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6. Witzblätter

Witz- und Satireblätter gehörten in der Kaiserzeit zu den vielgestaltigsten und innovativsten Zeitschriften; ihre Bedeutung kann nur angedeutet werden.[375] Dabei sind die Übergänge zwischen reinen Spaß-Blättern und politischer Satire meist fließend und ohne Autopsie im einzelnen nicht bestimmbar. Zu unterscheiden sind überwiegend mit Bildergeschichten und -witzen ausgestattete Blätter, die sich vorzüglich der politischen Satire widmen, von solchen, die darüber hinaus einen ästhetischen Anspruch verfolgen. Für alle gilt jedoch eine mehr oder weniger ausgeprägte, im Laufe der Jahrzehnte insgesamt zunehmende erotische Freizügigkeit und politisch-satirische Schärfe. Die Struktur der Witzblätter entwickelte sich in drei ineinander übergehenden Phasen: Viele Witzblattgründungen erfolgten im Zuge von Vormärz und 48er-Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts und waren vor allem durch politischen Witz und die Karikatur traditioneller Herrschaftsstrukturen u.ä. bestimmt. Während der Restauration zogen sich die meisten Redaktionen auf die ironische Betrachtung familiären und öffentlichen Lebens zurück, viele Witze lebten von der Typisierung menschlicher Beziehungen und verschiedener Berufsfelder. Erst ab den 1880er Jahren ist wieder eine stärkere Politisierung zu beobachten; in dieser Zeit kommen auch verstärkt Witzblätter auf den Markt, die Politik und Erotik mit einem künstlerischen Anspruch verknüpften.
Hauptverlagsorte waren neben München (u.a. Fliegende Blätter, Miau, Fidibus, Die Bremse, Neue Fliegende Blätter, Radfahr-Humor, Meggendorfer Blätter, Jugend, Der Affenspiegel, Der Komet), dessen Kunstszene Maler und Zeichner aus ganz Europa anzog und die Stadt damit gleichsam zur natürlichen Hauptstadt der deutschen Witzblätter machte, und der Revolutionsmetropole Berlin (u.a. Kladderadatsch, Ulk, Bock-Zeitung, Lustige Blätter, Kobold, Humoristische Blätter, Deutscher Michel, Das kleine Witzblatt, Satyr, Frou-Frou) vor allem Wien, das zahlreiche Titel, freilich meist mit nur mittlerer Auflage (zwischen 1500 und 30.000) und offenbar eher regionaler Verbreitung, hervorbrachte (Figaro, Wiener Punch, Der Floh, Kikeriki, Wiener pikante Blätter, Die Bombe, Wiener Karrikaturen, Der junge Kikeriki, Mephisto, Glühlichter, Neue Glühlichter, Die Muskete).

      Die Ersten Witzblattgründungen gab es Mitte des 19. Jahrhunderts: Vormärz und 1848er-Revolution hatten der politischen Satire neue Wege in die Öffentlichkeit geebnet. Kennzeichnend waren für Berlin Blätter wie Die ewige Lampe (1.1848-3.1850) unter Leitung von Arthur Müller, das Berliner Charivari (Berlin: Hirschfeld 1847/1848) oder der Berliner Krakehler (1848/49), geleitet von Cohnfeld, oder illustrierte Witzblätter wie der Teufel in Berlin (1848) und die Publikationen Adolf Glasbrenners, für die Theodor Hosemann und Wilhelm Scholz zeichneten.[376] Mit zahlreichen Zeitschriftengründungen war Moritz Saphir an verschiedenen Orten tätig, u.a. dem Mitternachtsblatt für den Sternenhimmel der Laune und des Humors (1830) oder Der deutsche Horizont. Ein humoristisches Blatt für Zeit, Geist und Sitte (München: Jaquet, 1.1831-4.1834), v.a. aber mit Der Humorist. Eine Zeitschrift für Scherz und Ernst, Kunst, Theater, Geselligkeit und Sitte (Wien: Bolte; 1.1837-22.1858), dem zeitweise, dem Vorbild des Kladderadatsch folgend, ein Humoristisch-satyrischer Volkskalender (1.1851-8.1858) angegliedert wurde. Auch für andere Städte sind solche Titel nachweisbar, etwa Der Humorist. Eine Wochenschrift zur Erheiterung geselliger Freistunden (Breslau 1833), Humoristisch-komisches Witz- und Carricaturen-Pfennig-Magazin (Leipzig; 1.1842-10.1848), Charivari (Leipzig, 1.1842-8.1849), Die Hornisse. Zeitung für hessische Biedermänner (Kassel: Raabe 1.1848-3.1850) oder Königsberger Fliegende Blätter. Politisch-humoristische Wochenschrift mit Carricaturen (Königsberg: Kiewnig & Kroß, 1848-1899?). Das erste demokratische Witzblatt, das ständig Karikaturen brachte, soll der von Ludwig Pfau 1847 in Württemberg gegründete Eulenspiegel gewesen sein.[377] Die erfolgreichsten Witzblätter jener Zeit aber waren die Münchener Fliegenden Blätter (München: Schreiber, 1.1845-100.1944) und der Berliner Kladderadatsch. Humoristisch-satyrisches Wochenblatt (Berlin: Hofmann 1.1848-97.1944), die beide nahezu einhundert Jahre erschienen. Ihr Vorbild war der englische Punch (1841ff.), der Dank bedeutender Zeichner und Holzschneider "vom ersten Heft an ein getreues, kritisches Spiegelbild aller Eigenheiten und Schwächen des englischen privaten und öffentlichen Lebens"[378] bot. Er richtete sich an ein gebildetes Publikum und hatte als Mitarbeiter u.a. W. Thackeray, der später auch der erste Herausgeber der erfolgreichen Unterhaltungszeitschrift Cornhill Magazine (1860ff.) wurde.

 

[ 375 ]
Kirchner 1962 enthält, außer zum Simplicissimus (S. 353/354), keine Angaben über Witzblätter; zu den Witzblättern der 48er-Revolution vgl. Wuttke, Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung, S. 48-51

[ 376 ]
zur zeitgenössischen Einschätzung vgl. Rudolph Genée: Zeiten und Menschen, S. 97

[ 377 ]
Drahn, Sozialistische Witzblätter, S. 272

[ 378 ]
Bogenschneider, Das [französische] Zeitschriftenwesen, Sp.1512

 
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