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5. Illustrierte Unterhaltungspresse

5.2 Illustrationen
(Techniken, Bilderhandel)

Bilderhandel

Der innereuropäische und transatlantische Handel mit Bildern und die - teils Jahrzehnte anhaltende - Wanderung der Illustrationen von einer Zeitschrift zur nächsten ist kaum erforscht; es gab einen "verzweigte[n] Handel mit zum Abdruck in der Presse geeigneten Bildern bzw. Druckstöcken oder Klischees über die Ländergrenzen hinweg"[361], im Rahmen dessen "ungezählte Abbildungen samt Erläuterungen durch die illustrierten Zeitschriften international verbreitet"[362] wurden. Das galt schon für die frühen Pfennig-Magazine: "Sieht man die Jahrgänge durch, trifft man immer wieder auf Illustrationen, die man in anderen Jahrgängen anderer Titel schon ein- oder mehrmals gesehen hat."[363] Bestimmte Zeitschriften, etwa Schönleins Buch für Alle, sind stark von englischen Vorlagen geprägt, in Spemanns populärem Jahrbuch Das Neue Universum (1.1880-117.2001ff.) finden sich zahlreiche Bilder aus französischen Verlagen.[364] Die Gartenlaube mußte sich 1879 von einem Kritiker fragen lassen: "[W]ie verhält sich das Princip der Gartenlaube, nur Originale [Texte] zu veröffentlichen, zu ihren zahlreichen Bildern, die allüberall entliehen und als bloße Abdrücke veröffentlicht werden?"[365] Auch innerhalb derselben Zeitschrift wurden Illustrationen immer wieder verwendet. Im Rahmen einer Untersuchung zur Darstellung des Fremden hat Gebhardt einige Beispiele aus Deutschland, England und Italien verfolgt; die Bilder stehen, über Ländergrenzen hinweg und durch Jahrzehnte, in Verbindung untereinander. "Diese Verbindung kommt zum Ausdruck z.B. in den sich wiederholenden Bild- und Textmustern und in der Tatsache, daß die Geschichten von Kontakt und Konflikt der weißen Rasse mit den Fremden über längere Zeiträume, zuweilen sogar über Jahrzehnte hinweg in den illustrierten Zeitschriften erzählt wurden, gleichsam wie in einer Fortsetzungsgeschichte, deren frühe Folgen die Produzenten bei ihrer Leserschaft als bekannt voraussetzten durften."[366] Dabei spielte die Langzeit- bzw. zeitversetzte Rezeption von Zeitschriften eine wichtige Rolle: die gebundenen Jahrgangsbände wurden, wie Leihbibliothekskataloge beweisen, in Bibliotheken ausgeliehen und standen jahrelang in privaten Bücherschränken; der Katalog des Arbeiter-Bildungs-Vereins in Dresden von 1875 etwa verzeichnete unter den illustrierten Zeitschriften zwei Bände des Heller-Magazins aus den 1830er Jahren.[367]
      Die schon früh einsetzende Internationalität des Bilder- bzw. Klischeehandels kommt auch in der anhaltenden Diskussion über die Qualität der Illustrationen zum Ausdruck. In einem Beitrag der Gartenlaube von 1868 hieß es z.B. über die Pfennig-Magazine: "Das Ausland schickte uns Abklatsche seiner meist mittelmäßigen Illustrationen, und das einstmals als einziges illustrirtes Blatt weitverbreitete Pfennigmagazin, welches in langen Artikeln zu beweisen suchte, daß der nebenstehende schwarze Klecks den Paradiesvogel oder das Bild des indischen Fürsten vorstelle, zeugt davon, mit welch geringer Waare Deutschland sich behelfen mußte."[368] Dabei waren die Pfennig-Magazine keineswegs illustrativ rückständig; nicht nur die Menge der Bilder beeindruckte die Zeitgenossen,[369] auch Aktualität und Authentizität waren den Herausgebern und Redakteuren "keine fremden Kategorien"[370]; es finden sich Vorläufer der Reportage und "Ansätze früher bildjournalistischer Professionalität".[371] "Die später aufgekommene[n] Vorstellung[en] von der Biedermeierlichkeit der Pfennig-Magazine [...] werden den publizistischen und ästhetischen Eigenschaften dieses Zeitschriftentyps offenkundig nicht gerecht."[372] 1864 konstatierte ein Beobachter: "Unsere Zeit verlangt Illustrationen. Die Illustration ist gleichsam die Verkörperung des die Gegenwart beherrschenden Strebens [...] Daß wir Deutschen die Engländer und Franzosen, die uns darin sonst weit voraus waren, in der Holzschneidekunst überflügelt haben, davon kann sich Jedermann überzeugen, wenn er etwa die Münchener Bilderbogen und fliegenden Blätter oder die Leipziger Illustrirte zur Hand nimmt."[373] Auch anläßlich der aktuellen Berichterstattung im deutsch-französischen Krieg entwickelte sich eine Diskussion über die Qualität der deutschen Illustrationen, in der "den englischen Zeichnern größere Routine und Ueberlegenheit" zugestanden wurde: sie besäßen "große Geschicklichkeit in der Wahl ihrer Stoffe [...] ferner eine Keckheit, ja Frechheit, Sachen zu zeichnen, die sie nicht gesehen haben können, [...] sie tragen das Alles mit großer Prätension in großen, schwarzen, auffälligen Bildern vor"; dagegen sei "der deutsche Schnitt dem englischen zweifelsohne bedeutend überlegen", die "Vorzüge unserer deutschen Illustrationen" seien "die Naturwahrheit, die Charakteristik, die Correktheit der Zeichnung, die Sauberkeit des Schnitts."[374]

 

[ 361 ]
Gebhardt, Die Pfennig-Magazine und ihre Bilder, S. 27

[ 362 ]
Gebhardt, Kollektive Erlebnisse, S. 520

[ 363 ]
Gebhardt, Die Pfennig-Magazine und ihre Bilder, S. 27

[ 364 ]
Vgl. meinen Artikel zum Neuen Universum für das Handbuch der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 5: 1850-1900, Stuttgart: Metzler (vorges. 2008)(ungedr. Ms)

[ 365 ]
Deibel, Die Gartenlaube, S. 223

[ 366 ]
Gebhardt, Kollektive Erlebnisse. Zum Anteil der illustrierten Zeitschrift im 19. Jahrhundert an der Erfahrung des Fremden, S. 518

[ 367 ]
Gebhardt, Die Pfennig-Magazine und ihre Bilder, S. 24

[ 368 ]
Förster, Caspar Braun, S. 378

[ 369 ]
vgl. die Zitate aus den Lebenserinnerungen von C. Schurz, R. v. Gottschall, R. Haym und H. Seidel bei Gebhardt, Die Pfennig-Magazine und ihre Bilder, S. 26/27

[ 370 ]
Gebhardt, Die Pfennig-Magazine und ihre Bilder, S. 32

[ 371 ]
Gebhardt, Die Pfennig-Magazine und ihre Bilder, S. 34

[ 372 ]
Gebhardt, Die Pfennig-Magazine und ihre Bilder, S. 41

[ 373 ]
Schaubach, Die Unterhaltungsliteratur der Gegenwart, S. 365

[ 374 ]
NN: Die illustrirte deutsche Presse während des Kriegs, S. 59 (mit Bezugnahme auf zwei Artikel in der Allgemeinen Zeitung)

 
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