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5. Illustrierte Unterhaltungspresse

5.2 Illustrationen
(Techniken, Bilderhandel)

Techniken

Im Jahr 1869 kam in Paris die lithographische Schnellpresse auf den Markt. Sie ermöglichte die Massenproduktion der billigsten Kategorie populärer Bilder für weite Kreise der Bevölkerung, was die illustrierten Zeitschriften vielfältig nutzten. Die um 1870 bei den Illustrierten allgemein zu beobachtende deutliche Auflagensteigerung war mithin nicht allein dem infolge des 1870/71er Krieg gestiegenen Informationsbedürfnis geschuldet. "Von 1870 an verselbständigen sich die Illustrationen der Familienzeitschriften zusehends. Aus Textbebilderungen werden erst jetzt Bildbeilagen, die schließlich um 1900, als der farbige Druck rentabler geworden war, tatsächlich auch beigelegt wurden und lose in Sammelmappen gelangten oder als Wandschmuck dienten."[350] Die Gartenlaube sah 1874 mit der neuen Technik der Chromolithographie, die in Form ganzseitiger Kunstbeilagen unmittelbar Einzug in die Familienblätter hielt, eine Demokratisierung der ästhetischen Bildung eingeläutet: "Schönheitssinn und durchheiterte Häuslichkeit" könnten "aus den Bel-Etagen bis in die Dachkammer hinauf und die Keller hinuntersteigen"; vormals nur von sozialen und Bildungseliten rezipierte bzw. rezipierbare Kunstwerke sollten nun "als farbenfreudige[s], schon eingerahmte[s] Ölbild bei jedem Aufblick im Zimmer unwillkürlich erheiternd und geschmackbildend"[351] wirken. Der seit 1886 geltende Urheberrechtsschutz für Bildproduktionen führte zu einer weiteren Popularisierung beliebter Motive. Nun konnte eine Reproduktionsfirma, die nicht im Besitz der Bildrechte eines gefragten Motivs war, am Geschäft mit gängigen Themen und Motiven nur noch mit Hilfe "zweiter und dritter Aufgüsse"[352] partizipieren - d.i. Nachschöpfungen mit leichten Veränderungen der Vorlage: "Warum soll nur ein Franz Defregger derblebendige Tiroler Bauern, warum nur ein Gabriel Max dunkeläugige Mädchenköpfe, warum nur der Eduard Grützner zechende Klosterherren in pittoresken Interieurs malen und dafür so vielen singenden und klingenden Erfolg einheimsen können? Das können wir auch, sagten sie und machten sich daran, und die Ausstellungen und Bilderläden wurden überschwemmt mit jenen gangbaren Sujets und mit vielen anderen, die gangbar waren, 'courante Artikel' heißt es im Handelsjargon".[353] Seit den ausgehenden 1880er Jahren begannen zunehmend große photographische Bilderfirmen mit ihren Galerieproduktionen nach fotographischen Vorlagen den Massenmarkt zu bestimmen; sie drückten auch den Unterhaltungszeitschriften ihren deutlichen Stempel auf. An der Gartenlaube der 1890er Jahre etwa lässt sich belegen, dass die Fotorechte großer Firmen "bestimmte Sujets zum Angebot für die Familienzeitschriften legitimieren".[354] Eine Auszählung von 1200 Bildern der Gartenlaube ergab eine eindeutige Dominanz der Münchener Firma Hanfstaengl, die z.B. die Rechte an populären Künstlern wie F. Drefregger, H. Kaulbach, E. Grützner oder E. Brack besaß; insgesamt hatte allein diese heute noch existierende Firma 6000 zeitgenössische Künstler im Angebot.[355] Seit der Münchener Hofphotograph Joseph Albert Angestellter Hanfstaengls war, entwickelte sich die Firma zum führenden deutschen Unternehmen, das "fast alle illustrierten Zeitschriften dieser Zeit mit Bildmaterial belieferte."[356] Albert hatte in den 1860er Jahren das Lichtdruck-Verfahren entwickelt, das die faksimileartige Reproduktion fotographischer Vorlagen ermöglichte. Hanfstaengl vermarktete nun europaweit die Meisterwerke aus den öffentlichen Galerien in München, Gotha, Kassel, Brüssel usw.; ähnlich häufig wie Hanfstaengl-Bilder erschienen in der Gartenlaube Bilder der Dornacher Firma Braun, Clément & Cie. Sowie, vor allem nach 1900, englischer Firmen wie Graves & Co. oder der berühmten, 1866 gegründeten Kunstdruck- und Lithographieanstalt Raffael Tuck & Sons.[357]
