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6. Witzblätter

"Ulk"

Ganz ähnlich verhielt es sich auch mit dem Ulk, der beliebten Beilage des Berliner Tageblatts: kommentarlos wurde mit der Nummer vom 14. August 1914 alle Farbigkeit aus dem Blatt genommen, die gesellschaftkritischen Beiträge hörten auf, sogar H. Zilles Karikaturen zeigten nun nicht mehr Berliner Proletarierelend, sondern es begann eine vier Jahre lang laufende Serie um zwei kauzige Mecklenburger im Krieg, die als "Vadding in Frankreich"[408], "Vadding im Osten"[409] , "Vadding im Süden"[410] und "Vadding im Norden"[411] eine ungeheure Populärität erreichte. Ihre vorgebliche Harmlosigkeit verdankten die 200 Blätter, die vom 18. September 1914 bis zum 12. Juli 1918 liefen, v.a. der verschäften Kriegszensur; wer genau hinsah - und das wird man von Soldaten im Schützengraben, die zu Tausenden diese Blätter sahen, annehmen dürfen - erkannte auch im verhüllenden Gewand der "Vadding-Serie" die scharfe Sozial- und sogar Kriegskritik Zilles wieder.
Der Ulk nannte sich "Illustrirtes Wochenblatt für Humor und Satire" (später: "Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt"), erschien wöchentlich mit acht Seiten, wurde redigiert von Fritz Engel und hatte ein zweifarbiges, häufig auch vierfarbiges Titelbild, das eine politische Karikatur zeigte, nicht selten wirksam unterstützt von weiblicher Nacktheit [412]. Auch die Texte und Zeichnungen im Innenteil spielen häufig mit erotischen Motiven [413], ansonsten wurden große Politik und Berliner Lokalangelegenheiten gleicherweise aufs Korn genommen, scharfer Witz richtete sich vor allem gegen Börsenspekulanten, Zentrumspartei, Adelsvertreter, Polizei und Militär, auch der Kaiser wurde immer wieder mit ironischen Sottisen bedacht. Regelmäßig berichtete das Blatt ausführlich über die jährliche Ausstellung der Berliner Sezession und mokierte sich über die konservative Aufregung über ausgestellte "Nacktheit". Die publizistische "Arbeitsteilung" des satirischen Wochenblattes mit der liberalen Tageszeitung, die es als Beilage vertrieb, ist offensichtlich; doch sind Struktur, Ablauf und Funktion dieses besonderen kommunikativen Systems bislang ununtersucht geblieben. Wie schon in den Witzblättern der 48er-Revolution, im Kladderadatsch, den Fliegenden Blättern u.v.a. gab es auch im Ulk feste "Witzblattfiguren", die immer wieder auftauchten, für die Leser einen Wiedererkennungseffekt besaßen und auch als stereotype Reflektionsmöglichkeit des Alltags ein besonderes Leserinteresse auf sich zogen[414] : z.B. die "Schreibmaschinistin" Frida Klapperschlange, Frommhold Zuverlässig, "ein eifriger Leser und Gegner unseres Blattes" oder Hans Naivus, der Literat. Heinrich Zille gehörte seit etwa 1905 zu den regelmäßigen Zeichnern des Ulk; seine Beiträge reflektieren in differenzierter, erkennbar aus eigener Anschauung gewonnener Weise, meist auf eine witzige, sarkastische oder auch zynisch-bittere Pointe gebracht, den öffentlichen und privaten Alltag des Berliner Proletariats. Dabei wurden Musikautomaten, Kunstausstellungen, Zeppeline, Automaten-Cafés, Jugendkriminalität, Armut, Prostitution, Abtreibung, Ganoventum, sexuelle Ausbeutung und Alkoholismus zeichnerisch ebenso umgesetzt wie Wohnungselend, Mietwucher, Lumpenbälle, Verhütungsprobleme, Mangelernährung, Kinematographen oder Baden am Müggelsee - vollständig ausgespart blieb jedoch bemerkenswerter Weise der Arbeits- und Fabrikalltag der Männer.
      Zille zeichnete auch für den Simplicissimus (seit 1903), die Lustigen Blätter (seit 1905) - in deren Verlag (Berlin: Eysler & Co.) seit 1908 auch die populären Bilderwerke Zilles erschienen - und Jugend (seit 1905), wie denn überhaupt die Witzblätter eine erstrangige Einnahmequelle für Maler und Zeichner einer neuen Generation wurden, die darin willkommene, weil mehr oder weniger regelmäßige Verdienstmöglichkeiten fanden. Hermann Schlittgen (geb. 1859), später fester Mitarbeiter der Fliegenden Blätter, hatte als Kind schon Bilder aus der Gartenlaube mit Tusche und Feder kopiert; durch eines der ersten Hefte von Lohmeyers Schalk. Blätter für deutschen Humor (1.1878-44.1921) erhielt er die Anregung, selbst zu zeichnen: "einige [Zeichnungen] frisch, mit einer neuen Note: Modernes Leben! [...] ich [...] sagte mir ganz im stillen: das kannst du vielleicht auch!" Nun zeichnete er regelmäßig für den Schalk: "Das Honorar war für mich als Anfänger recht gering, und doch kam es mir vor, als sei ich nun in einen sichern Hafen eingelaufen und alle Not für immer vorbei."[415] Richard Seewald, der seit 1909 gelegentlich für die Lustigen Blätter und die Jugend zeichnete, schreibt in seinen Erinnerungen: "Feininger zeichnete damals regelmäßig für die Berliner 'Lustigen Blätter', Weisgerber für die 'Jugend', Pascin begann seinen Weltruhm mit lasziven Zeichnungen im 'Simplicissimus'."[416] Seewald selbst erhielt als Einundzwanzigjähriger von den Meggendorfer Blättern einen Vertrag mit einem monatlichen Fixum. "Ich griff sofort danach, denn damit war das leidige Hausieren auf den Redaktionen zu Ende, und mir blieb Zeit für ernsthafte Arbeit."[417] George Grosz (geb. 1893) begab sich als Siebzehnjähriger "auf die breite, glattgewalzte Chaussee der Witzblattillustration" und begann für den Ulk zu zeichnen: "Dazu erfand ich Witze. [...] die Zeichnungen waren leichter verkäuflich, wenn ich die Witze mitlieferte."[418]

