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7. Romanzeitschriften

"Deutsche Roman-Zeitung"

Otto Janke, der als Verleger zahlreicher Erfolgsautoren "in den Berliner Schriftsteller- und Verlegerkreisen eine bedeutende Rolle spielte" und "manche Berühmtheit aus der Taufe heben"[457] half, hatte in den 1850er Jahre bereits die humoristischen Jugendzeitschriften Puck 5(1.1856-3.1858) und Der Gnom (1.1860-2.1861) sowie die vielgelesene Berliner Muster- und Modenzeitung (später: Viktoria) gegründet. Als Konkurrenz zu den Leihbibliotheken plante er seit Anfang der 1860er Jahre eine Romanzeitschrift [458], deren Vorläuferin die von Friedrich Spielhagen redaktionell betreute Deutsche Wochenschrift (1862/63) wurde. Die neue Zeitschrift sollte zunächst monatlich herauskommen (geplanter Untertitel: "Eine belletristische Monatschrift"), doch unter dem Titel Deutsche Roman-Zeitung (1.1864-81.1944) erschien dann seit 1863 eine Wochenschrift, die vierteljährlich 1 Taler und wöchentlich 2 Silbergroschen ("bei Verpflichtung der Abnahme von 12 Heften")[459] kostete. "Bisher waren die Roman-Erzeugnisse der beliebtesten deutschen Dichter durch die hohen Ladenpreise kaum für Leihbibliotheken erschwinglich, geschweige denn für Privatpersonen. Gerade das Gegentheil nun ist mit der Roman-Zeitung der Fall, und dürfte der spottwohlfeile Preis von nur 2 Sgr. für ein Heft viele Liebhaber dem Unternehmen zuführen."[460] Der Jahrespreis der Deutschen Roman-Zeitung war dennoch beträchtlich: er betrug anfangs 13 Mark, seit 1887 14 Mark; dafür erhielt der Abonnent vier umfangreiche Quartalsbände pro Jahr mit jeweils zwei bis drei Romanen. Redakteure der Roman-Zeitung waren Ludwig Habicht (1864-1868), Robert Schweichel (1869-1882), Otto von Leixner (1883-1907) und Erich Janke (seit 1908). Die Auflage betrug seit 1868 kontinuierlich 15.000 Exemplare, ging jedoch gegen Ende des Jahrhunderts allmählich zurück (1883: 14.000, 1889: 9500). Ergänzend gründete Janke einige Jahre später das Roman-Magazin des Auslandes (1.1867-8.1875, danach: Romane des Auslandes 1876-1878?), in dem Autoren wie W. Collins, H. Wood, Mrs. Braddon, W. H. Ainsworth oder Ch. Kingsley zum Abdruck kamen. Unter dem Titel "Moderne Romane des Auslandes" brachte er dann auch die Buchausgaben dieser Romane, wie er auch bei der Roman-Zeitung meistens die Buchausgabe der Romane übernahm.
      Der Blick auf die meistgedruckten Autoren der Roman-Zeitung (Tab.14) läßt drei Generationen erkennen: zu den ältesten jener Autoren, die mit mehr als drei Romanen vertreten sind, gehören A.E. Brachvogel, W. Raabe, E. Pasqué, Ph. Galen, B. Möllhausen, G. Hesekiel, G. Raimund, A. Hartmann, F- Lewald, A. Meißner und M. Ring; ihr folgen K. Berkow, H. Wachenhusen, L. Haidheim, E. v. Wald-Zedtwitz, E. Juncker, A. Norden, G. Hartwig, M. Jokai u.a.; und schließlich die jüngste Generation mit H. Werder, O. Mysing, H. Schobert, Freih. v. Schlicht, A- Achleitner u.a.

      Die Tabelle offenbart auch die Gründe für die mit den 1880er Jahren nachlassende Attraktivität der Deutschen Roman-Zeitung: Hatte Janke anfangs tatsächlich einige der beliebtesten deutschen Autoren an sich zu binden vermocht, so gelang ihm dies später immer weniger. Autoren wie Brachvogel, Wachenhusen, Raabe, Pasqué, Galen, Möllhausen, Hesekiel, Raimund usw. waren, wie die einschlägigen Verzeichnisse ausweisen, auch regelmäßig in den Leihbibliotheken ihrer Zeit vertreten. Zahlreiche Autoren jedoch, die in späterer Zeit die Zeitschrift prägten - etwa H.v. Meerheimb, J.G. Seeger, F. Sonnenburg, A. Brausewetter, A. Hartmann, D. Stern, K. Postumus, O.F. Gensichen. H. Wachsmuth oder C. Rast [461] - sucht man in diesen "Bestseller-Listen" vergeblich. Auch der hohe Abonnementspreis, das exklusive Publikum ("Der Leserkreis [...] setzt sich aus den wohlhabenden und kaufkräftigen Familien Deutschlands zusammen"[462]) und die - im Vergleich zu den großen Familienzeitschriften - begrenzte Auflage machen deutlich, daß es sich bei Roman-Zeitung wie bei Roman-Bibliothek, die im Jahr 1911 fusionierten, um ältere, noch vorwiegend an bürgerlichen Bildungsvorstellungen orientierte Zeitschriftenkonzepte handelte. Zwar brachte die Fusion "dem Abonnentenstamm der 'Roman-Zeitung' reichen Zuwachs"[463]; doch war die Roman-Zeitung nunmehr die einzige verbliebene Romanzeitschrift, die sich vorwiegend auf das Buchhandels-Abonnement und nicht auf den Einzelheftverkauf stützte. Dieses Konzept funktionierte nur noch bei einer gehobenen Käuferschicht; die meisten nachweisbaren Romanzeitschriften der neueren Generation wiesen ausdrücklich Einzelverkaufspreise aus und waren zudem deutlich preiswerter.

 

[ 457 ]
Fedor von Zobeltitz: Ich hab so gern gelebt. Erinnerungen, S. 42

[ 458 ]
vgl. den Brief Spielhagens in der Festschrift, S. 11

[ 459 ]
Börsenblatt vom 16. Dezember 1863, Anzeige 24124

[ 460 ]
Börsenblatt vom 16. Dezember 1863, Anzeige 24124

[ 461 ]
Vgl. Martino, Die deutsche Leihbibliothek: die genannten Namen fehlen im Autorenregister S. 1103ff.

[ 462 ]
Sperling 49. Jg. (1915)

[ 463 ]
Festschrift, S. 25

 
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