders vielen Bildern ausgestattet; seit der Jahrhundertwende gab es praktisch kein Blatt mehr ohne Illustrationen. Auch die mit der Witzblattkultur aufkommenden Bilderwitze und skurrilen Figuren (s.u.) sickerten seit der Reichsgründung - als Unterhaltungselemente - allmählich in die Kinder- und Jugendzeitschriften ein; eigene - mit der Erwachsenenpresse vergleichbare - Witzblätter für Kinder hat es jedoch in dieser Zeit offenbar nicht gegeben.

      Der Vertrieb von Kinder- und Jugendzeitschriften wurde - ähnlich wie bei Familienblättern - häufig über Kolporteure organisiert.[245] Eine große Rolle hat auch die Abonnementauslieferung durch Sortimentsbuchhandlungen oder die Versendung per Post gespielt. Häufig wurden für größere Mengen Rabatte eingeräumt, so daß auch an eine Verteilung durch Schulen, Vereine oder - wie bei religiösen Blättern üblich - durch Kirchengemeinden gedacht werden muß. Hingegen hat der Straßenverkauf (s.o.) für den Absatz von Kinder- und Jugendzeitschriften bis gegen Ende des Kaiserreichs vermutlich keine Rolle gespielt. In der Regel war der Bezug an ein Abonnement gebunden, nur ausnahmsweise konnten einzelne Hefte separat erworben werden (z.B. die Kinder-Gartenlaube seit 1888 auch als Einzelheft zum Preis von 15 Pf.). Das mag zum einen mit der pädagogischen Zielrichtung vieler Zeitschriften zusammenhängen: Eltern, Pfarrern oder Lehrern sollte die Überwachung des Lesestoffes erhalten bleiben. Zudem gab es, besonders seit der Jahrhundertwende, immer mehr von Vereinen und Jugendgruppen vertriebene Blätter, die ohnehin überwiegend an Mitglieder verteilt wurden und im Straßenverkauf kaum Kunden gefunden hätten.

      Die Preisentwicklung ist im Bereich der Kinder- und Jugendzeitschriften in etwa vergleichbar mit der der Erwachsenenpresse: Das Jahresabonnement für ein einfach ausgestattetes religiöses Massenblatt (Manna. Illustrierte katholische Jugendschrift, ca. 200 kleinformatige Seiten, Auflage 15.000) kostete bis zu einer Mark, eine reich illustrierte großformatige Unterhaltungszeitschrift auf dem Niveau der Gartenlaube (z.B. Der Gute Kamerad ca . 700 großformatige Seiten) ca. acht bis neun Mark. Die Auflagenhöhe war abhängig von der Publikationsform: privatwirtschaftlich organisierte Verlagspublikationen hatten wesentlich geringere Auflagen (etwa 3000 bis höchsten 12000 für erfolgreiche Projekte) als Vereinsorgane (bis 100.000 und mehr) oder Beilagen, deren noch höhere Auflage sich an der Stammzeitschrift orientierte.[246]

      Die meisten Zeitschriften wurden von privatwirtschaftlich organisierten, renommierten Verlagen herausgegeben. In der Regel handelte es sich um Unternehmen, die sich mit einem kleinen überschaubaren Spektrum bereits in der Kinder- und Jugendliteraturszene etabliert hatten (Opetz in Leipzig, Braun& Schneider in München), um renommierte Kinder- und Jugendliteratur-Verlage (z.B. Steinkopf in Stuttgart) oder um bekannte Großproduzenten, die sich zumindest mit einem Verlagszweig auf die Produktion periodischer Werke spezialisiert hatten (Union in Stuttgart, Benziger in Einsiedeln). Die in erster Linie für die Erwachsenenpresse bedeutenden Zeitschriften- und Zeitungsverlage beschränkten sich in der Regel darauf, ihre Stammblätter mit Beilagen für jüngere Leser auszustatten (z.B. Vobach in Berlin, Verlag der deutschen Hausfrauenzeitung in Berlin). Nur in Einzelfällen wurden Zeitschriften im Eigenverlag publiziert (Verlag der Kinder-Gartenlaube, später Verlag der Jugend-Gartenlaube in Nürnberg); vermutlich handelte es sich hier um kolportageartig vertriebene Großprojekte. Etwa ein Viertel der Zeitschriften im Kaiserreich wurden - als Vereinsorgane oder als kommerzielle Projekte zur Finanzierung einer Wohltätigkeitsorganisation - in vereinseigenen Verlagen oder Druckereien hergestellt (z.B. Agentur des Rauhen Hauses, Elberfelder Erziehungsverein). Eine Besonderheit der Zeitschriften-Verlagslandschaft des Kaiserreichs stellt der seit 1869 in Süddeutschland etablierte vereinseigene Verlag Auer des Casseaneums in Donauwörth dar: Gegründet von Josef Auer (1839-1914), dem geistigen 'Vater' des Vereins, wuchs der Verlag schnell zu einer umfangreichen Produktionsstätte, vor allem für katholische Familien - und Bildungszeitschriften (u.a. das erfolgreiche Familienblatt Monika)[247] an. Auers Jugendzeitschriften (z.B. Raphael 1.1879-56.1934) pflegen eine interessante Mischung aus christlich-moralischer Lehre und modern anmutendem, kommerziell motivierten Unterhaltungswert.

