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8. Sonderformen

8.1 Versicherungszeitschriften

Versicherungszeitschriften waren keine eigene Zeitschriftengattung; vielmehr handelt es sich bei der 'Zeitschrift mit Versicherung' um eine neue Form der Abonnentenbindung, die verschiedene Gattungen betraf bzw. quer zu diesen verlief. Zur Verringerung des "Abonnentensprungs" - die Bezieher sprangen vorzeitig vom Abonnement ab und konnten, da sie meist den finanziell weniger gut gestellten Bevölkerungsschichten angehörten, trotz rechtlicher Bindungen nicht zum Weiterbezug bewegt werden - hatte die ältere Kolportage ein teils überbordendes Prämiensystem entwickelt: festen Abnehmern wurde zur Belohnung für ihr Ausharren ein Stahlstich, ein Buch, später sogar Geldprämien, Häuser usw. versprochen. Hallberger knüpfte 1869 an die Abnahme seiner illustrierten Zeitschriften (z.B. Ueber Land und Meer) eine Geldlotterie, bei der die Abonnenten Staatspapiere und Anleihen gewinnen konnten.[486] Payne nutzte das Klassikerjahr und bot den Abonnenten seines Illustrierten Familien-Journals (später: Das Neue Blatt) eine komplette Schiller-Ausgabe für 3 Taler an.[487] "Bekannt ist, wie später Scherl sen., Düsseldorf, mit dieser Form der Prämien, Vierspännige Equipagen, Reitpferde etc., bei dem Lieferungsroman 'Pistole und Feder' Fiasko machte."[488]
      Der Leipziger Verleger Bernhard Meyer verfiel nun 1899 zur Lösung des Problems auf eine Idee, die im lokalen Rahmen schon Jahrzehnte früher verwirklicht worden war: die Kombination von Zeitschrift und Versicherung. In England hatte der Verleger von Tit Bits die Zeitschrift mit einer Unfallversicherung kombiniert und auf diese Weise in kurzer Zeit eine Auflage von 420.000 erreicht.[489] Die erste Abonnentenversicherung in Deutschland führte in den 1880er Jahren der Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger ein.[490] Politische Orientierung und lokale Begrenzung verhinderten jedoch von vornherein eine größere räumliche Ausweitung. Erst Meyers Idee, die Versicherung auf eine allgemein orientierte Zeitschrift mit überregionaler Reichweite zu übertragen, brachte den Durchbruch für diese neue Art der Abonnentenbindung. Die Bezieher von Meyers Nach Feierabend (1.1899-46.1944) erhielten eine Unfallversicherung, später kam eine Sterbegeldversicherung hinzu. Das Blatt erreichte 1905 bereits eine Auflage von 900.000, im Jahr 1914 war die Million erreicht.[491] Die Erfindung bot allen Beteiligten Vorteile: Die Verleger bedienten sich der Vertriebs- und Inkassomöglichkeiten der Kolportage, die Kolporteure begrüßen die Neuerung, weil sie den Zeitschriftenbezug stabiler machte, und die Kunden kamen zusätzlich zur regelmäßigen Lektüre in den Genuß von Lebens-, Unfall- oder Sterbeversicherungen. Das geschah "[z]unächst in der Form, daß ein Wochenblatt in geringem Umfang für den Preis von 10 Pfennig erschien, das die Abonnenten bei tötlichem [!] Unfall mit 1000 Mark versicherte. Allen anfänglichen Zweifeln und selbst Ablehnungen entgegen erwies sich die Idee [...] als geradezu glänzend. Einen beispiellosen Erfolg haben diese Blätter davongetragen und dem ganzen Buch- und Zeitschriftenhandel ein neues Gepräge gegeben."[492] Ein westdeutscher Zeitschriftenhändler berichtete 1922 [493], diese Blätter hätten vor allem im Ruhrgebiet, "mit der nach Hunderttausenden zählenden Arbeiterschaft, [...] nachdem sie in ihren Versicherungsleistungen mehr und mehr ausgebaut worden waren, den weitesten Boden für ihre Verbreitung" gefunden. "Nachdem zu der Unfalltod-Versicherung auch die Invaliditäts- und Sterbegeld-Versicherung hinzugetreten ist, bildet das Abonnenten-Versicherungsblatt heute eine ausgesprochene, wertvolle Volksversicherung, und die verschiedenen Blätter dieser Art haben allein im rheinisch-westfälischen Bezirk viele Hunderttausende Abonnenten. Zeitschriftenhandlungen haben sich darauf aufgebaut von einem Umfang und einer Organisation, von denen man sich vor 20 Jahren keine Vorstellung machen konnte. Ein sehr zahlreiches Personal von kaufmännischen Angestellten, 30, 70, 100 und mehr Boten bei einer einzelnen Firma, und ein Agentenstamm, der ebenfalls in die Hunderte geht, haben sich hier herausentwickelt." Während Versicherungszeitschriften in den Statistiken der 1890er Jahre noch fehlen, machten sie 1913 bereits 35% der gesamten Kolportage aus; bis1932 war der Anteil der Versicherungszeitschriften am Zeitschriftenhandels schließlich bis auf 66% angestiegen.[494]
      Nach dem Erfolg von Nach Feierabend gründete Meyer weitere Versicherungsblätter, etwa den Volkshort (1909-1923) oder Die Fürsorge (1910-1939). Auch in anderen Verlagen entstanden nun Versicherungszeitschriften, deren Erfolg bald zu Verlagskonglomeraten bzw. Großverlagen führte, wie sie bis dahin im Zeitschriftenwesen unbekannt gewesen waren (vgl. Tab.15)[495]. Von den großen eher lokal orientierten Berliner Konzernen Ullstein, Mosse und Scherl hatte nur Ullstein nennenswerte Anteile am neuen überregionalen Zeitschriftenmarkt.

