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7. Romanzeitschriften

"Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens"

Ein gänzlich anderer Typ Romanzeitschrift war Hermann Schönleins Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens (1876-1962). Schon die äußeren Kennzeichen Format, Aufmachung und Erscheinungsweise waren deutlich auf einen gänzlich anderen Käuferkreis abgestimmt, als ihn Jankes Roman-Zeitung anstrebte. Diese war aufgrund ihres hohen Preises wohl vorwiegend in Leihbibliotheken und Lesezirkeln [464] vertreten, während die Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens "die mittleren und unteren Bevölkerungsschichten"[465] direkt ansprechen wollte: das Großsedez- bzw. später Kleinoktav-Format entsprach keinem der üblichen Zeitschriftenformate (Oktav, Groß-Oktav, Quart oder Folio), sondern war angelehnt an die bürgerlichen Almanache, Taschenbücher und gewisse Volkskalender; die Zeitschrift erschien nicht wöchentlich, wie Jankes Roman-Zeitung, sondern monatlich (bzw. 13mal im Jahr); und vor allem erschien sie nicht in (unaufgeschnittenen) Heften mit bunten Papierumschlägen, wie die übrigen Zeitschriften, sondern fertig gebunden in geprägtes und bedrucktes Leinen - was sogar für Bücher zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war -, d.h. ein Jahrgang der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens bestand nicht aus einem nachträglich eingebundenen großformatigen Foliant, sondern aus dreizehn kleinformatigen, fortlaufend numerierten Buchbänden. Ungewöhnlich war darüber hinaus, daß man die Bändchen auch im Einzelverkauf erwerben konnte und nicht auf ein Abonnement angewiesen war, was durchaus Sinn machen konnte, denn nur etwa ein Drittel jeder Nummer war dem jeweiligen Fortsetzungsroman gewidmet, den Rest nahmen abgeschlossene Erzählungen, Berichte und "Mannigfaltiges" ein. Schönlein gelang mit dieser "Zeitschrift in Buchform"[466], die - wie alle seine Blätter - nahezu ausschließlich über Kolportage vertrieben wurde, die geniale Verbindung der älteren, Ganzschriften vertreibenden Kolportage mit der modernen Zeitschriftenkolportage: einerseits sahen die Lieferungen wie selbständige Büchlein aus, andererseits waren sie Bestandteil einer Abonnement heischenden Zeitschrift. Wilhelm Spemann übertrug später mit seiner "Collection Spemann" (1881-1890) Schönleins Prinzip auf den Sortimentsbuchhandel, indem er das Zeitschriften- zum Buchabonnement wandelte; erfolgreicher als Spemann waren dabei jedoch Cotta mit seiner "Bibliothek der Weltliteratur" (1882ff.) und v.a. Engelhorns "Allgemeine Romanbibliothek" (1884ff.), deren Bände alle zwei Wochen erschienen und zum gleichen Preis (75 Pfg.) wie Schönleins Bibliothek verkauft wurde, jedoch bei geringerem Umfang (160 Seiten).[467] Ein Band der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens kostete zunächst 50 Pfg., seit 1879 durchgängig bis zum Ersten Weltkrieg 75 Pfg.; der Umfang betrug anfangs 288 Seiten, seit 1879 256 und mit den 90er Jahren ca. 240 Seiten. Aussagen zur Auflagenhöhe lassen sich, wie meist bei Schönlein-Zeitschriften, schwer treffen, denn die relative Konkurrenzlosigkeit bot keinerlei Anlaß zur Reklame mit solchen Zahlen; aber noch 1914 wurden 80-90.000 Exemplare Monat für Monat verkauft,[468] so daß man für die 1880er und 90er Jahre vermutlich von der doppelten Menge ausgehen kann. Um 1900 bediente der Sortimentsbuchhandel nur ca. 10.000 Abonnenten der Bibliothek, zusätzlich hatten aber allein eine Wiener Kolportagefirma 2055, eine Leipziger Kolportagefirma 1500 und 26 weitere große Kolportagefirmen 15.790 Abonnenten;[469] d.h. nur zwei Dutzend Kolportage- bzw. Zeitschriftenhändler vertrieben bereits doppelt so viele dieser Bände wie der gesamte Sortimentsbuchhandel. Der Fachkalender für den Buch- und Zeitschriftenhandel versicherte 1912: "Wo immer der Vertrieb dieser gediegenen und altbewährten Erscheinungen in die Hand genommen wurde, konnte ein namhafter Kontinuationszuwachs konstatiert werden. Dieselben sind Ihnen bekannt als Unternehmungen, welche jede Verwendung lohnen und sich durch einen treuen Abonnentenstamm auszeichnen." Die Bändchen enthielten anfangs keinerlei Illustrationen, später kamen einzelne kleinformatige Bilder hinzu. Wer die Bibliothek abonnierte, erhielt in den 13 Jahresbänden etwa ein bis zwei vollständige Romane, häufig von damals bekannten Autoren wie A. Streckfuß, B. Möllhausen oder F. v. Zobeltitz [470], dazu mit jedem Band zwei bis drei Erzählungen, meist eine historische darunter, zwei bis drei historische, geographische, naturkundliche o.ä. Schilderungen sowie die ständige Rubrik "Mannigfaltiges" (= Kleines Feuilleton), die zur Textauffüllung diente und den Zeitschriftencharakter betonte. Das Prinzip der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, eine Zeitschrift in Buchform, wurde vielfach, meist mit geringem Erfolg, kopiert, z.B. von Prochaska's illustrierten Monats-Bänden (Teschen: Prochaska, 1.1889-10.1898), deren zwölf gebundene Bände je 40 Pfg. (später 85 Pfg.) im Jahresabonnement kosteten, aber nur 200 Seiten boten.

 

[ 464 ]
Der Vater von George Grosz betreute (vor 1899) im pommerschen Stolp den Lesezirkel der dortigen Freimaurerloge. "Wöchentlich einmal kamen die Hefte, die in dem sogenannten Journallesezirkel vereint waren: die 'Gartenlaube', 'Über Land und Meer', die 'Fliegenden' und die 'Meggendorfer Blätter' und die 'Deutsche Romanzeitung'. Aber nichts ging mir über die 'Leipziger Illustrierte'" (Grosz, Ein kleines Ja, S. 9)

[ 465 ]
Sarkowski, Vom Kolportagebuchhandel zur Buchgemeinschaft, S. 42

[ 466 ]
ebd. S.59

[ 467 ]
vgl. A. Spemann: W. Spemann, S. 152-155

[ 468 ]
Sarkowski, Vom Kolportagebuchhandel, S. 52

[ 469 ]
Gustav Uhl: Der Buchhandel und die Wissenschaft, Leipzig 1904 (zit. n. Drahn, Geschichte des deutschen Buch- und Zeitschriftenhandels, S. 69)

[ 470 ]
Sarkowskis Bemerkungen zum geringen 'Bekanntheitsgrad' der in der Bibliothek vertretenen Autoren sind historisch nicht haltbar (Sarkowski, Vom Kolportagebuchhandel zur Buchgemeinschaft, S. 44, 47, 55, 57)

 
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