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4. Hausfrauen- und Modezeitschriften

Neben Kindern und Jugendlichen wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts auch die Frau als Konsumentin eigens auf 'weibliche' Bedürfnisse zugeschnittener Zeitschriften entdeckt: Zu unterscheiden sind die in erster Linie mit Bekleidung und Schönheitspflege bürgerlicher Damen befaßten (zum Teil exklusiven) Modeblätter und die etwas schlichter gestalteten sog. Hausfrauenzeitschriften, die sich vor allem dem praktischen Alltagsleben widmeten. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Produktion der Modeblätter ab, während von den Hausfrauen- bzw. Frauenzeitschriften der universale Unterhaltungs- und Bildungsanspruch der Familien- und Bildungsblätter in neuer Weise aufgegriffen und zu einem umfassenden Unterhaltungs- und Ratgeberinteresse umgeschmolzen wurde. Insofern ist von einem Wandel der klassischen Modezeitschrift zum Hausfrauenblatt zu sprechen, das ein breites Spektrum häuslicher Tätigkeiten mit Ratschlägen usw. abdeckte. In Gestalt von Schnittmusterbeilagen, die bald auch gesondert abonniert werden konnten, erschien der Umgang mit Mode nun in einer auf Selbstfertigung gerichteten Form. Darin spiegelt sich die soziale Ausweitung des Publikums: Die ungekannt niedrigen Preise der Hausfrauenzeitschriften machten es nun breitesten Bevölkerungsschichten möglich, eine Zeitschrift zu erwerben. Auch inhaltlich gibt das breite Themenspektrum dieser ausdrücklich am konkreten Alltag orientierten Blätter die Modernisierung der deutschen Gesellschaft nach der Jahrhundertwende wieder; politisch ist dieser Modernisierungsschub auch in der Selbstverständlichkeit zu spüren, mit der sozialdemokratische Positionen, die kurz zuvor noch per Sozialistengesetz kriminalisiert waren, nun in allen Schichten diskutiert und auch in den bürgerlichen Familienblättern dargestellt werden.[279] Techniken und Bedürfnisse hielten Einzug in den kleinbürgerlichen Alltag, die noch zwei Jahrzehnte zuvor als Privilegien der Begüterten galten: neue Mode, billige Schnittmuster; raffiniert zubereitete Speisen, vielfältige Rezepte, Abkehr von nur lokal bestimmten Eßgewohnheiten; eigene Mode für Kinder, die nicht mehr nur die Kleidung der älteren Geschwister auftrugen usw. "Die Hausfrauen, die seit der immer ausgedehnteren Verbreitung der Nähmaschine, vor allem in den neunziger Jahren, vielfach dazu übergingen, einen Teil ihrer Kleidung im Hause anzufertigen, ersparten sich durch den Bezug dieses neu aufgekommenen Zeitschriftentyps das Abonnement auf eins der damals noch recht teuren speziellen Modeblätter, und gleichzeitig bot ihnen der unterhaltende Teil Ersatz für die [...] Familienzeitschriften."[280]

      Die bedeutsamste Veränderung, von der man in diesem Zusammenhang auszugehen hat, ist bislang unbeachtet geblieben: der innerfamiliäre Wechsel bzw. eine Auffächerung der Verfügungsgewalt über den regelmäßigen Lesestoff vom Mann auf die Frau. War das frühere Abonnement, da es auf ein Jahr oder drei Monate im Voraus (pränumerando) abgegolten werden mußte, meist wohl vom Familienvater bezahlt worden, der als Alleinverdiener die Familienkasse verwaltete und außerdem gemäß preußischem Allgemeinen Landrecht der Vormund seiner (allein nicht geschäftsfähigen) Ehefrau war [281], so machte es die Umstellung auf wöchentliches Inkasso möglich, daß die Hausfrau die neuen Zeitschriften von dem ihr zugemessenen Haushaltsgeld erwarb. In der programmatischen Vorrede zu Vobachs Sonntagszeitung für Deutschlands Frauen hieß es folgerichtig am 3. Oktober 1897: "Selbst das bescheidenste Wirtschaftsgeld erlaubt es daher jetzt der Hausfrau, sich eine eigene Frauenzeitung zu halten."[282] Diese neuen Hausfrauenzeitschriften, die neben Mode und Unterhaltung eine Vielzahl konkreter Hilfestellungen und Angebote für den Alltag boten waren sehr erfolgreich; spätestens nach 1900 überholten sie die Auflagen vieler Modeblätter und auch der traditionellen Familienzeitschriften um ein Vielfaches (Tab.10).

 

[ 279 ]
vgl. Otto, Bürgerliche Töchtererziehung

[ 280 ]
Kirschstein, Die Familienzeitschrift, S. 144

[ 281 ]
vgl. die Titelköpfe der klassischen Familienzeitschriften wie Gartenlaube, Daheim oder Hausfreund: dort wird meist der Vater im Zentrum der familiären Runde abgebildet.

[ 282 ]
Zit. n. Kirschstein, Die Familienzeitschrift, S. 142

 
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