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6. Witzblätter

"Kladderadatsch" [379]

Die "beiden eigentlichen Begründer"[380] des Kladderadatsch, der Buchhändler Albert Hofmann und der Possendichter David Kalisch, erkannten, "daß gerade aus den volksthümlichen Elementen und den mancherlei humoristischen Zügen, wie sie in dem Nachwogen der Revolution sich zeigten, sich auch ein materieller Gewinn ziehen lassen müsse".[381] Sie schufen für ihr "Organ für und von Bummler", wie der Untertitel lautete, den oft kopierten "Kladderadatsch-Kopf" als graphisches Markenzeichen und die stehenden Figuren "Müller und Schultze", und boten dem "gute[n] bürgerliche[n] Kern der Berliner Bevölkerung", der von den "drängenden Ereignissen und Aufregungen ermüdet"[382] war, behaglichen Spaß, kleine Bosheiten, Späße und gelegentliche "Obscönitäten, die am Biertisch ihre Wirkung thaten"[383]. Durch das Hinzutreten von Ernst Dohm wandelte es sich in ein wirkliches politisches Witzblatt, Wilhelm Scholz schuf Karikaturen mit Wiedererkennungseffekt und Rudolf Löwenstein steuerte gefühlsbetonte politische Lyrik bei. Damit war eine Mischung gefunden, die jahrzehntelang erfolgreich blieb, von kirchlicher Seite immer wieder kritisiert wurde - Schaubach etwa warf dem Kladderadatsch 1863 "hämische[] Ausfälle[]" gegen die innere Mission vor [384] und Wittke konstatierte 1866: "Vielfach schärfte der Kladderadatsch das Urtheil, indeß hat er auch ätzend und zersetzend gewirkt"[385] - und noch in der Kaiserzeit, als sich der Kladderadatsch für Bismarck einsetzte, für politische Skandale zu sorgen vermochte.[386] Charakteristisch für die Wirkungsmächtigkeit, die Zeitgenossen den Witzblättern zuschrieben, ist auch ein Urteil von klerikal-konservativer Seite über den Kladderadatsch von 1873:
      "Mit cynischer, orientalischer Gewandheit immer den gerade im Lande herrschenden Parteien dienend, mit scheinbarer Opposition freundliche Lakaiendienste verhüllend, bannt er die brennenden Zeitfragen in irgend eine interessante Formel, und hat sich dadurch viele Lacher erworben. Er fehlt, wie die 'Gartenlaube', 'Wespen' u.s.w. in keinem Wirthshause, auf keiner Eisenbahnstation. Das Verderbliche dieses nichtswürdigen Blattes ist nicht so sehr das sittlich und religiös Bedenkliche mancher einzelner Bilder und Witze, als die ganze frivole Richtung, welcher geradezu gar nichts mehr heilig ist. Der Volksgeist kann nicht wirksamer vergiftet werden, als wenn es erlaubt ist, öffentlich alles das, was eigentlich Jedermann oder doch einem großen Theile der Nation heilig gilt, in den Koth ziehen zu dürfen."[387]

 

[ 379 ]
vgl. Ring, Zur Geschichte des 'Kladderadatsch', sowie Lindau, Humoristen

[ 380 ]
Genée, Zeiten, S. 97-129, hier S. 99

[ 381 ]
Genée, Zeiten, S. 98

[ 382 ]
Genée, Zeiten, S. 99

[ 383 ]
Genée, Zeiten, S. 99

[ 384 ]
Schaubach, Die Zeitungen und die Zeitschriften, S. 147

[ 385 ]
Wuttke, Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung, S. 51

[ 386 ]
Vgl. Röhl, Die Angriffe des Kladderadatsch

[ 387 ]
Der Görresverein zur Massenverbreitung guter Volksschriften für das Erzbistum Köln. Köln: Bachem 1873, S. 5

 
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