      Nach und nach wurden auch ältere Unterhaltungszeitschriften, die teils bereits seit Jahrzehnten erschienen - wie Paynes Das Neue Blatt oder die früheren Schönlein-Zeitschriften Das Buch für Alle und Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens - mit Versicherungen versehen. Das Neue Blatt beispielsweise warb 1909 mit einer Versicherung, die "6000 Mark bei einem tödlichen Unfall auf der Eisen- oder Straßenbahn, dem Dampfschiff usw., 1000 Mark bei einem sonstigen tödlichen Unfall, 1000 Mark bei dauernder Ganzinvalidität infolge Verunglückung, 750 Mark bei Tod durch Ertrinken, 30-300 Mark bei dauernder teilweiser Invalidität infolge Verunglückung" auszahlte.[496] Zahlreiche Abonnenten bzw. deren Hinterbliebene seien bereits in den Genuß dieser Prämien gekommen. Allerdings erhöhte sich je nach Versicherung der Abonnements- bzw. Heftpreis des Blattes; wer statt des regulären Heftpreises von 15 Pfg. wöchentlich 20 Pfg. bezahlte, kam in den Genuß einer Versicherung, die 1000 Mark bei Ganzinvalidität und 30-300 bei Teilinvalidität auszahlte. Mit 25 Pfg. wöchentlich erwarb man (bei der Nürnberger Lebensversicherungs-Bank) das Anrecht auf ein Sterbegeld "bis zur Höhe von über 200 Mark".[497] Regelmäßig wurde auf den Titelseiten der Zeitschrift für bzw. mit den Versicherungen geworben, z.B. indem dankbare Hinterbliebene dort den Erhalt der Versicherungssumme quittierten.[498] Allerdings mußten, offenbar um weitverbreiteten Mißverständnissen zu begegnen, dort auch immer wieder ausführlich die genauen Versicherungsbedingungen ("Merkblatt für Abonnenten des 'Neuen Blattes'")[499] abgedruckt werden, sowie der deutlich markierte Hinweis: "Leser, die das 'Neue Blatt' nur leihweise entnehmen oder nur in einzelnen Nummern kaufen und kein dauerndes Abonnement nachweisen können, sind von der Versicherung ausgeschlossen."[500]

      Über die Praktiken der Abonnentenversicherungen entstand nach der Jahrhundertwende eine öffentliche Diskussion, als deren Folge viele Versicherungszeitschriften dazu übergingen, eine sogenannte 'beaufsichtigte', also staatlich kontrollierte Versicherungsgesellschaft mit der Wahrnehmung ihrer Versicherung zu beauftragen. Damit sollte Vorwürfen, der Kunde werde übervorteilt, begegnet werden. Tatsächlich wurde den Zeitschriftenversicherungen in einer Denkschrift des Reichsaufsichtsamtes für Privatversicherungen schließlich nicht nur grundsätzliche Solidität bescheinigt, sondern sogar eine Vorreiterrolle bei der Durchsetzung des allgemeinen Versicherungsschutzes: sie hätten sich "als ein in mancher Beziehung recht wirksames Mittel erwiesen [...], den breiten Schichten des Volkes bis zu einem gewissen Grade die Segnungen des Versicherungsschutzes zugängig [!] zu machen."[501] Im Ersten Weltkrieg zahlten einige Abonnentenversicherungen ihren Kunden ein freiwilliges Kriegssterbegeld, von dem 50.000 Familien gefallener Kriegsteilnehmer profitierten. Im Jahr 1932 betrug die Auszahlungssumme der Zeitschriftenversicherungen 6.650.548 Reichsmark.[502]

 

[ 486 ]
Wuttke, zit. n. Drahn 1914, S. 35

[ 487 ]
Goldfriedrich, S. 35; Bärwinkel / Webel, Die Praxis des Zeitschriften-Verlegers, schrieben dazu noch am Ende des Jahrhunderts: "Besonders eignen sich zu diesem Zwecke aus Restauflagen stammende Bücher, wie Fachwerke, Romane etc., die, wie schon erwähnt, zu bedeutend herabgesetzten Preisen in großen Antiquariaten zu haben sind." (S. 12)

[ 488 ]
Drahn, Geschichte des deutschen Buch- und Zeitschriftenhandels, S. 30/31

[ 489 ]
Niewöhner, S. 43

[ 490 ]
Niewöhner, S. 43

[ 491 ]
Niewöhner, S. 44

[ 492 ]
Klein, Die Entwicklung des Buch- und Zeitschriftenhandels, S. 272

[ 493 ]
Klein, Die Entwicklung des Buch- und Zeitschriftenhandels, S. 272

[ 494 ]
Niewöhner, Der deutsche Zeitschriftenbuchhandel, S. 27

[ 495 ]
Bei den meisten der in Tab.15 genannten Zeitschriften, auch denen ohne *, handelt es sich wohl um Versicherungszeitschriften. Eine genaue Zuordnung ließe sich nur durch Autopsie herstellen.

[ 496 ]
Werbung in: Payne's Illustrirter Familien-Kalender 1909

[ 497 ]
Das Neue Blatt, Heft 1 von 1911 (Titelseite)

[ 498 ]
Das Neue Blatt, Heft 1 von 1913 (Titelseite)

[ 499 ]
Das Neue Blatt, Heft 1 von 1914 (Titelseite)

[ 500 ]
Das Neue Blatt, Heft 1 von 1914 (Titelseite)

[ 501 ]
Niewöhner, S. 45

[ 502 ]
Niewöhner, S. 63

 
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