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5. Illustrierte Unterhaltungspresse

5.1 Illustrierte [309]

Das Konzept der Illustrierten war in den ersten Jahrzehnten eng an das des Familienblattes angebunden; diese Verbindung fand in den 1880er Jahren ihren Höhepunkt und begann mit der modernen Ausdifferenzierung des Zeitschriftenmarktes in den 90er Jahren sich auseinander zu entwickeln. Während das Familienblatt seine universale Bildungs- und Integrationsfunktion an die Hausfrauenblätter abgab - als Begriff in deren Untertiteln aber weiterhin eine die (vorgebliche) Traditionalität der Inhalte betonende stützende Funktion innehatte -, entwickelte sich aus dem Illustrationsteil der Familienblätter - im Laufe der technischen Fortentwicklung der Bildreproduktionsmethoden, mit dem wichtigen Zwischenschritt der Fotowiedergabe - die moderne, von Bild bzw. Fotographie dominierte, im Gegensatz zum traditionellen Familienblatt stärker an der Tagesaktualität orientierte moderne Illustrierte. Illustrationen waren aber seit jeher ein wichtiges Medium der Unterhaltung und Werbemittel zahlreicher Zeitschriften gewesen. Bereits die Gartenlaube nannte sich im Untertitel "Illustrirtes Familienblatt", das Daheim hieß "Ein Familienblatt mit Illustrationen", Ueber Land und Meer wies sich nach 1887 als "Deutsche Illustrirte Zeitung" aus, der Hausfreund (anfangs: Der Illustrirte Hausfreund, 1.1857-3.1859) als "(Ein) Illustrirtes Familienbuch" (1864: "Illustrirtes Familienblatt") und später "Illustrirtes Familien-Journal", die sozialdemokratische Zeitschrift Die Neue Welt (1.1876-42.1919) als "Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk", Das Buch für Alle als "Illustrirte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung. Für Familie und Jedermann" (später: "Illustrirte Familien-Zeitung zur Unterhaltung und Belehrung. Chronik der Gegenwart", nach 1900: "Illustrierte Familienzeitung. Chronik der Gegenwart"), die Berliner Gartenlaube als "Illustrirte Zeitschrift", die Blätter für den häuslichen Kreis als "Illustrirtes Familienbuch zur Unterhaltung und Belehrung", Vom Fels zum Meer als "Spemann's Illustrirte Zeitschrift für das Deutsche Haus" usw. Die unverminderte Zugkraft des Konzepts 'Illustrirte' während der gesamten zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drückt sich auch darin aus, daß nicht wenige Zeitschriften den Begriff direkt in ihre Titel übernahmen. Neben den früher genannten ist dafür Keils Illustrirter Dorfbarbier (1851-1865) ebenso ein Beispiel wie der Versuch des fruchtbaren Kalenderverlags Geiger bzw. Schauenburg in Lahr, mit der Illustrirten Dorfzeitung des Lahrer hinkenden Boten (1863-1873) auch diesen neuen Markt zu bedienen, oder die erfolgreiche Illustrirte Welt (1.1853-50.1902) des Stuttgarter Verlegers Hallberger, die sich, anknüpfend an das Triester Vorbild (s.u.), im