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8. Sonderformen

8.2 Beilagen-Blätter

Unterhaltungsbeilagen wurden für ein eingeschränktes, dennoch sehr breites Publikum produziert: Da sie in der Regel nicht selbständig erschienen, konnte Unterhaltungsbeilagen nur beziehen, wer eine Tages- oder Wochenzeitung bzw. -zeitschrift abonniert hatte; dieser wurden sie, häufig gratis, manchmal gegen einen Aufschlag auf die Abonnementsgebühr, 'beigelegt', um die Leser an das Hauptblatt zu binden. Vereinzelt erschienen Beilagen bereits in den 1830er Jahren.[503] Grundsätzlich lassen sich drei Typen von Beilagenblättern unterscheiden: Beilagen für Tageszeitungen, Beilagen für Zeitschriften sowie Annoncenbeilagen, die in der Regel nur einen geringen redaktionellen Anteil hatten. Zeitungshistoriker betonen, daß "alle Beilagen den Gesetzen der Zeitung" unterliegen, indem sie z.B. keine direkte Konkurrenz zu den allgemeinen Zeitschriften darstellen und zudem, trotz eigenen Impressums, juristisch von der Schriftleitung des Hauptblattes verantwortet werden mußten [504]; gleichwohl handelte es sich faktisch um Zeitschriften, die sich jedoch einen neuen Vertriebsweg gesucht hatten: Beilagen hatten eine eigene Paginierung, eigenen Titelkopf und häufig ein anderes (kleineres) Format als das Hauptblatt.

      Von 1862 bis 1876 erschien die Gartenlaube-Beilage Deutsche Blätter, die schneller und wirksamer auf aktuelle Zeitereignisse eingehen sollte, als dies dem Hauptblatt möglich war; die Beilage fand unter dem Herausgeber Berthold Auerbach bzw. seinem Nachfolger Albert Fränkel (seit 1864) jedoch nicht die erwünschte Resonanz.[505] Dem Daheim wurde 1872 zur Absatzsteigerung der Daheim-Anzeiger als Inseratenblatt beigelegt, der zunächst, entgegen wirtschaftlicher Vernunft,[506] von Text freigehalten werden sollte. Bis 1895 war diese Beilage auf 15-24 Seiten angewachsen, d.h. sie machte zu der Zeit ca. 20-30% eines gesamten Heftes aus. Im Lauf der Zeit kamen zahlreiche weitere Beilagen dazu:[507] u.a. Frauen-Daheim (seit 1887), Kinder-Daheim (seit 1895) und Der Tierfreund (seit 1907). Ein modernes Beilagenwesen - in dem sich sämtliche Gattungen des allgemeinen Unterhaltungszeitschriftenwesens wiederfinden - entwickelte sich erst in den 1870er Jahren. Die ersten Beilagen, die für mehrere lokale bzw. regionale Zeitungen produziert wurden und die gleichzeitig möglichst weitgehend dem Erscheinungsbild einer Familienzeitschrift entsprachen, waren das Illustrirte Unterhaltungs-Blatt. Belletristische Wochenschrift für die Familie und Jedermann (seit 1873) und das Illustrirte Sonntags-Blatt. Wochenschrift zur Unterhaltung und Belehrung (seit 1874) des Stuttgarter Verlegers Hermann Schönlein, der mit der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens sowie dem Buch für Alle weitere innovative Zeitschriftengattungen populär gemacht hatte. Sowohl Schönleins Illustrirtes Unterhaltungs-Blatt als auch sein Illustrirtes Sonntags-Blatt erschienen jeweils als Beilage zu Dutzenden von Zeitungen;[508] Auflagenzahlen und Erscheinungszeitraum sind unbekannt, doch in 1890er Jahren sollen beide Beilagen noch eine "nach Hunderttausenden zählende Verbreitung"[509] gehabt haben. Seit den ausgehenden 1880er Jahren wurden beide Titel Schönleins vielfach kopiert und "Illustrierte Unterhaltungs- bzw. Sonntagsblätter" überschwemmten den Markt (vgl. Tab. 17). Zahlreiche 'Beilagen-Fabriken' entstanden; für 1892 weist Sperling 33 Verlage nach, die sich auf die Produktion von Unterhaltungsbeilagen spezialisiert hatten, im Jahr 1908 waren es bereits 51 (vgl. Tab. 16).

