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Susanne Graf:
3. Kinder- und Jugendzeitschriften

3.2 Publikationsformen und Gattungen

Verlagspublikationen

Die meisten eigenständigen Zeitschriften wurden von privatrechtlich organisierten Verlagen veröffentlicht. Der Schwerpunkt dieser (kommerziellen) Verlagspublikationen lag auf ansprechend gestalteten, ästhetisch wertvollen Zeitschriften. Wurde eine neue Zeitschrift auf den Markt gebracht, war sie möglichst unter den jeweils verlagsbedingt bestmöglichen Bedingungen hergestellt und von Anfang an darauf angelegt, erfolgreich zu sein. Herausgeber und/oder Verleger derartiger Blätter hielten Schritt mit den sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts rasant entwickelnden Produktionsbedingungen und reagierten auf sich verbessernde technische Möglichkeiten unmittelbar mit einer prächtigeren Ausstattung ihrer Zeitschrift. Häufig wurden von Anfang an bekannte Pädagogen und Autoren bzw. Autorinnen für die Textbeiträge engagiert, für die dann auch auf dem Titelblatt geworben wurde. Doch konnten nicht viele derartige Projekte große Erfolge verzeichnen. Die meisten hatten eine Laufzeit von weniger als 20 Jahren, oft wurde ihr Erscheinen schon nach ein bis zwei Jahren eingestellt. Das mag zum einen an falschen Kalkulationen oder mangelnder Werbung gelegen haben. Andererseits spricht diese Tatsache aber auch dafür, daß Zeitschriften als Experimentierfeld für Verlage funktionierten, deren Produktion, bei ausbleibendem Erfolg, wieder eingestellt wurde: Hierzu gehören vermutlich die Schweizer Zeitschrift Jugendwart. Illustrierte Sonntagsblätter für die Jugend und deren Freunde (1873), verlegt vom Centralbureau Jugendwart-Expedition in Glarus, die ansprechend gestaltete Bildungszeitschrift Aus aller Welt: illustrierte Jugendschrift für die Familie (1890/91) sowie Der Jugend Heimgarten (1898) aus dem Verlag Hoffmann in Stuttgart. Zu den ästhetisch besonders ansprechenden, immerhin für ein paar Jahre gängigen Zeitschriften gehören die von Ludwig Hevesi konzipierte Wochenschrift Illustrierte Zeitung für Kleine Leute (1.1875-7.1881) sowie die im Eigenverlag erschienene Kinder-Gartenlaube (1.1886-6.1891), fortgesetzt durch die Jugend-Gartenlaube (1.1892-14.1905). Von einer geradezu herausragenden Qualität ist die von Julius Lohmeyer kurz nach der Reichsgründung in Leben gerufene Jugendzeitschrift Deutsche Jugend (1.1872 -13.1884, als N. F.1.1885-10.1894), die sich trotz intensiver Bemühungen des Herausgebers und verschiedener Verleger aus Kostengründen nicht halten konnte (s.u.). Es gab aber auch regelrechte Erfolgsprojekte, wie z. B. die inhaltlich abwechslungsreich und ansprechend gestaltete Monatsschrift Kinderlaube (Dresden: Meinhold, 1.1863-33.1895) und die beiden von Wilhelm Spemann (1844-1910) professionell konzipierten, später bei der Union in Stuttgart verlegten Longseller Das Kränzchen (1.1889/90- 46.1934) und Der Gute Kamerad.[251] Wie vergleichsweise modern gerade diese beiden Zeitschriftenkonzepte waren, zeigt sich, wenn man das Kränzchen vergleicht mit der kurz vor Kriegsbeginn vom Deutschen Druck- und Verlagshaus produzierten Mädchenpost (Leipzig, 1.1913-26.1928), einer unterhaltenden "Wochenschrift für die weibliche Jugend": Ähnlich komponiert wie das Kränzchen, richtet sie sich mit einer insgesamt etwas einfacheren Ausstattung (weniger Illustrationen, kleineres Format) an ein noch breiteres Publikum. Die schon von Spemann favorisierte Mischung von Literatur, Bildung, Unterhaltung, ratgebenden Artikeln und einem umfangreichen Briefkasten bestimmt nicht nur den Charakter der Mädchenpost, sie erwies sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als zugkräftig und findet sich in zahlreichen modernen Illustrierten und Jahrbüchern noch heute.

      Es gab aber auch andere, einfacher ausgestattete religiös orientierte, an traditionellen Mustern ausgerichtete Verlagspublikationen, die - bei allem Anspruch auf Unterhaltung, Wissensvermittlung und literarische Bildung - den Aspekt der moralischen Erziehung auf dem Boden einer christlichen Weltanschauung in den Vordergrund stellten. Die Ausstattung derartiger Blätter war einfacher, der Preis geringer und der Adressatenkreis oft noch weiter gefaßt (Kinder, Heranwachsende und Jugend). Auch diese Verlagsprodukte orientierten sich letztlich - mit einer ihnen eigenen konsequenten Behutsamkeit - am fortschreitenden Modernisierungsprozeß. Das interessanteste und langlebigste Projekt dieser Art ist die von der Katholikin Isabella Braun konzipierte Zeitschrift Jugendblätter für christliche Erziehung und Bildung (Stuttgart: Scheitlin, später München: Braun & Schneider 1.1855-1951) (s. u.). Einigen Erfolg hatten auch die Illustrirten Schweizerischen Jugendblätter zur Unterhaltung und Belehrung (1.1873-29.1901), der Schweizer Kinderfreund (1.1884-22.1905/06) oder die Epheuranken, eine bei Korff in München u. a. verlegte, sorgfältig gestaltete "Monatsschrift für die katholische Jugend" (1.1890-19.1908), die sich nach der Jahrhundertwende zu einer ansprechenden Unterhaltungszeitschrift entwickelte.

 

[ 251 ]
Vgl. hierzu auch meine Analyse der beiden Zeitschriften für das Handbuch der Kinder- und Jugendliteratur 1850-1900, ungedr. Ms. (Anm. 214).

 
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