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4. Hausfrauen- und Modezeitschriften

Hausfrauenzeitschriften

Die neue Gattung der frauen- bzw. hausfrauenorientierten Zeitschrift bot erstmals auch in größerem Umfang die Möglichkeit, daß Frauen selbst nicht nur als Autorinnen, sondern auch als Herausgeberin und Redakteurin tätig wurden: Das erfolgreiche Titelkennwort "Hausfrau" war erstmals von der seit 1874 (bis 1905) in Berlin erscheinenden Wochenschrift Deutsche Hausfrauen-Zeitung verwendet worden [299], die vierteljährlich 1,50 M (1902) kostete, Herausgeberin war Lina Morgenstern. Jeanne Marie Gayette-Georgens gründete die Zeitschrift Zu Hause und Anny Wothe die Deutschen Frauenblätter [300], Clara von Studnitz war über zwei Jahrzehnte lang Herausgeberin der von ihr gegründeten Zeitschrift Für's Haus (s.u.), Helene Lange gab seit 1893 Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit heraus, Helene Stöcker seit 1905 Mutterschutz. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik. Von den im Jahr 1908 in Sperlings Zeitschriften-Adreßbuch aufgelisteten 188 Frauen-, Haus- und Modeblättern wurden 59 (30%) von Frauen als Herausgeberin, Chefredakteurin oder Redakteurin betreut, darunter Gertrud Bäumer (Neue Bahnen), Antonie Steinmann (Die praktische Berlinerin), Eva Stosch (Blätter für die deutsche Hausfrau), Doris Kiesewetter (Illustrierte Frauen-Zeitung und Die Modenwelt), Dorothee Goebeler (Berliner Hausfrau), Fanny Burckhard (Wiener Kinder-Mode) und Frl. E.M. Zimmerer (Monika. Zeitschrift für katholische Mütter und Hausfrauen).

      Eine der frühesten Hausfrauenzeitschriften, später als Versicherungszeitschrift vertrieben, war der Häusliche Ratgeber, der seit 1887 in Breslau, später in Berlin von Robert Schneeweiß herausgeben wurde, der gleichzeitig eine Literarische Agentur betrieb. 1908 hatte die Zeitschrift eine Auflage von 70.000.
      Zu den interessantesten und erfolgreichsten Hausfrauenzeitschriften zählt die 1882 von den Geschwistern Arthur und Clara von Studnitz in Berlin gegründete Illustrierte Zeitschrift Für's Haus. Praktisches Wochenblatt für alle Hausfrauen. Das Einzelheft kostete, bei einem Preis von vierteljährlich einer Mark, weniger als 10 Pfg; auf diese Weise erreichte die Zeitschrift bereits 1889 eine Auflage von 100.000.[301] Das Blatt, das neben Schnittmustern, praktischen Ratschlägen für Küche und Haus auch Nachrichten über Frauenvereine, Frauensport und über das Erwerbsleben der Frau brachte, verschmolz allmählich, nachdem es seit 1893 im Deutschen Druck- und Verlagshaus erschien, mit der seit 1900 im gleichen Verlag gegründeten Berliner Hausfrau, die als Kopfblatt für die im Lauf der Zeit entstandenen diversen Mode-, Unterhaltungs- und lokalen Beilagen von Für's Haus fungierte. Gleichzeitig firmierten die diversen Lokal-Ausgaben der Hausfrau, die nur scheinbar konkurrierende Unternehmen mit in Wirklichkeit - vom lokalen "Mantel" abgesehen - identischem Inhalt waren, als "Nebenausgabe von 'Für's Haus'". Das Unternehmen war äußerst erfolgreich: im Jahr 1910 existierten bereits 13 Nebenausgaben, u.a. für Dresden, Hamburg, Leipzig (alle seit 1902), Breslau (seit 1903), Hannover, Köln, Magdeburg, Wien, das Rheinland, Sachsen-Thüringen (alle seit 1904), Bremen, Frankfurt (beide seit 1910); 1911 kamen München und Nürnberg, 1913 u.a. Kiel, Königsberg, Stettin, Danzig und Stuttgart hinzu. Sie alle nannten sich entsprechend ihrem lokalen Schwerpunkt Kölner Hausfrau, Kieler Hausfrau, Danziger Hausfrau usw. Daneben bestanden weitere Regionalausgaben, etwa die Bayerische, die Norddeutsche, die Ostdeutsche oder die Süddeutsche Hausfrau - bald gab es mehr als 40 Nebenausgaben. Hohe Attraktivität besaßen für die Leserinnen der Hausfrau v.a. die Fortsetzungsromane von Autorinnen wie Anny Wothe, Marie Herzberg, Erich Ebenstein (d.i. Annie Hruschka [302]), Hanna Forster, Lola Stein und später Otfried von Hanstein und Lisa Barthel-Winkler; produktivste Autorin jedoch, mit deren Romanen immer wieder in Anzeigen geworben wurde, war Hedwig Courths-Mahler: von ihr erschienen zwischen 1909 und 1926 allein 19 Romane.[303]
      Erfolgreich war auch die Wochenschrift Dies Blatt gehört der Hausfrau (Berlin: Schirmer 1886-1903, Ullstein 1904-1920). Ihr Titel war an Bettine von Arnims mutiges Vormärzbuch "Dies Buch gehört dem König" angelehnt, die Zeitschrift selbst sah von der äußeren Gestaltung her zunächst wie eine Tageszeitung aus: Fortsetzungsromane und Gedichte fanden sich "unterm Strich", daneben enthielt sie Rubriken wie "Für die Küche", "Haus- und Zimmergarten", "Gesundheitspflege" usw., aber auch Reisevorschläge, Rechtsberatung für Frauen, Geschichtliches, Naturwissenschaftliches sowie Schnittmuster. Sie kostete vierteljährlich eine Mark (später 1,75 M), vom 12. Jahrgang an wurden dem Blatt zu den bereits bestehenden Beilagen Aus aller Welt - Für alle Welt und Das Blatt der Kinder (insgesamt ca. 120 Seiten pro Jg.[304]) zwei weitere Beilagen hinzugefügt: die Romanbibliothek, die bis dahin in Lieferungen gesondert erschienen war, sollte den "Abonnentinnen mehr erzählenden Stoff" bieten, und Das Blatt der jungen Mädchen, das für Heranwachsende bestimmt war und "die Lücke ausfüllen" sollte, "welche bisher [...] zum 'Blatt der Kinder'" bestanden hatte.[305] Die Auflage betrug 1894 85.000 Exemplare.

