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6. Witzblätter

Erotik und Satire

Der eigentliche Skandal der Witzblätter, das wird auch aus der o.a. Reaktion auf den Kladderadatsch deutlich, bestand aus der Verbindung von politischer Satire und einer zunehmenden erotischen Freizügigkeit, die beide zudem - nach der Jahrhundertwende obligatorisch - wirksam mit farbigen Zeichnungen und Bildern bei häufig auffallender Titelgestaltung unter die Leute gebracht wurden. Beide Bereiche lagen nicht nur ständig im Focus behördlicher Zensur, sondern ihre offene Darstellung war auch von der klassischen bürgerlichen Ästhetik verpönt. Karl Rosenkranz hatte schon 1853 in seiner "Ästhetik des Häßlichen" hellsichtig und mit enzyklopädischem Eifer all jene Phänomene beschrieben, die dann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die öffentliche Diskussion um "Kunst" bestimmten.[428] Nun drangen Karikatur und Sexualität auf die Straße und begannen, das Bewußtsein nicht nur des bürgerlichen Publikums zu verändern. Die Fliegenden Blätter warben 1910: "Der Leserkreis ist bekanntlich ein kolossaler, da in allen Restaurants und Cafés die 'Fliegenden Blätter' die Lieblingslektüre der Besucher bilden."[429] Witzblätter galten als "eine Abart der Tagespresse"[430], weil sie, auch anknüpfend an ihre vormärzlichen und revolutionären Vorläufer um 1848, als erste Zeitschriften zunehmend auf den Einzel- und sogar Straßenverkauf setzten. Mit dem Vertrieb am Bahnhof, über Kioske und Einzelverkäufer suchten und fanden sie auch in neuer Weise ihre Wirkung im öffentlichen Raum, sie wurden in Bahnen, Omnibussen, Wirtshäusern oder auf Parkbänken gelesen und besprochen, was ihnen, vor allem im Rahmen des "Schundkampfes"[431], vielfältige Kritik aus konservativen und kirchlichen Kreisen einbrachte.[432] Swierczewski etwa beklagte "eine[] ekle Flut von Witzblättern"[433], die seit Mitte der 1890er Jahre mit den Erfolgen von Simplicissimus und Jugend festzustellen sei. Dabei richtete sich die Kritik nicht nur gegen die "zum größten Theil abstoßend[en] und ungenießbar[en]" redaktionellen Texte und Abbildungen, sondern vor allem auf die zahlreichen Inserate "von Pariser, Genueser und Ofen-Pester Firmen"[434], in denen für Aufklärungsschriften, Potenzmittel, Aktfotos, Pornographie, Hygieneartikel usw. geworben wurde [435]. Die Angriffe wurden zeitweise so heftig, daß sich Albert Langen, der Verleger des Simplicissimus, verschiedentlich zu öffentlichen Stellungnahmen gezwungen sah [436]. Ähnlich häufig wurde das Kleine Witzblatt kritisiert [437], das "die schamloseste Verbreitung in Stadt und Land"[438] gefunden habe; es hatte 1896 eine Auflage von 20.000 und bezeichnete sich als "das verbreitetste billigste Witzblatt Deutschlands".[439] Immer wieder fand dabei auch die allmähliche Ausweitung des Lesepublikums auf Jugendliche, wie sie etwa die Erinnerungen Hans Reimanns eindrucksvoll belegen,[440] ihre Kritiker: das Kleine Witzblatt sei "fast das Lieblingsblatt unserer heranwachsenden, noch schulpflichtigen Jugend"[441] geworden, hieß es. Otto von Leixner beklagte "die Gemeinheit seines Inhalts und seiner Bilder"[442] und die Anzeigen, in denen "wahnsinnige Geschlechtlichkeit sich bis zur Erschöpfung austobt". Daß es sich bei den beschriebenen Phänomenen um Modernisierungserscheinungen handelt, deren Wirkungen weit über die Witzblätter hinausreichte, wird u.a. auch aus der eher allgemeinen Stoßrichtung der Schundkämpfer deutlich: Sie beklagten häufig die liberalisierte Gesetzgebung, die den Nachweis der Schuldhaftigkeit eines Redakteurs bei Verstößen gegen die Sittlichkeit verlangte. Deshalb mußte der "umständliche", d.i. legislative Weg eingeschlagen werden, der beim Auftauchen einer derartigen Anzeige zunächst eine Verwarnung des verantwortlichen Redakteurs vorsah und eine Bestrafung nur im Wiederholungsfall.[443] Zudem wurde immer deutlicher, daß die besagten Anzeigen nicht nur in Witzblättern zu finden waren, sondern offenbar in sämtlichen Zeitschriften, die bislang als Familien- und Modeblätter außer Verdacht gestanden hatten. Swierzczewski [444] zitiert denn auch Anzeigen aus Woche, Gartenlaube, Ueber Land und Meer, Zur Guten Stunde, Reclam's Universum, Welt und Haus, Zeit im Bild, Bühne und Sport, Deutsche Roman-Biblithek, Sonntags-Zeitung fürs Deutsche Haus, Häuslicher Ratgeber und Deutsche Moden-Zeitung.

