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6. Witzblätter

(Gründungen der Kaiserzeit)

Im Restaurationsjahrzehnt sind wenig Witzblatt-Neugründungen nachzuweisen; erst in den 1860er Jahren erschienen Titel wie Berliner Charivari. Kritisches Volksblatt (Berlin: Noehring 1860), Hamburger Wespen. Satirisch-humoristisches Stichblatt (Hamburg, 1.1862-7.1868), Miau. Ein lustiges Volksblatt mit komischen Bildern (München: Neubayer, 1.1865-5.1869), die erfolgreichen Wiener Blätter Kikeriki. Humoristisch-politisches Volksblatt (1.1861-60.1920?) und Der Floh (Budapest u. Wien: Frisch u. Deutsch 1. 1869-34.1902?) und vor allem die von Julius Stettenheim herausgegebenen Berliner Wespen. Illustrirtes humoristisches Wochenblatt (Berlin: Brigl; 1.1868-21.1888; danach: Deutsche Wespen 21.1888-32.1894) mit den äußerst populären Figuren "Wippchen" und "Muckenich", deren Abenteuer Stettenheim auch in Büchern weiter ausführte. Die Kaiserzeit schließlich erlebte mit durchschnittlich mindestens drei Witzblatt-Gründungen pro Jahr (vgl. Tab.13 [397]) einen ungekannten Boom; sogar ein Verleger wie W. Spemann versuchte sich anfangs in diesem Genre und gründete Schalk. Blätter für deutschen Humor (1878/79) und Das humoristische Deutschland (1885/86), die er jedoch bald weiter verkaufte.[398] Im Jahr 1904 betrug der Anteil der Witzblätter an den Unterhaltungszeitschriften 24%;[399] wobei die durchschnittlich meist kurze Lebensdauer Hinweis auf einen sehr beweglichen Markt ist: "Ein Witzblatt, das sich zehn Jahre gehalten [...] hat, das darf sich schon dessen als einer Seltenheit rühmen."[400]

      Neben zahlreichen Titeln mit regionaler Reichweite konnten um 1900 herum v.a. farbig-illustrierte Witzblätter sowie Witzblatt-Beilagen für Tageszeitungen Erfolge verzeichnen, ein Trend, die sich auch bei Familienblättern, Versicherungszeitschriften und Frauen- und Modezeitschriften beobachten läßt. Stettenheims Wespen erschienen "zuerst selbständig, dann als Beiblatt, zeitweise wieder selbstständig, dann nochmals als Beiblatt"[401] , der Ulk war eine kostenlose Beilage zum Berliner Tageblatt und Nagels Lustige Welt wurde Dutzenden lokaler Tageszeitungen beigelegt. Auch zahlreiche lokale Zeitungen besaßen, wie die Untertitel der o.a. Tab.13 ausweisen, Witzblatt-Beilagen. Beilagen großer Tageszeitungen oder solche, die bei mehreren Zeitungen erschienen, verzeichneten naturgemäß die höchsten Auflagen, da sie nicht in einer direkten Marktkonkurrenz standen. Die Lustige Welt (Nagel) erschien 1901 Woche für Woche in 245.000 Exemplaren, ähnlich hohe Auflagen verzeichneten die Münchener humoristischen Blätter (1901: 116.000), eine Beilage des Neuen Münchener Tagblatts, und das Beiblatt zahlreicher sozialdemokratischer Zeitungen Der wahre Jacob (1907: 205.000). Unter den auf direkte Abonnenten bzw. den Straßenverkauf angewiesenen Blättern waren die meistverkauften die älteren Fliegende Blätter (1883:45.000, 1901: 98.000) und Kladderadatsch (1872: 50.000, 1913: 40.000), die zudem von den sehr erfolgreichen Ablegern Humoristisch-satirischer Volks-Kalender des Kladderadatsch (1.1850-38.1887) und Münchener Fliegende Blätter Kalender (1.1884-52.1932) begleitet wurden, sowie die Neugründungen Meggendorfer Blätter (1893: 25.000, 1910: 55.000), Jugend (1907: 70.000) und Simplicissimus (1908: 90.000).

 

[ 397 ]
Es wurden nur Titel aufgenommen, die in den Verzeichnissen bei Sperling auftauchen und/oder sich in der Zeitschriftendatenbank (ZDB) recherchieren ließen (offensichtliche Karnevalsblätter bzw. solche, die nicht auf Periodizität hin angelegt sind, blieben ausgeschlossen). Die wirkliche Anzahl dürfte weitaus höher liegen, wie z.B. auch die zahlreichen Titel sozialdemokratischer Witzblätter vermuten lassen, die Drahn in "Sozialistische Witzblätter in Deutschland" nennt; H. Herbst, Die Illustrationen der 'Meggendorfer Blätter', weist im Zeitraum 1838 bis 1931 allein für München 79 Titel nach (S. 206-208), Brandstetter, Bibliographie der Gesellschaftschriften usw. für die Schweiz zwischen 1866 und 1895 71 Titel (S. 192-197).

[ 398 ]
Vgl. A. Spemann: Wilhelm Spemann, S. 131-133; zum Schalk auch Schlittgen, Erinnerungen, S. 58-60, 62, 67

[ 399 ]
Der 42. Jg. (1904) von Sperlings Zeitschriften-Adressbuch gehört zu den ausführlichsten dieser Jahre; die Rubrik "Unterhaltungsblätter" zählt 319 Titel auf, davon sind 75 als Witzblätter zu identifizieren.

[ 400 ]
Boetticher, Die Münchener 'Fliegenden Blätter', S. 343

[ 401 ]
Adolf Hinrichsen: Das literarische Deutschland. Berlin 1887, Stichwort "Stettenheim", S. 624

 
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