      Von besonderer Bedeutung für die Hausfrauenzeitschriften (und vermutlich auch für ihren Erfolg) war der "Briefkasten", eine Rubrik, die - wie auch in einigen Jugendzeitschriften - allmählich zu einem offenen Forum für die Leserinnen entwickelt wurde [306]: die vormals einseitige Kommunikation - Redaktion lehnt ab, kritisiert, erteilt Rat - verwandelte sich in ein Leserrundgespräch, das diese untereinander verband und weit über die Zeitschrift selbst hinauswies; diese trat nun stärker als Vermittlerin auf. Diese Vermittlerrolle, in welcher der moderne 'Service-Gedanke' der Zeitschriften besonders deutlich zutage trat, wurde immer weiter ausgebaut: Die lokalen Ausgaben der Hausfrau veranstalteten beispielsweise Kaffeekränzchen und Kindernachmittage, die zu einem direkten Austausch der Leserinnen untereinander führten; vor allem aber veranstaltete das Blatt seit 1909, exklusiv für seine Leserinnen, eigene Nachmittagsvorstellungen der nun populär werdenden Theateradaptionen [307] nach den in der Hausfrau abgedruckten Courths-Mahler-Romanen. Der Ullstein-Verlag kopierte für sein 1905 erworbenes Modeblatt Die praktische Berlinerin. Wochenschrift für Haushalt, Mode u. Handarbeiten (1.1905 - 24.1927) die erfolgreiche Leserbindungsstrategie der Hausfrau. "Immer auf neue Weise wurde versucht, den Zusammenhang zwischen dem Blatt und der Leserschaft zu verdichten und gleichzeitig der Reklame für Erweiterung des Leserkreises und doch auch der Erhaltung und Unterhaltung der Leserschaft zu dienen", heißt es rückblickend in der Festschrift von 1927. "Filme, Puppenspiele, lustige Nachmittage, unterhaltende oder belehrende Vorträge, kein Mittel wurde unversucht gelassen".[308] Viele Hausfrauenzeitschriften erschienen auch als Beilagen (s.u.) anderer Tages- oder Wochenblätter. Ein frühes Beispiel war Das Haus. Illustrirte Frauen-Zeitung (Berlin 1.1869-3.1873), eine Sonntagsbeilage der "Post", eine relativ spätes Die Welt der Frau (Berlin: Scherl 1904-1920), die der Gartenlaube beigegeben wurde.

 

[ 299 ]
Kirchner, Das deutsche Zeitschriftenwesen, Teil II, S. 359

[ 300 ]
Häntzschel, Bildung und Kultur bürgerlicher Frauen, S. 41

[ 301 ]
Sperling, 30. Jg (1889)

[ 302 ]
vgl. Brümmer, Bd. 3, S. 302

[ 303 ]
Graf, Courths-Mahler, S. 70-72

[ 304 ]
Die frühen Jahrgänge der Kinderzeitschrift scheinen nicht erhalten zu sein. Im 54.Jg. (1939/40) hatten die Blätter (im Format etwa A5) je vier Seiten, zwei davon vierfarbig.

[ 305 ]
Alle Zitate Jg. 11 (1896/97), Nr. 51, S. 1100

[ 306 ]
Eine Einschätzung, ob Briefkästen auf echte Leserbriefe zurückgehen oder von der Redaktion erfunden wurden, ist derzeit kaum möglich. Auch die Rolle der auf Briefkasten-Material spezialisierten Feuilleton-Korrespondenzen (s.u.) ist ungeklärt.

[ 307 ]
Graf, Courths-Mahler, S. 72-78

[ 308 ]
Bernhard, Die Geschichte des Hauses, S. 62

 
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