      Aus diesen Ansätzen in Witzblättern und Illustrierten entwickelte sich um 1900 das 'Pikante Blatt', eine neue Zeitschriftenform, die man heute etwa als "Männermagazin" bezeichnen würde; ihre Mischung aus erotisch-spekulativer und/oder zeitgeistig-kritischer Leseransprache richtete sich vorwiegend an ein männliches großstädtisches Publikum. In gewisser Weise ein Vorläufer auch dieser Gattung war die bereits erwähnte Wochenzeitschrift Reporter. Illustriertes Welt-Blatt, die seit 1894 erschien; der halbwüchsige G. Grosz (geb. 1893) legte sich "eine kleine Sammlung von Bildausschnitten kitschig schöner, halbbekleideter Damen [...] aus der halb kriminalistischen, halb erotischen Zeitschrift 'Reporter'"[445] an. Schon die illustrierten Familienblätter hatten gelegentlich versucht, den Reiz erotischer Abbildungen zu nutzen. Ein Beobachter schrieb 1887: "[D]er Bilderschmuck unserer Familienblätter bietet eine solche Fülle von Schaustellungen männlicher und weiblicher Reize von dem keimenden Busen einer Psyche bis zu den vollen Hängebrüsten der Negerin, von den prachtvollen Schenkeln eines Achilles, der sich den Pfeil aus der Ferse zieht, bis zu der Feigenblattlosigkeit eines Südsee-Insulaners, daß man den Herren Redacteuren den Vorwurf der Prüderie, was die bildende Kunst angeht, wahrhaftig nicht machen kann".[446] Die Familienblätter lägen in Kaffeehäusern und Hotels aus, "eigentlich nur um der Illustrationen, und zum Theil auch um der nackten Bilder willen".[447] Der kenntnisreiche Kulturhistoriker Eduard Fuchs, selbst viele Jahre Redakteur des sozialdemokratischen Witzblattes Süddeutscher Postillion, schrieb dazu 1912: "Die Beziehungen der illustrierten Zeitung [gemeint: Zeitschrift] zum Geschlechtlichen haben sich im Laufe der Entwicklung immer intimer gestaltet und sind schließlich die intimsten geworden, die sich denken lassen, indem eine Reihe illustrierter Zeitungen entstanden, deren Bildinhalt ausschließlich erotische Motive behandelt. Die große Zahl gerade solcher Zeitungen, ihre große Verbreitung im ganzen wie auch vielfach im einzelnen hat zur Folge, daß sie zweifelsohne zu den bezeichnendsten geistigen Dokumenten für die Geschichte der öffentlichen und privaten Sittlichkeit zählen, die es für das bürgerliche Zeitalter überhaupt gibt."[448] Fuchs nennt die Titel Caricaturen (Wien), sowie Das kleine Witzblatt (Berlin 1896ff.; Auflage 1908: 66.000), Pschütt! Karikaturen. Humoristisches Wochenblatt (Wien: Danneberg 1892-1915 [449]), Die Auster. Modernes Illustriertes Wochenblatt (München 1903ff.; Auflage 1904: 30.000 [450]), Sekt. Blätter für fröhliche Laune (Leipzig/Wien: Goldblatt /Berlin: Laue 1.1903-12.1914 [451]) und Caviar. Pikante und heitere Blätter (Budapest: Grimm, ca. 1887-1892), parallel erschien der Caviar-Kalender (1.1887-15.1901)[452]; zu ergänzen wären evtl.: Frou-Frou. Illustriertes Witzblatt (Berlin 1902ff., Wochenausgabe der Zeitschrift Die Grazien), Pikanterien. Pikante, nicht frivole Wochenschrift (Berlin: Dressel 1901ff.), High-Life. Zeitschrift für die vornehme Welt (Berlin: Wattenbach 1896-1915?), Satyr. Moderne Wochenschrift (Berlin 1899ff.; Auflage 1904: 70.000), Wohin. Berliner Zentral-Vergnügungs-Organ (Berlin 1902ff., Auflage 1904: 20.000), Der Faun. Humoristische Wochenschrift für die vornehme Welt (Berlin 1906ff.), Großstadtluft (Berlin: Wo-Wo 1909ff.), Licht und Schatten (Berlin 1912ff.) u.a. In den 20er Jahren knüpften zahlreiche Zeitschriften mit Titeln wie Der Junggeselle, Die Herrenwelt, Ich und die Großstadt (Berlin:?[453]) und Die Frau ohne Mann. Zeitschrift für die Junggesellinnen der Welt (Berlin: Vom-Verlag 1921ff.[454]) an diese Vorkriegsblätter an.[455]