Untertitel ebenfalls "Familienbuch" nannte und 1903 mit dem dann bei der Stuttgarter Union erscheinenden Buch für Alle verschmolz. Hallberger, der 1858 auch Ueber Land und Meer gründete, hatte mit weiteren illustrierten Periodika weniger Erfolg: die Kalender Der Deutsche Pilger durch die Welt (1.1842-13.1854) und Illustrirtes Volksbuch (1851-1853?) sowie die Zeitschriften Zu Hause. Geschichten u. Bilder zur Unterhaltung (1.1866-8.1873?), Illustrirte Volks-Zeitung (1874/1875) und Hallberger's illustrated magazine (1875-1880) mußten nach relativ kurzer Zeit eingestellt werden. Anders Schönleins Illustrirte Chronik der Zeit (1872-1900): sie lief fast drei Jahrzehnte, bevor sie 1901 in der Gartenlaube aufging, und war (neben der letztgenannten) eine der wenigen Illustrierten in Deutschland, deren Auflage zu Beginn des Kaiserreichs die 100.000 deutlich überstieg (1872: 172.000, 1875: 200.000).[310]
Ein Blick auf die Auflagenzahlen [311] einiger Blätter, die im Titel mit dem Begriff "illustriert" um Aufmerksamkeit warben, zeigt - über die gesamte zweite Jahrhunderthälfte gesehen - v.a. zwei Tendenzen (Tab.5 u. 6): Zum einen wurden Illustrationen auch für zunächst lokal orientierte Zeitschriften (z.B. Illustrirter Volks-Novellist, Bern; Illustrirtes Wiener Extra-Blatt; Österreichische Illustrirte Familienblätter, Wien; Das illustrierte Blatt, Brünn; Illustrierte Schweizerfamilie, Zürich) unabdingbar, weil die überregional vertriebenen Blätter als Wettbewerber für einen hohen Modernisierungsdruck sorgten. Der Schweizer Pfarrer A. Steiger konstatierte 1886, nachdem er in 90 Bibliotheken (des Kantons Appenzell und Umgebung) eine Umfrage nach dem beliebtesten Lesestoff gestartet hatte: "Die illustrirten Zeitschriften mit ihren hübschen Bildern und 'schönen Geschichten' sind die Göttinnen des Tages [...] Auf die Frage, welche Schriften aus den Bibliotheken am meisten verlangt werden, kommt denn auch als Antwort fast von allen Seiten derselbe Vers: Illustrirte Zeitschriften, 'Gartenlaube', 'Daheim', 'Ueber Land und Meer', 'Illustrirte Welt' u.s.f."[312] Zum anderen gingen die Auflagen erst in den 1890er Jahren und nach der Jahrhundertwende, als Einzel- bzw. Straßenverkauf sowie das Beilagenwesen eine zusätzliche Kauf- bzw. Erwerbsgelegenheit etablieren, auf breiter Front in die Höhe. Modernere Vertriebswege und Werbung - fast stets gleichbedeutend mit einer sozialen Ausweitung des Publikums - sowie systematische Pflege eines Annoncenteils zur ergänzenden Finanzierung waren zuvor nur von einigen unternehmerisch besonders erfolgreichen Zeitschriftenverlegern (Weber, Keil, Hallberger, Payne, Schönlein, Klasing, Lipperheide u.a.) genutzt worden, teils gegen heftige Widerstände staatlicher Stellen oder aus dem Kollegenkreis; im Zuge der Entstehung eines Massenpublikums wurden diese Methoden verlegerisches Allgemeingut.[313]

