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Susanne Graf:
3. Kinder- und Jugendzeitschriften

3.3 Marktstrategien

Moderne, ästhetisch-literarische Bildungszeitschrift
(Deutsche Jugend)

Unter den ästhetisch-literarischen Bildungszeitschriften verfügt die bereits von vielen zeitgenössischen Kritikern gelobte Zeitschrift Deutsche Jugend (1.1872 -13.1884, als N. F.1.1885-10.1894), zuerst erschienen bei Dürr in Leipzig u. a., über eine vergleichsweise herausragende Qualität sowohl der Beiträge als auch der Illustrationen. Ähnlich wie Brauns Jugendblätter wurde die Zeitschrift vom Herrscherhaus gewürdigt, die Kaiserfamilie (insbesondere die beiden Kronprinzen Wilheln und Heinrich) gehörte zu den regelmäßigen Konsumenten des Blattes, das Preussische Unterrichtsministerium und andere Schulbehörden sprachen Empfehlungen aus. Dennoch wurde diese Zeitschrift nach einer jahrelangen Odyssee durch mehrere Verlage und zahlreiche konzeptuelle Veränderungen im Jahr 1894 aufgegeben.

      Die von Julius Lohmeyer (1835-1903) entworfenen Pläne für ein eigenes Zeitschriftenprojekt konkretisierten sich, nachdem er 1872 aus dem Redaktionsteam der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch ausgetreten war [274]. Noch im selben Jahr konnte er seinen Freund Alphons Dürr für die Deutsche Jugend begeistern. Ein an alle namhaften Dichter und Künstler gerichteter Aufruf zur Mitarbeit an der Deutschen Jugend hatte Erfolg: Als regelmäßige Beiträger konnten u. a. V. Blüthgen, E. Frommel, A. W. Grube, F. von Köppen, J. Ludwig und J. Stieler gewonnen werden. Darüber hinaus finden sich Texte von I. Braun, F. Dahn, R. Löwenstein, H. von Fallersleben, Th. Fontane, E. Geibel, von dem für seine naturkundlichen Studien bekannten Hermann Wagner und verschiedenen damals populären Abenteuerschriftstellern wie C. Falkenhort und E. von Barfus. Als Illustratoren wurden namhafte Künstler engagiert, u.a. der Bilderbuchillustrator Fedor Flinzer und der durch seine Bilder in Abenteuerbüchern bekannte Johannes Gehrts. Auf monatlich 32 Seiten wurde anspruchsvolle Unterhaltung geboten: Neben zahlreichen, zum Teil als Fortsetzungen komponierten, Erzählungen (Historisches, Lebensbilder, Heimaterzählungen, in der "neuen Folge" seit 1886 auch Abenteuerliteratur), prägen einige Märchen und Fabeln, Lyrik, kleine dramatische Dichtungen und Liednoten das Bild der Zeitschrift in erster Linie. Weniger präsent, jedoch regelmäßig mitgeteilt sind sachliterarische Beiträge aus dem Umfeld der Naturwissenschaften, der Ethnologie und der Historie. Am Ende eines jeden Heftes sorgen zwei aufwendig gestaltete Seiten mit Rätseln und "Knackmandeln" für Unterhaltung und Abwechslung, hin und wieder werden Spiele präsentiert. Der Grundtenor der Zeitschrift ist von Anfang an ein kaisertreu-patriotischer, mehr als einmal werden die Reichsgründung, das endlich wieder deutsch gewordene Elsaß, die Ruhmestaten der Freiheitskämpfer während der napoleonischen Kriege (z. B. Ferdinand Schill) bejubelt. Bis 1884 gab Dürr 26 Halbjahresbände zu einem Stückpreis von 7 Mark (kartoniert) bzw. 8 Mark (mit Leinwandumschlag) heraus. Bei einem Jahrespreis von 14 bzw. 16 Mark steht die Deutsche Jugend damit an der Spitze der teuersten Blätter, und es ist erstaunlich, daß eine Auflagenhöhe von 3000 [275] erreicht werden konnte. Im Jahr 1882 erschien eine mit einfachen Pappdeckeln versehene preiswertere "Volksausgabe" bereits erschienener Bände. 1885 mußte Lomeyer den Verlag verlassen, Dürr hatte seine Jugendbuchproduktion eingestellt, um "sich ganz der neu eingeschlagenen wissenschaftlichen Verlagsrichtung zu widmen"[276]. Im Jahr 1885 gingen die Verlagsrechte an der Heftausgabe an den Herausgeber über, der daran gedacht haben soll, eine "von der Zeitrichtung mehr und mehr geforderte Umwandlung des Blattes in ein farbiges Gewand"[277] zu verfolgen. Lohmeyer konnte Simion in Berlin von seiner Idee überzeugen, doch die Herausgabe dieser aufwendigen Zeitschrift scheint für den Verleger nicht besonders attraktiv gewesen zu sein: Nachdem die ersten drei fast durchgängig und aufwendig mit zum Teil großformatigen Chromolithographien ausgestatteten Bände erschienen waren, wurde ab dem vierten Band der "Neuen Folge" nicht nur gänzlich auf farbige Abbildungen verzichtet, auch das Format der Zeitschrift wurde verkleinert. Am Ende des dritten Halbjahrbandes schildert Lohmeyer seinen Lesern die Nöte eines Zeitschriftenherausgebers und empfiehlt - vermutlich als Reaktion auf die finanziellen Probleme - den weniger Betuchten den preiswerteren Jugendschatz.

      Lediglich sechs Halbjahresbände erschienen bei Simion, danach wechselte der Herausgeber zu Kröner in Stuttgart, wo der 7. Band der "Neuen Folge", diesmal nur als Jahresband, erschien. Band 8 erschien dann bereits bei der Union, nach dem Zusammenschluß von Kröner, Spemann u.a.[278]. Vermutlich gab es auch mit den Stuttgarter Verlegern Probleme, denn für die Folgebände 9-11 (1890-93) wechselte Lohmeyer nach Hamburg zur Verlagsanstalt und Druckerei Richter, die wieder eine Heftausgabe verlegte und mit einzelnen Chromolithographien und Tonbildern ausstattete. Eine neue Marktstrategie führte dazu, daß die Deutsche Jugend fortan 14tägig zu einem Heftpreise von "nur 25 Pf. pro Heft" (ein früheres Monatsheft kostete eine Mark!) erschien. Dennoch mag es weiterhin finanzielle Probleme gegeben haben, denn im Jahr 1894 hat der Herausgeber sein Projekt beendet; weitere Heftausgaben hat es nicht gegeben. Gegen Ende der 1890er Jahre versuchte Lohmeyer sich noch mehrfach in der Publikation sehr aufwendig gestalteter und illustrierter - allerdings kostenloser - Beilagen zu Familienblättern (Illustrierte Jugendzeitung, Illustrierte Kinderzeitung s. o.), deren Erscheinen jedoch nach kaum einjähriger Dauer - vermutlich ebenfalls aus Kostengründen - eingestellt wurde.

 

[ 274 ]
Göbels 1986, S. 122.

[ 275 ]
Sperling 1889.

[ 276 ]
Dürr 1903, S. 120.

[ 277 ]
Dürr 1903, S. 120

[ 278 ]
vgl. zur Gründung der Union Aktiengesellschaft Jäger in Bd.1 (2001), S. 197ff.

 
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