      Seit der Jahrhundertwende expandierten vereinsmäßig betriebene Verlage der Wandervogel- und Pfadfinderbewegung. Gleichzeitig etablierte sich auch Berlin als Verlagsort von Kinder- und Jugendzeitschriften, die bis dato traditionell schwerpunktmäßig im Süden (München und Stuttgart) und im Osten (Leipzig) des Deutschen Reiches produziert wurden.[248]

      Die Ermittlung einer annähernd vollständigen Zahl aller marktgängigen Kinder- und Jugendzeitschriften gestaltet sich problematisch. Bis gegen Ende der 1880er Jahre verzichteten, mehr noch als bei den Unterhaltungsblättern für Erwachsene, Verlage und Herausgeber auf die damals noch relativ neuartige Finanzierung über Anzeigen. Entsprechend verzeichnen verschiedene zeitgenössische Adressbücher nicht einmal annähernd die Zahl der tatsächlich vertriebenen Kinder- und Jugendzeitschriften.[249]

      Immerhin konnten für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bislang rund 270 Zeitschriftentitel bibliographisch ermittelt werden (vgl. Tab. 6).[250] Gegen Ende des Jahrhunderts nähern sich Zahlen der bibliographisch ermittelten den durch Sperling verzeichneten Titeln an. Für das 20. Jahrhundert dürften dann Sperlings Zahlen, die sich ja stets auf Zeitschriften beziehen, die Inserate aufnahmen, repräsentativ sein: In dieser Zeit war eine zumindest teilweise Finanzierung von Zeitschriften über Anzeigen und Werbung üblich und auch in der Kinder- und Jugendpresse verbreitet. Die Zahlen belegen einen deutlichen Produktionsaufschwung seit Mitte der 1870er Jahre, einen weiteren gegen Ende der 1890er Jahre. Die Entwicklung des Zeitschriftenmarktes im 20. Jahrhundert scheint auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur der allgemeinen Tendenz zu folgen: Von der Jahrhundertwende bis zu den ersten Jahren des ersten Weltkrieges stieg die Produktion an; um 1917/18 kam es zu einem kriegsbedingten Produktionsabfall (vgl. Tab. 5).

 

[ 243 ]
Diesem Phänomen gehe ich in meinem Forschungsprojekt zur Kinder- und Jugendzeitschrift nach.

[ 244 ]
vgl. vor allem die Zeitschriften Der gute Kamerad und Das Kränzchen.

[ 245 ]
Barth 1974, S. 136.

[ 246 ]
vgl. zur Preisentwicklung Hild 1905

[ 247 ]
Einen Überblick über Verlagsgeschichte und Biographie Auers gibt Schloms 1994.

[ 248 ]
vgl. zu einem Überblick der Produktion Schierer 1938 und Schrölkamp 1997.

[ 249 ]
vgl. Gracklauer, Haendel, Mosse. Einen ersten Überblick über marktgängige Kinder- und Jugendzeitschriften bieten Tiesmeyer 1877/78 für die 1870er Jahre und Ritthammer 1989 für die von 1800 bis 1900 in Österreich erschienenen Titel.

[ 250 ]
Die Bibliographie wurde im Rahmen des Kölner Forschungsprojektes (vgl. Anm. 214) erstellt. Von den ermittelten 270 Titeln wurde eine repräsentative Auswahl von 106 Titeln in die Datenbank aufgenommen und autopsiert.

 
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