      Als erste deutsche Illustrierte gilt das von Johann Jacob Weber im Jahr 1833 gegründete Pfennig-Magazin für Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse [314]. Es erschien wöchentlich im Oktavformat, wurde zum Jahrespreis von zwei Talern vor allem über Kolportage vertrieben und erreichte in kurzer Zeit die damals exorbitante Auflagenhöhe von 60.000.[315] Es hielt sich bis 1855; in den Folgejahren übernahm die 1853 gegründete Gartenlaube, mit vergrößertem Format, billigerem Preis und der Zugkraft bekannter Autoren die Bedeutung des Pfennig-Magazins. Weber gründete 1843 auch die Leipziger Illustrirte Zeitung (1843-1944), ebenfalls eine Wochenschrift, die sich aber in ihrem äußeren Erscheinungsbild - großes Format, dreispaltiger Satz - an den Tageszeitungen orientierte.[316] Vorbild war die kurz zuvor gegründete Illustrated London News (1842ff.); in Paris begann L'Illustration (1843ff.) etwa gleichzeitig zu erscheinen. Die Auflage der Illustrirten Zeitung betrug 12.500 (1868), später 22.600 (1897); auch der Einzelpreis von 1 Mark pro Heft (bei Lieferung durch Buchhandel oder Post) verweist darauf, daß sich die Zeitschrift an "Familien der besseren Stände" richtete: "der hohe Bezugspreis und der große Anzeigenteil erbrachten bedeutende Einnahmen."[317] Daneben gab Weber zwei ebenfalls illustrierte Kalender heraus: den wie die Illustrirte Zeitung auf soziale Exklusivität setzenden Illustrirten Kalender (1.1846-36.1881), Untertitel: "Jahrbuch der Ereignisse, Bestrebungen und Fortschritte im Völkerleben und im Gebiete der Wissenschaften, Künste und Gewerbe", der im "Hoch-Quart"-Format erschien und einen Taler kostete (zuletzt: 4 Mark) - er lief mehrere Jahrzehnte, bis neue Techniken die Holzschnitt-Illustrationen endgültig unzeitgemäß werden ließen - sowie Weber's [illustrirter] Volkskalender (1.1851-14.1863), der sich am erfolgreichen Vorbild des Gubitz'schen [Deutschen] Volks-Kalenders (1.1835-36.1870) orientierte, dessen Erfolg aber nicht für sich nutzen konnte. Für den Aufstieg der Gartenlaube von Bedeutung - wenngleich allgemein weniger beachtet als das Pfennig-Magazin und Gutzkows Unterhaltungen (s.o.) - ist auch die "literarisch-artistische Monatsschrift" Illustrirtes Familienbuch zur Unterhaltung & Belehrung häuslicher Kreise (Triest 1. 1850/51-10.1860, N.F.= 11.1861-19.1869?), herausgegeben vom Österreichischen Lloyd, deren Vorbildfunktion für Keils Familienblatt von der Titelgebung bis hinein in die Aufteilung der Sparten reicht: die spätere Gartenlaube-Rubrik "Blätter und Blüthen" beispielsweise hieß im Illustrirten Familienbuch "Muscheln und Perlen". Das Format des Illustrirten Familienbuchs war etwas kleiner als das der Gartenlaube; die seit 1856 bei Westermann in Braunschweig erscheinenden Illustrirten Monatshefte übernahmen Format und monatliche Erscheinungsweise von dem Triester Familienbuch, versuchten aber den eigenen Autorenstamm exklusiver zu gestalten. Im ersten Jahrgang des Illustrirten Familienbuchs waren u.a. J.N. Vogl, F.W. Arming, C. Spindler, H. Laube, E. v. Bauernfeld und S. H. Mosenthal vertreten, die sämtlich später auch für die Gartenlaube schrieben. Mit einem Jahrespreis von anfangs acht, ab dem zweiten Jahrgang vier Talern war das Illustrirte Familienbuch eine Zeitschrift für gehobene Kreise.
      Ein Jahr nach der Gartenlaube nahm, ebenfalls in Leipzig, der aus England stammende Buchhändler Albert Henry Payne (1812-1902) die Produktion seines Illustrirten Familien-Journals (1. 1854-16.1869, dann: Das Neue Blatt 1.1870-55.1929) auf, das durch Kolporteure abgesetzt wurde und in kürzester Zeit eine Auflage von 50.000 erreichte. Payne gilt als der erste, der Zeitschriften in größerem Maßstab kolportieren ließ [318]; seine Bedeutung für das deutsche Verlagswesen, v.a. die Popularisierung qualitätvoller Illustrationen, ist bislang kaum gewürdigt.[319] Payne war gelernter Stahlstecher und produzierte in seiner "Englischen Kunstanstalt", die er 1839 in Leipzig gegründet hatte, umfangreiche periodische Stahlstich-Bildwerke wie die Bilderhalle (1841-1845), das Universum und Buch der Kunst (1842-1870) oder das Panorama des Wissens und der Gewerbe (1859-1866?) sowie Zeitschriften und Kalender; neben dem Illustrirten Familien-Journal erschienen bei Payne z.B. die Allgemeine illustrirte Zeitung (1.1865-5.1869?), der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft (1867-1890?), Payne's Miniatur-Almanach (1844-1859) sowie der äußerst populäre Illustrirte Familien-Kalender (1.1857-28.1884; dann: Payne's illustrirter Familien-Kalender 29.1885-88.1942), die ebenfalls v.a. aufgrund ihrer Stahlstich-Beilagen beliebt waren. Die Zeitgenossen monierten gelegentlich die mangelnde Qualität der literarischen Beiträge seiner Zeitschriften - zwar habe er "ab und zu mittelst guter Bezahlung von einem namhaften Schriftsteller ein paar Arbeiten" erhalten, doch ließ er "die Fülle des nöthigen Stoffes durch Schriftsteller besorgen, die in ihm [d.i. dem Payne'schen Geschäft] selber als 'Halb-', 'Drittel-' und 'Viertel-Gelehrte' bezeichnet wurden."[320] ; doch auf dem Sektor der Stahlstichreproduktionen blieb Payne "lange Zeit [...] unangefochten marktbeherrschend".[321]