 

[ 408 ]
von Nr. 38 (7. Kriegsnummer) Jg. 43 (1914) bis Nr. 37 (111. Kriegsnummer) Jg. 45 (1916)

[ 409 ]
von Nr. 38 (112. Kriegsnummer) Jg. 45 (1916) bis Nr. 45 (171. Kriegsnummer) Jg. 46 (1917)

[ 410 ]
von Nr. 46 (172. Kriegsnummer) Jg. 46 (1917) bis Nr. 12 (190. Kriegsnummer) Jg. 47 (1918)

[ 411 ]
von Nr. 13 (191. Kriegsnummer) Jg. 47 (1918) bis Nr. 28 (206. Kriegsnummer) Jg. 47 (1918)

[ 412 ]
vgl. z.B. Nr. 5 vom 29. Januar 1909 oder Nr. 24 vom 11. Juni 1909

[ 413 ]
vgl. z.B. Nr. 5 vom 17. Januar 1902, Nr. 2 vom 10. Januar 1908, Nr. 9 vom 12. Februar 1908, Nr. 40 vom 9. Oktober 1913

[ 414 ]
Diese erfolgreiche publizistische Stereotypbildung - vergleichbar der Schaffung von Serienhelden (bei Dumas, Aimard, K. May, Conan Doyle u.a.) im populären Roman -, die ihre Wirkung bis in unsere Tage entfaltet, ist im einzelnen unerforscht; als früheste Gestalt gilt allgemein Glasbrenners "Eckensteher Nante". Über Witzblattfiguren der späteren Zeit schrieb z.B. Adolf Stein ("Rumpelstilzchen") in seinem Feuilleton für die Tägliche Rundschau vom 10. Februar 1927: "Die Schwiegermutter, der Leutnant, der Schusterjunge, der Professor sind als ständige Typen aus modernen Witzblättern verschwunden. Aus einem sehr einfachen Grunde: ihre manchmal grotesken Urbilder existieren auch im Leben kaum mehr." (vgl. http://home.t-online.de/home/0222478110-0001/rumpel.htm)

[ 415 ]
Schlittgen, Erinnerungen, S. 58 u. 60

[ 416 ]
Seewald, Die Zeit befiehlts, S. 87

[ 417 ]
ebd

[ 418 ]
Grosz, Ein kleines Ja, S. 88 u. 89

 
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