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Susanne Graf:
3. Kinder- und Jugendzeitschriften

3.2 Publikationsformen und Gattungen

Vereinspublikationen

Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende wurde etwa ein Drittel der Kinder - und Jugendzeitschriften von religiösen oder pädagogischen Vereinen herausgegeben. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Longseller, einige liefen länger als ein Jahrhundert. Besonders erfolgreich waren protestantische Vereins-Blätter, die sich, unter Einhaltung eines christlichen Grundkonzeptes - am Typus der (weltlichen) Unterhaltungszeitschrift orientierten. Hierzu gehören der von der evangelischen Gemeinschaft hrsg. Evangelische Kinderfreund mit einer Laufzeit von über einem Jahrhundert (1.1870-103.1972, Jahrespreis um 1900: 1 Mark) und der vom protestantisch ambitionierten Elberfelder Erziehungsverein herausgegebene Kinder-Bote (1.1850-83.1932, Jahrespreis um 1900:2 Mark), dessen Erlös zum Schutz verwahrloster Kinder dienen sollte. Auch die von Sophie Loesche als Organ der evangelischen Sonntagsvereine herausgegebene Mädchen-Zeitung (1.1867/68-um 1930, Aufl. bis zu 34.000) [252] hatte eine lange Laufzeit und diente in erster Linie der finanziellen Unterstützung der Vereinsarbeit. Noch erfolgreicher war Komm mit (1.1898-44.1941, 45.1950-53.1958), eine offenbar professionell vertriebene Wochenschrift für junge Mädchen vom Verband der evangelischen Jungfrauenvereine Deutschland (Berlin). Sie erreichte 1914 eine Auflage von 116.000.[253]

      Unter den seit den 1880er Jahren verbreiteten katholischen Vereinprojekten rangierten österreichische Wohltätigkeitszeitschriften bzw. kommerzielle Unternehmungen, die der Unterstützung eines religiösen Hilfsvereins dienten (z. B. Das Waisenkind, hrsg. vom Katholischen Waisen-Hilfsverein 1.1884-27.1921), andere Vereinsorgane (z. B. die illustrierte katholische Jugendschrift des Engelsbündnisses Manna für Kinder 1.1884-16.1900) und der Volksbildung verschriebene Zeitschriften für die "Ärmsten" (z. B. Das kleine Ave Maria 1.1898/99-35.1933) an erster Stelle. Bei aller konservativen Prägung bemühten sich auch diese Vereine - schon aus kommerziellen Gründen - um eine ansprechende Gestaltung ihrer Blätter, setzten auf einen zumindest annähernd weltlichen Charakter, lieferten Bilder, Rätsel und stellenweise auch einen "Briefkasten". Ein weiterer Zeitschriftentyp der katholischen Kinder- und Jugendpresse ist charakterisiert durch einen dominanten Unterhaltungs- und Bildungsaspekt, hohe Ausstattung und vergleichsweise geringe Preise. Produktionsstätte war der Verlag Auer in Donauwörth: Bekannt und verbreitet war Raphael, eine "illustrierte Zeitschrift für die reifere Jugend und das Volk" (1.1879-44.1933), die mit einer sehr guten Ausstattung, qualitativ anspruchsvollen Textbeiträgen, einem Jahresumfang von 416 großformatigen zweispaltig bedruckten Seiten, einem Abonnementpreis von 2,50 Mark und einer Auflage von immerhin 10.000 [254] im Jahr 1890 zu den bemerkenswerten Zeitschriften der Kaiserzeit gehört. Aber auch der Stern der Jugend (1.1893-23.1915), eine "Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz", die seit 1904 als "illustrierte Wochenschrift für Schüler höherer Lehranstalten" bezeichnet wird und sich - bis auf die religiöse Orientierung - nicht von weltlichen Zeitschriften unterscheidet, war ein ansprechendes Zeitschriftenprojekt Auers: Die Auflage dieses Blattes war entsprechend dem eingeschränkten Leserkreis mit 2100 [255] geringer. Die Zeitschriften des Auer-Verlages bildeten, was die Qualität angeht, eine Ausnahme unter religiösen Blättern, die ansonsten nur sehr einfach ausgestattet waren (wenig Illustrationen, wenig Schmuck) und überwiegend anspruchsloseren Lesestoff (kleine Volkserzählungen, Gebete etc.) enthielten. Insgesamt anspruchsvoller in Texten und Aufmachung, waren die von pädagogischen oder Lehrervereinen herausgegeben Zeitschriften. Erfolgreich und für die erste Hälfte des Kaiserreichs charakteristisch sind die vom sächsischen Pestalozzi-Verein zunächst unter der Leitung von Karl Petermann hrsg. Deutschen Jugendblätter (1.1861-47.1907) sowie die vom Bayerischen Lehrerverein herausgegebene Jugend-Lust (1.1876-79.1954) und die gegen Ende des Jahrhunderts vom Wiener Lehrerverein unter wechselnder Leitung (H. Fraungruber, K. Hilber u.a.) herausgegebene Monatsschrift Für die Jugend des Volkes (1.1892-7.1898).