      Als 1864 das Daheim erschien, waren Illustrationen unabdingbare Voraussetzungen für einen Zeitschriftenerfolg. Es galt als abgemacht, daß Gutzkows Unterhaltungen, die im gleichen Jahr das Erscheinen einstellen mußten, ihren Mißerfolg im wesentlichen den fehlenden Illustrationen verdankten. Im Daheim entfielen durchschnittlich zwei bis drei Illustrationen auf ein Wochenheft von 16 Seiten, dazu kam jeweils die Titelvignette. Noch 1880 vermerkte die Redaktion in einem "Merkbüchlein für gelegentliche Mitarbeiter", von den 32 Spalten einer Wochennummer seien jeweils vier für Bilder reserviert.[322] Die Herausgeber des Daheim waren besonders stolz auf ihre Illustrationen, deren Qualität nach eigener Einschätzung die der Gartenlaube übertraf. Das Verhältnis Text/Bild entwickelte sich bei beiden Zeitschriften jedoch sehr ähnlich: finden sich ihm Daheim 1874 noch 134 Bilder in einem Jahrgangsband, so waren es 1884 schon 424; die Gartenlaube enthielt 1865 127 Illustrationen und 1875 153; 1885 waren es 376 und 1895 398. Die Illustrationsdichte - der prozentuale Anteil der Illustrationen gemessen am Gesamtseitenumfang [323] - war bei der Gartenlaube zunächst relativ gering: 1865 betrug sie 15%, 1875 17%, erhöhte sich mit der Entwicklung neuer Reproduktionstechniken aber schlagartig - 1885 43%, 1895 45% -, so daß man erst seit dieser Zeit von einer "Verlagerung des Schwerpunkts auf die Illustration"[324] sprechen kann. Mit dem Verkauf der Gartenlaube an den Kröner-Verlag (1884) "wächst die Zahl der bildlichen Darstellungen bzw. Gemäldereproduktionen"[325]; offenbar verfügte Kröner bzw. die spätere Union über die besseren Bildbeschaffungsmöglichkeiten. Die Stuttgarter Union richtete 1888 eine eigene xylographische Abteilung ein, in der nahezu 70 Xylographen beschäftigt waren, welche die Union-Zeitschriften Gartenlaube, Das Buch für Alle, Illustrirte Chronik der Zeit und Vom Fels zum Meer sowie die Jugendperiodika Das Neue Universum, Der gute Kamerad und Das Kränzchen mit austauschbaren und wiederverwendbaren Holzstöcken versorgten.[326]