 

[ 428 ]
Karl Rosenkranz: Ästhetik des Häßlichen. Leipzig: Reclam 1990 (EA 1853), dort vor allem das zentrale Kapitel "Das Rohe" (S. 185-225)

[ 429 ]
Mosse-Katalog 1910

[ 430 ]
Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 13

[ 431 ]
vgl. G.Jäger, ....

[ 432 ]
vgl. Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 13-21; von Hassel, Auf der Straße

[ 433 ]
Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 14

[ 434 ]
Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 17; in In Budapest erschien z.B. Caviar. Pikante und heitere Blätter (1.1886/87-6.1891)

[ 435 ]
Kemmer, Die graphische Reklame der Prostitution, 1906, beschreibt minutiös den Markt der zeitgenössischen Bildpornographie, darunter auch das Inseratenwesen. An Zeitschriften nennt er Simplicissimus, Jugend, Kleines Witzblatt, Satyr, Flirt, Frou-Frou, Sect und Album (S. 42/43).

[ 436 ]
z.B. Tägliche Rundschau Nr. 541 vom 17. November 1905

[ 437 ]
Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 20; von Hassel, Auf der Straße, S.?

[ 438 ]
Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 20

[ 439 ]
Inserat in: Die Reklame, 6. Jg. (1896), S. 212

[ 440 ]
Reimann, geb. 1889, erwarb als halbwüchsiger Gymnasiast, entgegen dem ausdrücklichen Hinweis des Verkäufers: "Das ist nicht für Kinder", eines der ersten Hefte des Simplicissimus. "Seitdem habe ich Woche für Woche bis 1914, bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs den 'Simplicissimus' gekauft." Reimann, Mein blaues Wunder, S. 42

[ 441 ]
Reimann, Mein blaues Wunder, S. 42, ähnlich von Hassel, Auf der Straße, S.?

[ 442 ]
zit. n. Swierzczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 2

[ 443 ]
zit. n. Swierzczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 20

[ 444 ]
zit. n. Swierzczewski, Wider Schmutz und Schwindel, S. 21-24

[ 445 ]
Grosz, Ein kleines Ja, S. 37

[ 446 ]
Welten, Die Prüderie in der Literatur, S. X

[ 447 ]
Welten, Die Prüderie in der Literatur, S. X

[ 448 ]
Fuchs, Presse und Reklame, S. 482

[ 449 ]
Sperling 44.1908

[ 450 ]
Sperling 42.1904

[ 451 ]
Hayn / Gotendorf, Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa, Bd. 9, S. 544/545; Sperling 42.1904

[ 452 ]
ebd. Bd. 1, S. 581; vgl. dort auch die Titelseiten der französischen Journale La Vie Elégante, Le Boudoir und Paris Impur.

[ 453 ]
keine Nachweise in der ZDB; Titel nach Bücher, Der Zeitungsvertrieb, S. 225/226

[ 454 ]
Hayn / Gotendorf, Bd. 9, S. 198

[ 455 ]
"Das Pikante wurde auch in der Vorkriegszeit von Künstlern und Zeitschriften gepflegt, aber es wurde durch ein gewissens Taktgefühl in Grenzen gehalten. Man ist etwas taktloser geworden und beachtet jetzt nicht mehr so sorgsam die Gebote der guten Sitte." (Der Straßenhändler, 11. Jg. [1921], Nr. 1 vom 5. Januar, S. 2)

 
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