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6. Witzblätter

"Jugend"

Die von Georg Hirth konzipierte und von Fritz von Ostini redigierte Jugend [419] gab einer ganzen Stilrichtung und Zeitepoche ihren Namen, was jedoch, wie der Herausgeber immer wieder (vergeblich) konstatierte, nur zum Teil und auch nur in den ersten Jahren des Blattes seine Berechtigung hatte.[420] Sie war kein ausschließliches Witzblatt, firmierte im Untertitel als "Münchner Illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben", doch bestimmten von Anfang an Zeichnungen und in jeder Nummer mehrere, teils großformatige, eine Doppelseite ausfüllende Karikaturen [421] das Erscheinungsbild. Die Zielrichtung der Karikaturen war meist anti-philiströs und anti-pfäffisch, auch Wilhelm II. wurde aufs Korn genommen [422]; in einer Karikatur von A. Schmidhammer aus dem Jahr 1904 [423] sah die Jugend sich auch selbst als Witzblatt, was zudem genau der Linie ihrer Gegner entsprach. Vor allem jedoch die offensive, bis dahin ungesehene Betonung jeglicher Lebensfreude, von Spaß, Vergnügen und Sinnlichkeit und Erotik als selbstverständlicher Lebensäußerung heben diese Zeitschrift aus den meisten anderen ihrer Zeit heraus. Mit einem Quartalspreis von 3 Mark und einem Einzelpreis von 30 Pfg. (später: 40 Pfg.) war die Zeitschrift teurer als die meisten vergleichbaren Publikationen. Jedes Heft war in sich abgeschlossen, die ganzseitigen Titelbilder wurden von Anfang an meist vierfarbig gestaltet und waren - wiederum häufig mit weiblicher Nacktheit [424] - auf Blickfang ausgerichtet: stillende Mütter, reitende Amazonen, Telefonistinnen, sogar eine Flugzeugpilotin, selbstbewußte Frauen jedenfalls, die den Betrachter direkt ansehen und belegen, daß die Herausgeber auf Einzel- (Bahnhofs-, Kiosk- oder Straßen-) verkauf rechneten.[425] Dominierend waren die Illustrationen, v.a. die großformatigen Vierfarbdrucke zeitgenössischer Künstler, darunter zahlreiche Akte von L. Putz, F. Erler, P. Rieth, M. Klinger, H. v. Habermann, F.v. Stuck u.a. Der enorme Erfolg der Jugend (Auflage 1908: 74.000) verdankte sich der "unanstößigen Zurichtung erotischer Phantasmen für ein Massenpublikum. [...] Die Entdeckung des nackten Frauenkörpers [...] als attraktives publizistisches Potential bildet neben der formalen Erneuerung einen wesentlichen Bestandteil des Erfolges."[426] Anfangs ist das Erscheinungsbild noch graphisch bestimmt (Ranken, Arabesken, Randverzierungen), später dominieren die Reproduktionen großformatiger Gemälde. Gab es zu Beginn noch Erzählungen (z.B. von E. v. Keyserling), dominiert später die kurze, prägnante und pointierte Skizze, Romane gab es nicht, dafür viel, meist zeitkritische Lyrik. "Ganze Bücher und Epen kann 'Jugend' nicht gebrauchen; lieber mehr Salz als zu viel Schmalz, in der Kürze liegt die Würze" meinte der Herausgeber. "Ein Sprechen mit Saft und Kraft, kurz und gedrängt, nicht sowohl geleckt und geschniegelt, als geradezu und nachdrücklich. Es sei eher schwerverständlich als langweilig, es sei fern von Ziererei, regellos, abgerissen und dreist. Jedes Bruchstückchen stelle Etwas für sich vor."[427] Nach Kriegsbeginn verschwand alle "Nacktheit" aus der Jugend, sogar die entsprechenden Anzeigen blieben aus, Militärmotive beherrschten Bild- und Textteil.

 

[ 419 ]
vgl. Butzer/Günter, Literaturzeitschriften der Jahrhundertwende, S. 127/128

[ 420 ]
Zum Selbstverständnis vgl. z.B. Georg Hirth: De domo. In: Jugend, Nr. 18 (1901) o.P.

[ 421 ]
z.B. die Karikatur von Rudolf Wilke "Erst das Roast- dann das Toasteef" in Heft 1 des 2. Jahrgangs (1897)

[ 422 ]
z.B. "Hohe See in Kiel" in der Jugend Nr. 28/1913 (1. Juli)

[ 423 ]
Nr. 22 vom 19. Mai 1904

[ 424 ]
z.B. Titelbilder Nr. 22/1904, Nr. 41/1905, Nr. 18/1906

[ 425 ]
Nahnsen, Der Straßenhandel, berichtet folgenden Dialog: "Der Radfahrer eines Grossisten kommt zum Stande eines Zeitungshändlers mit den neuesten Zeitschriften, darunter der 'Jugend'. Der Radfahrer: 'Wieviel willste?' Der Händler: 'Zeig mal das Bild! - , na, gib zwanzig'." (S. 44)

[ 426 ]
Butzer/Günter, Literaturzeitschriften der Jahrhundertwende, S. 128

[ 427 ]
Georg Hirth: De domo. In: Jugend, Nr. 18 (1901) o.P.

 
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