      Die illustrierten Familienzeitschriften wirkten in Bezug auf die Illustrationen "sowohl als Multiplikator wie auch als Gradmesser für vorhandene Bedürfnisse", sie waren "indirekte[] Werbeträger" für die Bilderfabriken und "geschmackbildende Instanz" ästhetischer Normen, die "in ihrer Wirkung einem Verkaufskatalog für Bilderproduzenten gleichkam".[327] Die wechselseitige Werbewirkung war beträchtlich: "Die in den illustrierten Familienzeitschriften reproduzierten und im begleitenden Text angepriesenen Bilder tauchten wenig später in den Verkaufskatalogen der Bilderfabriken und Kunstverlage auf."[328] Auch die Maler der Vorlagen stellten sich auf die neue Situation - die ungeheure Beliebtheit ihrer Bilder - ein: sie verkauften ein und dasselbe Bild, nur geringfügig variiert (anderer Hintergrund, unterschiedliche Frisuren o.ä.), an verschiedene Kunstverlage. Die Bildthemen der Gartenlaube befaßten sich v.a. mit Landleben u. -bewohnern, vornehmer Welt, Künstlern, Ehe und Familie, Reisen und Expeditionen, Militär, Antike, Religion und Kirche und Tierbildern.[329]

      Kennzeichnend für die Umbruchphase der 80er Jahre ist das Schicksal der Deutschen Illustrirten Zeitung: ein Finanzkonsortium beauftragte Emil Dominik mit der Chefredaktion; als dieser zögerte, "trat einer der Kommerzienräte an ihn heran, legte ihm den Vertrag hin und fünf Tausendmarkscheine daneben und sagte: 'Das da für Ihre Unterschrift extra.'"[330] Die Illustrierte erreichte im ersten Jahr (1884) 60.000, im zweiten Jahr 80.000 Abonnenten. "Nach Ausstattung und Inhalt stellte die neue Zeitschrift alles Vorhandene in den Schatten. Insbesondere gefielen die in dem damals gerade entwickelten Vierfarbendruck ausgeführten Kunstbeilagen, die sich viele Abonnenten einrahmen ließen."[331] Allerdings versäumten die Gründer, für einen soliden Inseratenteil zu sorgen. "Die heute jedem Anfänger in der Branche bekannte Tatsache, daß keine Zeitung oder Zeitschrift von den Abonnementsgeldern allein leben kann, schien den Herren des Konsortiums, obwohl sie ausnahmslos gewiegte Kaufleute waren, unbekannt zu sein. [...] Während die Auflage der Deutschen Illustrierten Zeitung unablässig stieg, wuchs auch die Unterbilanz".[332] Nach drei Jahren wurde die Zeitschrift an Hallbergers Deutsche Verlagsanstalt verkauft und mit Ueber Land und Meer vereinigt; der freigewordene Titel wurde später von einer anderen Zeitschrift übernommen.

