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6. Witzblätter

"Fliegende Blätter"

Die Fliegenden Blätter, noch älter als der Kladderadatsch, waren v.a. aufgrund ihrer Zeichnungen bekannt, die in den Anfangsjahren hauptsächlich vom Gründer K. Braun stammten sowie von dem bekannten Illustrator Pocci. Erzähltexte und Gedichte steuerten u.a E. Geibel, A. Kopisch, J. Kerner, L. Bechstein, L. Schücking, C. Spindler sowie v.a. H. Marggraff , F. Gerstäcker, F. W. Hackländer und V. v. Scheffel.[388] Der Prosateil wurde gegen Ende des Jahrhunderts immer weiter vermindert und die Zeichnung erhielt, wie bei den modernen Neugründungen, ein zunehmendes Eigengewicht. Zu den beliebtesten Figuren der Fliegenden Blätter gehörten Eisele und Beisele, ein jugendlicher Baron und sein Hofmeister, die durch ganz Deutschland reisen und überall "die speziellen Verkehrtheiten und wunderlichen Einrichtungen"[389] kennen lernen; Pocci hatte außerdem schon früh die Figur des "Staatshämorrhoidarius" erfunden, einem geplagten deutschen Aktenmenschen; später kamen Barnabas Wühlhuber und Casimir Heulmaier hinzu, zwei deutsche 48er-Radikale in Amerika, Weiland Gottlieb Biedermaier, ein schwäbischer Schulmeister, Master Vorwärts, ein amerikanischer Schwindelunternehmer, die Geschäftsreisenden Mutz und Wutz u.a.m. Seit 1859 zeichnete Wilhelm Busch für die Fliegenden, dessen "völlig neue Art der zeichnerischen Darstellung"[390] die Zeitgenossen faszinierte: "Einige Jahre hindurch beherrscht[e] er das Blatt beinah ausschließlich."[391] Zu den Autoren der 80er und 90er Jahre gehörten u.a. F. Dahn, H. Seidel, E. A. König, Sacher-Masoch, J. Stinde, Franzos, E. Eckstein, A. Silberstein, P. Rosegger, L. Ganghofer und D. v. Liliencron, der bekannteste Zeichner dieser Zeit wurde A. Oberländer, der weniger satirisch scharf war als Buch, und daneben H. Schlittgen, dessen Leutnants- und Unteroffizierstypen als "besonders flott[]"[392] und modern gezeichnet empfunden wurden. Die künstlerische und literarische Haltung des Blattes war konservativ: "die erste Generation hatte es hoch gebracht, die zweite wollte das Erreichte erhalten." Hermann Schlittgen meinte: "Dieses Blatt war ein Ausruhen von allem Heftigen, Gehässigen, von allen Streitigkeiten und Widerwärtigkeiten, alles war gesehen wie von einem harmlosen, lustigen, witzigen Künstlerstammtisch aus."[393] Die künstlerische Autorität Oberländers galt unangefochten; junge Künstler wurden von den Verlegern auf den Massengeschmack verpflichtet: "[D]ie Künstler, die kaufen doch unser Blatt nicht."[394] Viele Zeichner der Fliegenden Blätter gingen, wie Th. Th. Heine, später zum Simplicissimus oder der Jugend, wo sie individuellere Freiheiten hatten. Gleichwohl waren die Fliegenden Blätter eine gute Schule für angehende Illustratoren: "[E]s gehörte großes Geschick dazu, Schnelligkeit der Auffassung, Gewandheit in der Wiedergabe der Menschen, die oft in schwierigen Bewegungen und Verkürzungen darzustellen sind". Der Ruf der Fliegenden Blätter war sprichwörtlich;[395] "in den Kiosken der Pariser Boulevards waren sie das einzige deutsche illustrierte Blatt, das verkauft wurde."[396] Die beliebtesten Zeichner erhielten sogar Abwerbeangebote ausländischer Zeitschriften, etwa von Harper's Monthly oder dem britischen Graphic.

 

[ 388 ]
Schlittgen, Erinnerungen, S. 124

[ 389 ]
Boetticher, Die Münchener 'Fliegenden Blätter', S. 349

[ 390 ]
Boetticher, Die Münchener 'Fliegenden Blätter', S. 355

[ 391 ]
ebd.

[ 392 ]
Ebd. S. 359

[ 393 ]
Schlittgen, Erinnerungen, S. 121

[ 394 ]
Schlittgen, Erinnerungen, S. 124

[ 395 ]
"[H]ier im Kaffeehause zog sich soeben ein Leutnant den Überrock aus, eine hübsche Kellnerin war behilflich. Der Leutnant sagte: 'Fräulein, Sie kenne ich doch.' Worauf die Kellnerin: 'Ich Sie auch.' 'Na, woher denn?' Aus den 'Fliegenden Blättern.''" (ebd. S. 128/129)

[ 396 ]
Schlittgen, Erinnerungen, S. 128

 
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