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6. Witzblätter

"Simplicissimus"

Zu den wirkungsvollsten Neugründungen der Jahrhundertwende gehörte - neben der Jugend - der Simplicissimus. Hans Reimann, der später selbst als Zeichner für das Blatt arbeitete, kaufte als Schüler in Leipzig regelmäßig die neue Satire-Zeitschrift. Er habe daraus gelernt, "was faul war am Staatsoberhaupt, an den Großkopfeten, an den Parteien, an der Gesellschaft, an der Bürokratie, am Bürgertum, an den Gscherten. In Schutz genommen wurde lediglich der Arme, der Wehrlose."[404] Literarische Mitarbeiter des Simplicissimus waren O.J. Bierbaum, G. Falke, W. Schäfer, A. Schnitzler, F. Wedekind, Th. Mann, L. Thoma, G. Meyrinck, B.Björnson u.v.a., die optische Physiognomie wurde vom Zeichenstil Th. Th. Heines und seit dem siebten Jahrgang (1902) dem Olaf Gulbranssons [405] geprägt. "War der 'Simplicissimus' zunächst eine Unterhaltungszeitschrift gewesen, allerdings mit sozialem Einschlag, so setzte Björnstjerne Björnson, der Schwiegervater Langens, [des Verlegers,] eine scharfe politische Richtung durch - gegen den Willen Wedekinds und Th. Th. Heines, die beide mit ihrem Austritt drohten. [...] Durch den 'Simplicissimus' wurde nicht nur das geschmackliche Niveau eines ganzen Volkes gehoben - es lernte auch der kleine Mann politische Zusammenhänge begreifen."[406]
      Allerdings schwenkte auch der Simplicissimus, der zuvor ständig von Konfiskationen bedroht war und dessen Mitarbeiter regelmäßig Festungshaft abzusitzen hatten, wie sämtliche deutschen Unterhaltungsblätter mit Beginn des Ersten Weltkriegs auf hurrapatriotischen Kurs um. Reimann führt dies auf das Gewinnbeteiligungsmodell zurück, das die sieben wichtigsten Zeichner dem Verleger abgerungen hatten: "Thoma war der Alte geblieben und hätte auch nicht nötig gehabt, um seinen Lebensunterhalt zu bangen. Die Zeichner hingegen, die bei Nichtweitererscheinen des Blattes ihre hohen Gewinnanteile eingebüßt hätten, witterten die große Chance, tüchtig zu verdienen, und überboten einander an Teutschtum."[407]

 

[ 404 ]
Reimann, Mein blaues Wunder, S. 41-49, hier S. 42

[ 405 ]
vgl. H. Reinoß, Bilder aus dem Simplicissimus, Hannover 1970

[ 406 ]
vgl. H. Reinoß, Bilder aus dem Simplicissimus, S. 44/45

[ 407 ]
vgl. H. Reinoß, Bilder aus dem Simplicissimus, S. 123

 
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