      Die erste Illustrierte moderner Machart, die fünf Jahre danach erscheinende Berliner Illustrirte Zeitung (1.1892-54.1945), war demgegenüber direkt für den Einzelverkauf konzipiert;[333] sie erschien zunächst im Verlag Hepner & Co., an dem neben Hepner auch der Verleger der Lustigen Blätter, Otto Eysler, beteiligt war."Das publizistische Konzept orientierte sich am Leipziger Namensvorbild: Betonung der aktuellen Berichterstattung in zeitungsverwandter Darbietung unter weitgehender Vermeidung familienblatt-typischer Elemente, vor allem der Dominanz der Belletristik und der Genreschilderungen."[334] Weitere wesentliche Unterschiede bestanden im Bereich Preis/Lesepublikum/Verbreitung. Der Preis der Berliner Illustrirten Zeitung war mit 1,50 Mark (innerhalb Berlins 1,30) für das Vierteljahresabonnement und 10 Pfennigen im Berliner Einzelverkauf um ein Vielfaches niedriger als bei der Leipziger Zeitschrift. Die Auflage der Berliner Zeitschrift belief sich wenige Jahre nach Gründung (1897) auf 40.000 Exemplare wöchentlich; im gleichen Jahr hatte die bereits über ein halbes Jahrhundert bestehende Leipziger Illustrirte Zeitung 22.600 Abonnenten. Die Berliner Illustrirte Zeitung verzeichnete in den Folgejahren, vor allem seit der Übernahme durch Ullstein 1894 - weitere rapide Auflagensteigerungen: 1908: 300.000, 1914: eine Million, 1926: 1,75 Mio - , was sie zur bis dahin erfolgreichsten Zeitschrift in Deutschland machte. Während die Leipziger Illustrierte ein sozial exklusives Lesepublikum avisierte, war bei der Berliner Illustrierten - wie z.B. aus den Namenslisten der Gewinner eines Preisausschreibens 1897 hervorgeht - "das kleinbürgerliche und Arbeiter-Element"[335] vorherrschend.
      Moderne Illustrierte ähnlichen Zuschnitts wie die Berliner Illustrirte Zeitung waren etwa die seit 1896 in Berlin erscheinende Zeitschrift Reporter. Illustriertes Weltblatt (1.1895-8.1902), "die ihre Leser hauptsächlich unter Arbeitern suchte und fand, und neben deren sex-and-crime-Berichterstattung die heutige 'Bild-Zeitung' ausgesprochen gemütlich wirkt",[336] außerdem seit 1899 Scherls Woche sowie die Wochenschau (Essen: Girardet 1909-1944) aus dem Ruhrgebiet, die während des Ersten Weltkriegs eine Auflage von 330.000 erreichte, und die Münchener Illustrierte Zeitung, eine Wochenschrift zum Heftpreis von 10 Pfg. mit einer Auflage von 40.000 im Jahr 1913. Die Woche. Moderne illustrierte Zeitschrift (1.1899-46.1944) aus dem Scherl-Verlag gilt als diejenige Zeitschrift, die als erste das farbige Titelblatt einführte und durch Verwendung des Mehrfarbendrucks eine neue Note in das Bild der deutschen Illustrierten brachte.[337] Durch die zunehmende Verwendung von Fotographien - möglich geworden durch die schnelle Verbreitung des Rasterdruckverfahrens seit etwa 1890 - erlangte das Moment der Aktualität auch auf der Illustrationsebene eine neue Qualität. Im Jahr 1905 schrieb ein Beobachter: "Wir sind es nachgerade gewöhnt, die Kamera als unvermeidliche Begleiterin und Beobachterin bei öffentlichen Umzügen, Festlichkeiten, Einweihungen etc. zu sehen und wundern uns schon gar nicht mehr darüber, daß wir eine getreue bildliche Wiedergabe der Ereignisse wenige Tage, nachdem wir in Zeitungsberichten darüber gelesen haben, in einer illustrierten Wochenschrift finden".[338]
      Die Anzahl der Illustrierten stieg insbesondere in den Jahren 1907 bis 1909 und erreichte zu Beginn des Ersten Weltkrieges für kurze Zeit einen Höhepunkt.[339] Die Gesamtzahl der deutschen Titel vor 1918 betrug etwa zehn; für die Jahre 1918-1932 sind 32 Titel nachgewiesen.[340] Zu den von Fotographien dominierten neueren Zeitschriften gehörten, neben Scherls Woche, das Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst (Berlin: Oestergaard 1.1898/99 - 31.1928), die Münchner Woche. Aktuelles illustriertes Blatt für Literatur, Kunst und Stadtrundschau (1905/1906), die Hamburger Woche (Hamburg: Eisler 1.1906-18.1923), die Deutsche illustrierte Zeitung (Berlin: Verlags-Anstalt Buntdruck 1.1907/08-12.1919?), Das Weltbild. Neue illustrierte Rundschau (Berlin: Patz & Garleb 1.1914-8.1920) sowie Das illustrierte Blatt. Die junge Zeitschrift für Haus und Familie (Frankfurt/Main 1. 1913-32.1944). Bereits um die Jahrhundertwende gehörten Sensationsberichte (Eisenbahnunglücke, Grubenexplosionen, Schiffsuntergänge), aber auch Bildberichte über Freizeitaktivitäten (Schlittschuhlauf, Tennis, Fußball) und neue Errungenschaften in Technik, Sport und Verkehr zu den klassischen Fotothemen der Illustrierten. "Besonders charakteristisch waren Panoramenansichten vom Großstadtleben."[341] Dabei griff die Bildorganisation der Zeitschriftenseiten "zuweilen schon filmische Elemente"[342] auf. Die Hamburger Woche vom 9. Juli 1914 zeigte z.B. auf dem Titelbild den dramatischen Vorgang der Verhaftung des Attentäters von Sarajewo kurz nach den tödlichen Schüssen: "Diese Momentaufnahme aus dem turbulenten Geschehen gilt heute als vollendetes Dokument des Zeitgeschehens".[343]