      Mit der Autotypie, einer Erfindung des Nürnberger Kupferstechers Georg Meisenbach, die dieser 1882 zum Patent anmeldete, konnten Fotos nun auch in ihren Halbtönen reproduziert werden. Die Autotypien signalisieren, vierzig Jahre nach Erfindung der Fotographie, den Beginn der eigentlichen Pressefotographie. Berühmt wurden Ottomar Anschütz' Manöverbilder in der Illustrirten Zeitung von 1884, mit denen erstmals Momentaufnahmen in einer Zeitschrift abgedruckt wurden.[358] Als früheste gedruckte Fotoreportage gelten Anschütz' Bilder vom "Griechischen Feste aus Pergamons Zeit" in der Deutschen Illustrierten Zeitung von 1886.[359] Die beginnende Dominanz der Illustrationen wurde von Zeitgenossen, die sich klassischen Bildungsidealen verpflichtet sahen, vielfach beklagt; charakteristisch sind die Ausführungen Hermann Friedrichs über "Unsere illustrierten Familienblätter", die 1885 in zwei kritischen Zeitschriften gleichzeitig (Die Gesellschaft und Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes) erschienen. "Früher war der sogenannte 'Bilderschmuck' eines Blattes mehr oder weniger Nebensache, der Text bildete solange die Hauptsache, bis einige unserer Herren Verleger auf die Bequemlichkeit des Publikums zu spekulieren begannen, welches natürlich lieber mit dem äußeren Auge flüchtig an Bildern sich ergötzt, als den Geist durch Lesen und Denken anstrengt. So stehen wir denn heute vor der bedauerlichen Thatsache, daß meist auch diejenigen unserer illustrierten Blätter, welche nicht, wie beispielsweise die 'Leipziger Illustrierte Zeitung', mit der ausgesprochenen Absicht in die Erscheinung traten, vorzugsweise der Anschauung dienen zu wollen, in erster Reihe ihrer Bilder wegen gehalten werden. Hieraus folgt, daß eine neue mit Bildern 'geschmückte' Zeitschrift die schon vorhandenen in Hinsicht auf die Güte der Bilder zu übertreffen suchen muß, wenn sie überhaupt auf eine halbwegs anständige Abonnentenzahl rechnen will. Die natürliche Folge hievon ist wieder, daß bei der Gründung einer solchen Wochen- oder Monatsschrift der bei weitem größte Teil des Anlagekapitals für das verausgabt wird, was [...] Nebensache sein sollte, für die Bilder."[360]

 

[ 350 ]
Brückner, Trivialisierungsprozesse in der bildenden Kunst, S. 235

[ 351 ]
Beta, Moderne Kunstindustrie, S. 520

[ 352 ]
Brückner, Trivialisierungsprozesse, S. 230

[ 353 ]
Brückner, Trivialisierungsprozesse, S. 230

[ 354 ]
Brückner, Trivialisierungsprozesse, S. 236

[ 355 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, S. 53

[ 356 ]
ZurMühlen, Illustrierte Familienzeitschriften im 19. Jahrhundert, S. 38

[ 357 ]
Wildmeister, Die Bilderwelt der Gartenlaube, S. 53; zur Geschichte der Firma Tuck vgl. Pieske, Das ABC des Luxuspapiers, S. 64/65

[ 358 ]
Illustrirte Zeitung Nr. 2124 vom 15. März 1884; Abbildung bei Dewitz / Lebeck, Kiosk, S. 44

[ 359 ]
Deutsche Illustrierte Zeitung (Berlin) Nr. 49 vom 14. Juli 1886; Abbildungen bei Dewitz / Lebeck, Kiosk, S. 45

[ 360 ]
Friedrichs, Unsere illustrierten Familienblätter, S. 722

 
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