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Susanne Graf:
3. Kinder- und Jugendzeitschriften

3.2 Publikationsformen und Gattungen

Beilagen

Die Beilagenproduktion nahm im Bereich der Kinder- und Jugendzeitschriften im Laufe des 19. Jahrhunderts einen immer breiteren Raum ein; in den 1890er Jahren waren beinahe die Hälfte der Zeitschriften-Neugründungen als Beilage für Familien-Unterhaltungszeitschriften und Tageszeitungen konzipiert (vgl. Tabelle 7).

      Beiblätter hatten zwei Funktionen: sie sollten eine Unterhaltungzeitschrift attraktiver gestalten (z. B. die Jugend-Warte) oder sie dienten dem Versuch, eine neue Zeitschrift, bevor sie auf den Markt gebracht wurde, mit Publikum zu testen. Oft verkalkulierten sich die Zeitschriftenverlage jedoch: Zahlreiche Beilagen erschienen nur über einen kurzen Zeitraum, andere funktionierten nicht mehr, nachdem sie als eigenständige Zeitschrift angeboten wurden. Beispielsweise wurde das Erscheinen eines als kostenlose Beilage offenbar erfolgreichen Projektes (Für die junge Welt ), kurz nachdem es als unabhängige Zeitschrift zu einem vergleichsweise geringen Preis (2 Mark / Jahr) erschienen ist, eingestellt.

      Die Preise von Beilagen waren gering, zum Teil wurden sie auch gratis angeboten, wie z. B. das Schweizer Blatt Für die junge Welt oder Lohmeyers Illustrierte Jugendzeitung. Hinsichtlich der Gestaltung unterschieden sich die Beilagen nicht oder kaum von selbstständigen Zeitschriften. Sie waren bemüht, das Unterhaltungsbedürfnis junger Leser zu befriedigen, und sie enthalten, neben Illustrationen, Rätseln und kuriosen Nachrichten, kleine Erzählungen oder Sachtexte (z. B. Der Jugend Sonntagslust "Beiblatt zum Kropper Kirchlichen Anzeiger" 1880-1901). In Deutschland hatte besonders das der Zeitung beiliegende Kinderblatt einigen Erfolg:

      "Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit des hier veröffentlichten Stoffes, auf den einheitlichen inneren Aufbau und die originelle drucktechnische Gestaltung kann man in diesem Fall wirklich gelegentlich von Kinder"zeitschriften" sprechen. Bezeichnend für die Tatsache ist weiterhin, daß beispielsweise einzelne Zeitungsverlage die gesammelten Hefte ihrer Kinderzeitschrift - auf gutes Papier gedruckt- in Jahrgängen zusammengefaßt abgeben."[264]

      Ähnliches gilt für die Beilagen von Zeitschriften; ein derartiges Phänomen stellt Der Schutzengel (1.1875-26.1910) dar: Er wurde als Beilage zur Zeitschrift Monika (Auflage 1907: 93.000 [265]) für Kinder und Heranwachsende herausgegeben, konnte aber auch einzeln (für einen Jahrespreis von 2 Mark für 200 Seiten) bezogen werden; die Auflage betrug (beilagenbedingt) immerhin bis zu 125.000 (Sperling 1901). Anliegen des Schutzengels ist es, "Vertiefung des Wissens, Wollens und des Handelns der Kinder" zu fördern. Das Blatt richtet sich aber auch an Erzieher "um ihnen guten Unterhaltungsstoff für ihre Plaudereien mit den Kindern zu liefern, z. B. Erzählungen, Rätsel, Beschäftigungen".[266] Seit der Jahrhundertwende gab es auch immer mehr unterhaltende Beilagen zu politisch orientierten Zeitschriften; zu den ersten sozialistisch orientierten Projekten gehörte Für unsere Kinder (1.1905-18.1917), eine monatliche Beilage der von Clara Zetkin herausgegebenen Zeitschrift Gleichheit (1892-1917). Auch diese Beilage hatte den Charakter einer eigenständigen Zeitschrift, enthielt literarische Texte (Märchen, Fabeln, realistische Alltagsgeschichten, Gelegenheitslyrik) mit sozialkritischer Tendenz und Sachbeiträge politisch engagierter Autoren. Zu den bekannteren Beiträgern gehörten neben der Herausgeberin selbst E. Hörnle und M. Gorki.[267]

 

[ 264 ]
Elisabeth Stritholt: Die Kinderbeilage in der Zeitung. In: Deutsche Presse", Nr. 51 vom 22. Dezember 1934. zit. nach: Lehmann 1936, S. 77f.

[ 265 ]
Zeitungskatalog Haasenstein & Vogler 1907

[ 266 ]
Schloms 1994, S. 374.

[ 267 ]
Vgl. Drust, Für unsere Kinder

 
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