      Als Sonderformen der Illustrierten können die "Männerzeitschrift" sowie die Gerichts- bzw. Kriminalzeitschriften angesehen werden. Letztere brachten neben einer mehr oder weniger objektiven Gerichtsberichterstattung vor allem berühmte oder skurrile Kriminalfälle und Skandale aus der Welt der Kriminalität und der Rechtsprechung; sie erschienen meist in Wochenheften und kosteten zwischen fünf und acht Mark im Jahr. Zu den marktgängigen Titeln gehörten um 1900: die Breslauer Gerichts-Zeitung (Breslau: Cohn 1879-1923; Auflage: über 39.000 im Jahr 1915), die Neue Breslauer Gerichts-Zeitung (Breslau: Zimmer & Co. 1882-1923), die Schlesische Gerichts-Zeitung, später: Försters Gerichts-Zeitung (Breslau: Förster, 1.1884-1923?; Auflage 1915: 30.000), die Illustrierte Gerichts-Zeitung. Neuigkeits-Weltblatt (Hamburg 1.1891-1914?), die Kölner Gerichts-Zeitung (Köln 1883-1923), die Illustrierte Kriminal-Zeitung. Familien-Weltblatt (Hamburg: Christians 1.1896-1915?), Wage und Schwert. Kriminal-Wochenschrift (Berlin 1.1904-1914?) und die Kriminal-Woche (Hamburg 1921-1923?).

 

[ 309 ]
Die maßgebliche Darstellung zu diesem Thema ist bis heute: Gebhard, Illustrierte Zeitschriften, in: Buchhandelsgeschichte 2/1983; zum Begriff 'Illustrierte' vgl. Marckwardt, Die Illustrierten der Weimarer Zeit, S. 1-5

[ 310 ]
Die Zeitschrift fehlt in der u.g. (Anm. 258) Liste des Börsenblattes von 1872, offenbar weil sie nicht über Post oder Sortimentsbuchhandel vertrieben wurde, sondern ausschließlich durch Kolportage.

[ 311 ]
Angaben zu den Auflagen sind kompiliert aus den einschlägigen Verzeichnissen bei Haendel, Sperling und Mosse.

[ 312 ]
Steiger, Was unser Volk liest, S. 24; "unter dem Zwang der deutschen Konkurrenz entwickelte sich das illsutrierte Blatt auch in der Schweiz zum Normalfall." (Messerli / Mathieu, Unterhaltungs- und Belehrungsblätter in der deutschen Schweiz 1850-1900, S. 181)

[ 313 ]
Vgl. z.B. Bärwinkel / Webel, Die Praxis des Zeitschriften-Verlegers, u.a. über Reklame, Abonnenten-Agitation, Prämienwesen, Behandlung der Abonnenten, Inseraten-Acquise, Leserbindung usw.

[ 314 ]
Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften, B41-B42; Gebhardt, Die Pfennig-Magazine, 1989

[ 315 ]
Koszyk, Deutsche Presse im 19. Jahrhundert, S. 267

[ 316 ]
Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften, B42-B43

[ 317 ]
Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften, B42

[ 318 ]
Wuttke, Die deutschen Zeitschriften, S. 53

[ 319 ]
Schmidt, Deutsche Buchhändler hat keinen Artikel über Payne; ein kurzer Nachruf findet sich im Börsenblatt Nr. 106 (10. Mai 1902), S. 3866; eine Darstellung seiner Bedeutung für die Bildreproduktion bei Pieske, Bilder für Jedermann, S. 195-197; am umfassendsten bislang Winkler, 'Das Princip...', in: Buchhandelsgeschichte 1/1994, sowie ders., Zeitungsdruck und Buchgewerbe;