      Charakteristisch für den traditionell längeren Erfolg einer Vereinszeitschrift ist die Tatsache, daß die nach Lohmeyers Vorbild Deutsche Jugend konzipierte und vom Deutschen Landeslehrerverein in Böhmen seit 1884 herausgegebene Österreichs Deutsche Jugend (1.1884-54.1936/37) bei ähnlicher Qualität eine wesentlich längere Laufzeit und eine sehr viel höhere Auflage (28.000 [256]) hatte als das vergleichbare Verlagsprojekt [257].

      Seit den 1890er Jahren erschienen dann verstärkt Zeitschriften aus dem Umfeld der Jugendbewegung: Vor allem Wandervogel- und Pfadfindervereine brachten zahllose, in erster Linie wohl für Vereinsmitglieder konzipierte unterhaltsame Blätter auf den Markt, die zum Teil in hohen Auflagen erschienen.[258] 1906 kam der erste Jahrgang der Zeitschrift Wandervogel. Monatsschrift für deutsches Jungwandern auf den Markt. Das Inhaltsverzeichnis spiegelt den Aufbruch einer jungen Generation, die sich während der Anfangsjahre vor allem als Wander-Bewegung verstand. "Froh und unbekümmert handeln die Texte von Gruppe und Bund, Heimstunde, Fahrt und Lager, Lied und Volkstanz."[259] Der Wandervogel umfaßte im Jahr bis zu 360 Seiten und erreichte bereits 1912 eine Auflage von 30.300.[260]

      Seit 1910 stieg die Produktion neuer, regional begrenzt vertriebener Wandervogelblätter weiter an (z.B. Jung-Wandervogel. Bund für Jungwandern (Hamburg, Berlin 1.1910-23.1932).[261] Die ebenfalls seit Beginn des neuen Jahrhunderts expandierenden Pfadfinderzeitschriften erreichten zum Teil innerhalb kurzer Zeit Auflagen von 15.000 und mehr.[262] Der Pfadfinder (Leipzig: Spamer, 1.1912-19.1930), das "offizielle Organ des Deutschen Pfadfinderbundes" warb im Zeitschriftenadressbuch damit, Anzeigen für "Ausrüstungs- und Bekleidungsstücke, Touristengegenstände und Sportgeräte, Jugendbücher, Photogr. Artikel, Musikinstrumente, Nährmittel und Konserven, wie überhaupt [für] alles, was für die deutsche Jugend nur in Frage kommt, ferner Vorbereitungsinstitute, Lehranstalten usw." aufzunehmen.[263] Auch die Pfadfinderzeitschriften verstanden sich als Unterhaltungsblätter und enthielten - neben kleinen Erzählungen und Berichten aus dem Vereinsleben - Liednoten, Sachartikel, ratgebende Beiträge und einen umfangreichen Briefkasten.

 

[ 252 ]
Sperling 1914.

[ 253 ]
Sperling 1914.

[ 254 ]
Lit. Handweiser 1890, Sp. 638.

[ 255 ]
Sperling 1901.

[ 256 ]
Sperling 1914.

[ 257 ]
Lohmeyers Deutsche Jugend erreicht eine Auflage von höchstens 3000. Vgl. Sperling 1889.

[ 258 ]
Das ergab meine Grundrecherche in der ZDB. Vgl. zu Wandervogelzeitschriften Göbels 1986, S. 202; zur Pfadfinderzeitschrift auch Schrölkamp 1997.

[ 259 ]
Göbels 1986, S. 202

[ 260 ]
Göbels 1986, S. 202

[ 261 ]
vgl. Schierer 1938, S. 16 ff.

[ 262 ]
Sperling 1912

[ 263 ]
Sperling 1914

 
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