Tab.16: Verlage von Unterhaltungsbeilagen (1892-1915)
Jahr Anzahl
1892 33
1894 32
1898 42
1901 ?
1902 37
1904 37
1908 51
1914 44
1915 43
1923 ?
Quelle: Sperling, Adreßbücher

      Die Illustrirte Familien-Zeitung des Hamburger Verlegers Rosenberg erschien seit 1879 (bis 1894?); sie kopierte die Schönlein-Blätter in Titelkopf, Inhalt usw. bis in graphische Einzelheiten (Auflage 1883: 38.000). Vorläufer war der im gleichen Verlag erscheinende Omnibus. Illustrirtes Wochenblatt (1.1862-17.1878; Auflage 1868: 60.000). Vor allem Berlin wurde ein Zentrum der Beilagenverlage (vgl. Tab. 17). Eine der größten Firmen überhaupt war vermutlich der Verlag von Georg E. Nagel in Schöneberg, der u.a. die Beilagen Humoristisches Wochenblatt (1890-1915), Lustige Welt. Nagel's humoristische Fliegende Blätter (1886-1930; wechselnde Titel, u.a. Lustige Blätter, Nagel's lustige Welt, Heitere Blätter), Kasseler Gartenlaube (1891/92) Illustriertes Unterhaltungsblatt (1899-1910), Sonntagsblatt. Illustriertes Unterhaltungsblatt (1890-1912), Der Volkschulfreund. Illustriertes Sonntagsblatt (1908), Deutscher Hausfreund (1888-1919), Blätter für Mode und Handarbeit (1900-1905), Fürs deutsche Haus. Illustriertes Unterhaltungsblatt für Haus und Familie (1898-1912), Ratgeber für Feld und Haus sowie die Illustrierte Kinderzeitung (1914) produzierte. Unterhaltungsbeilagen machten, wie u.a. die Produktion des Verlages Nagel zeigt, den überwiegenden Teil der Beilagen aus; das legt auch ein Blick auf die Produktion der von Sperling 1898 genannten Beilagenverlage nahe (Tab. 17).