[ 320 ]
Wuttke, Die deutschen Zeitschriften, S. 53

[ 321 ]
zu Geschichte und Funktion des Stahlstichs vgl. Marsch, Meyer's Universum (1972)

[ 322 ]
Barth, Das Daheim und sein Verleger August Klasing, S. 60

[ 323 ]
Angaben zur Illustrationsdichte sind aussagekräftiger als Gesamtillustrationszahlen pro Jahrgang. Hierbei ist jedoch die Problematik der meist nicht erhaltenen Heftumschläge zu berücksichtigen, die neben Inseraten ebenfalls Texte und Bilder enthielten; vgl. grundsätzlich Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften in Deutschland, S. B41/B42

[ 324 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, S. 9

[ 325 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, S. 16

[ 326 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, S. 53

[ 327 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, S. 40

[ 328 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, Belege S. 40/41

[ 329 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, S. 67-120

[ 330 ]
H. Dominik, Vom Schraubstock zum Schreibtisch, S. 17

[ 331 ]
H. Dominik, Vom Schraubstock zum Schreibtisch, S. 17

[ 332 ]
H. Dominik, Vom Schraubstock zum Schreibtisch, S. 18

[ 333 ]
Vgl. dazu meine Ausführungen zum Straßenhandel weiter oben; zur sog. "Ullstein-Legende" vgl. Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften in Deutschland, S. B62-B.63 (= Anm. 58). Ausgangspunkt der Legende war offenbar die - von Gebhardt übersehene - ausdrückliche (falsche!) Behauptung Georg Bernhards in der Festschrift des Ullstein-Verlags von 1927: "Die Neuerung, die der Verlag Ullstein wagte, bestand in der Einführung eines wöchentlichen Bezugspreises von 10 Pfennig." (Bernhard, Die Geschichte des Hauses, S. 36)

[ 334 ]
Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften in Deutschland, S. B45/B46

[ 335 ]
Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften in Deutschland, S. B46

[ 336 ]
Gebhardt, Das Interesse an der Pressegeschichte, S. 14

[ 337 ]
Angaben nach Lehmann, 'Illustrierte', Sp. 1787; allerdings hatten Witzblätter schon früher farbige Titelbilder eingeführt (s.u.).

[ 338 ]
zit. n. Dewitz / Lebeck, Kiosk, S. 64; Beispiele aus Berliner Leben, ebd. S. 67 u. 73, Die Woche, ebd. S. 70-72 u. 88.

[ 339 ]
Marckwardt, Die Illustrierten der Weimarer Zeit, S. 15

[ 340 ]
Marckwardt, Die Illustrierten der Weimarer Zeit, S. 15: "Die Entwicklung der Illustrierten 1918-1932" (S. 44-51), "Bibliographie der Illustrierten der Weimarer Zeit" (S. 52-65)

[ 341 ]
Dewitz / Lebeck, Kiosk, S. 64

[ 342 ]
Dewitz / Lebeck, Kiosk, S. 64 - Die Wechselbeziehung zwischen frühem Film und Zeitschriften- bzw. Buchillustration bedarf noch der Aufklärung. Nicht nur hat die frühe Filmästhetik die Zeitschriftenillustration beeinflußt, vielmehr waren diese auch von Einfluß auf den frühen Film. Vgl. Gauthier, Von Jules Verne zu Méliès, der den Einfluß von Illustrationen zu Jules-Verne-Romanen bzw. aus Zeitschriften wie Le Tour du monde, Le Charivai, Le Petit journal u.a. auf den französischen Filmpionier Georges Méliès (1861-1938) postuliert.

[ 343 ]
Dewitz / Lebeck, Kiosk, S. 92; Abb. S. 93

 
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