      Die Auflagen mancher Beilagen waren enorm: das von R.H. Achilles herausgegebene Deutsche Familienblatt (Berlin: Weinberg), das "mehr als 160 Zeitungen"[510] beilag, wurde 1890 190.000mal gedruckt, und Gute Geister (Berlin), redigiert von August Krebs, gab 1888 eine Auflage von 150.000 an und lag 1896 "ungefähr 120 deutschen Provinzzeitungen als illustrirte Sonntagsbeilage bei."[511] Diese Zahlen sind durchaus glaubwürdig, denn 1908 hatten von 3838 Zeitungen nur 11% keine Beilage.[512] Gleichzeitig spiegelt die Produktion der Beilagenverlage die Bedürfnisse eines neuen Publikums, das schon die Umwandlung der traditionellen Familienblätter von Bildungs- zu Ratgeberzeitschriften bewirkt hatte. Neben belletristischen und Unterhaltungsbeilagen entwickelten sich nun auch Kinder- und Jugend-, Mode- und sonstige Ratgeberbeilagen. Im Jahr 1905 wurden insgesamt 6105 Beilagen gezählt, davon waren 36% illustrierte Unterhaltungsbeilagen, 32% enthielten Verschiedenes, und die restlichen 32% verteilten sich auf Gewerbe, Industrie, Spiel und Sport, Handarbeit und Wissenschaft.[513] Die Frankfurter Kleine Presse hatte z.B. seit 1885 die Bilderbeilage Das illustrirte Blatt; für 1889 weist Sperling u.a. Haus und Küche als Beiblatt des Deutschen Damen-Journals (Berlin: Joost 1883ff.), eine Musik-, Moden- u. Kochbuchbeilage der Deutschen Frauenzeitung (Berlin: Kassin & Co. 1888ff.), die Gratisbeilage Für die junge Welt der Schweizerischen Frauenzeitung (St. Gallen 1878ff.), die belletristische Beilage Im Boudoir der Wiener Mode (Colbert & Ziegler 1888), den Ratgeber fürs Hauswesen (seit 1883) der Auer'schen Monika (Donauwörth 1869ff.; Auflage 1908: 90.000) und die Beilage Deutsches Heim für Ullsteins Berliner Zeitung nach; 1898 enthielt die Schweizer Haus-Zeitung (Zürich 1869ff) die Beilagen Der Jugendfreund, Die praktische Hausfrau, Stunden am Arbeitstische, Arbeits- und Schnittmusterbogen, Saisonbilder neuester Pariser Moden und Die gemeinnützige Schweizerin, und die Dresdner landwirtschaftliche Presse hatte die Beilage Unsern lieben Frauen; seit 1901 hatte Der deutsche Kaufmann die Beilage Maja. Ein Frauenblatt usw.
      Eine sozialdemokratische Unterhaltungsbeilage war Die Neue Welt (1892-1919); das Blatt war von 1876 bis 1887 als Wochenzeitschrift nach Art der Gartenlaube erschienen, wurde eingestellt und einige Jahre später als "illustrierte Unterhaltungsbeilage" neu gegründet. Von 39 sozialdemokratischen Tageszeitungen legten im Jahr 1897 19 Die Neue Welt am Wochenende bei;[514] das entsprach einer Auflage von etwa 200.000. Hierbei ist allerdings zu bedenken - und dies gilt für die Beilagenblätter ganz allgemein - daß die Auflagenzahlen so gut wie nichts über deren Beliebtheit aussagen, denn es handelt sich um einen Zwangsbezug, der das Blatt einer unmittelbaren Marktkonkurrenz mit den selbständigen Zeitschriften enthebt.
      Wie das Daheim versuchten nach 1900 auch andere traditionelle Familienzeitschriften, sich durch Beilagen für eine gewandeltes Publikum interessant zu machen bzw. zu halten. Der von Wachenhusen gegründete Hausfreund wurde seit dem 43. Jahrgang (1899/1900) mit vier Beilagen verkauft, die jeweils etwa 50 Seiten pro Jahr umfaßten und mit eigener Paginierung versehen waren. Die Titel - Der Kinderfreund, Die Küche, Die Mode, Das Möbel - verweisen exakt auf jene Themen, die seit dem Erfolg der Hausfrauenzeitschriften unabdingbar zu einer modernen Familienzeitschrift gehörten; dennoch mußte das Blatt ein Jahr später eingestellt werden. Mehr Erfolg hatte die Gartenlaube mit ihrer Beilage Die Welt der Frau (1904-1920), die 16 Jahre lang auch separat bezogen werden konnte. Wie für das Hauptblatt wurden eigene Einbanddecken und Jahresregister geliefert, der Jahrgang 1910 hatte 832 Seiten, das entsprach in etwa dem Umfang des Hauptblattes: d. h. allein mit dieser einen Beilage erhielt der Abonnent das Doppelte für sein Geld.

 

[ 503 ]
Groth, 1. Bd., 349f. (n. Kirschstein, S. 138)

[ 504 ]
Lehmann, Einführung in die Zeitschriftenkunde, S. 77/78

[ 505 ]
Barth, Zeitschrift für Alle, S. 316/317

[ 506 ]
vgl. die Ausführungen bei Bärwinkel/Webel

[ 507 ]
Die meisten in Bibliotheken überlieferten Jahrgangsbände der Familienzeitschriften enthalten diese für eine angemessene Würdigung unabdingbaren Beilagen nicht. Vgl. dazu die Ausführungen bei Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften, S. B42

[ 508 ]
vgl. Graf, Hermann Schönleins 'Illustrirtes Unterhaltungs-Blatt', S. B100-B106

[ 509 ]
zit. n. ebd. S. B104

[ 510 ]
Kirschstein, Die Familienzeitschrift, S. 139

[ 511 ]
Inserat in: Die Reklame, 6. Jg. (1896) S. 21

[ 512 ]
Kirschstein, Die Familienzeitschrift, S. 139 (Umrechnung auf der Grundlage absoluter Zahlen)

[ 513 ]
Kirschstein, Die Familienzeitschrift, S. 139

[ 514 ]
Gebhardt, Illustrierte Zeitschriften, S. B45

 
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