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8. Sonderformen

8.3 Feuilleton-Korrespondenzen

Im Unterschied zu den anderen bisher vorgestellten Zeitschriften waren die Feuilleton-Korrespondenzen nicht für das breite Publikum bestimmt: es handelte sich um Zeitschriften mit Unterhaltungsmaterial, aber nicht um Unterhaltungszeitschriften. "[E]ine Korrespondenz [...] dient gleichsam nur dem Zwischenhandel von Artikeln und Nachrichten."[515] Als Vermittlungsinstanzen hatten sie ein 'doppeltes' bzw. gespaltenes Publikum: in ihrer Gesamterscheinung richteten sie sich an Zeitschriftenredakteure und -herausgeber bzw. -verleger, die auch als Abonnenten der Feuilleton-Korrespondenzen in Erscheinung traten; ihr 'Material' dagegen, für das die genannten Redakteure nur als Mittler fungierten, richtete sich an das breite Publikum. Feuilleton-Korrespondenzen waren also von der Form her im eigentlichen Sinn Fachzeitschriften, insofern sie sich an ein sozial, berufs- und zahlenmäßig eingeschränktes Publikum richteten; also gewissermaßen halb- bzw. vor-öffentliche Publikationen, vergleichbar den heutigen Nachrichtenagenturen. Insofern ihr Inhalt aber gar nicht auf dieses eingeschränkte Publikum abzielte, sondern sich an ein möglichst breites richtete, und zudem nicht bzw. kaum noch redigiert werden mußte, da er gewöhnlich fix und fertig und zeilengerecht geliefert wurde, waren sie mit den Familien- und Unterhaltungszeitschriften engstens verwandt; rechtlich galten sie allerdings als Manuskript.[516]
      Schon im Juli 1871 hatte der Verlag Velhagen & Klasing die Belletristische Correspondenz geschaffen, um dort Romane und Novellen weiterverkaufen zu können, die sich für den Abdruck im Daheim nicht eigneten;[517] redaktionell wurde sie, wie auch das Daheim, von R. König betreut, der an ihren Einnahmen mit 10% beteiligt war. Die Belletristische Correspondenz wurde 1890 an den Dresdener Verleger Carl Reißner verkauft;[518] im Jahr 1900 ging sie unter gleichem Namen an den ebenfalls in Dresden beheimateten Verlag Moewig & Hoeffner,[519] der sie vermutlich bis mindestens 1939 weiterbetrieb.[520] Diese Korrespondenz kostete vierteljährlich 6 Taler, von 1901 bis 1918 vierteljährlich 25 Mark.[521] Bei Moewig & Hoeffner erschien seit 1895 mit dem Feuilleton-Redakteur eine weitere Korrespondenz, die u.a. "kriminelle Feuilletonstoffe" vertrieb.Die Belletristische Correspondenz dürfte mit fast 70jähriger Laufzeit eine der langlebigsten Feuilleton-Korrespondenzen Deutschlands gewesen sein.
      Um 1870 gab der Hamburger Verleger Wolf (Wulff?) die Feuilleton-Korrespondenzen Novellenmanuskript und Novellenmappe heraus [522]; eine der ersten Feuilleton-Korrespondenzen wurde auch seit 1873 von Otto Loewenstein mit dem Titel Unter'm Strich herausgegeben.[523] Doch erst mit Zunahme und allmählicher Etablierung der Literarischen Agenturen, die anfangs meist als Herausgeber der Feuilleton-Korrespondenzen fungierten, wurden diese ab der zweiten Hälfte der 1880er Jahre zu einem bedeutsamen Faktor im Literatur- bzw. Pressewesen. 1886 gab es kaum eine Handvoll dieser Organe in Deutschland; für die zehn Jahre bis 1895 lassen sich dann mindestens 36 weitere Gründungen von Feuilleton-Korrespondenzen nachweisen.[524] Im Jahr 1902 schrieb ein Kenner: "In verhältnißmäßig kurzer Zeit hat sich dieses Vermittlungsgeschäft entwickelt und zwischen Schriftsteller und Zeitungsredaktion geschoben. Es hat sich allen Bedürfnissen der letzteren so anzupassen gewußt, daß viele von ihnen nicht nur aus Sparsamkeitsgründen, sondern auch der Bequemlichkeit halber nur mit 'Feuilleton-Korrespondenzen' und nicht mit den Schriftstellern direkt arbeiten. Natürlich herrscht auch unter ihnen das Prinzip der Arbeitsteilung. Es giebt solche, die rein belletristischer Natur sind, und dann wieder nur sog. Familienlitteratur, oder aber 'moderne' Arbeiten aufweisen, die mit Vorliebe humoristische oder Kriminalskizzen bringen, andere bearbeiten das Gebiet der populären Wissenschaft, manche sind speziell für katholische Blätter bestimmt und so fort."[525]
Statistische Aussagen sind aus verschiedenen Gründen noch schwerer zu machen als für den Zeitschriftenbereich allgemein; die Verzeichnisse für Publikumszeitschriften erfassen die Feuilleton-Korrespondenzen naturgemäß meist nicht und spezielle Pressehandbücher u.ä. führen erkennbar nur eine Auswahl auf. Von den wenigen heute in öffentlichen Bibliotheken aufbewahrten Exemplaren auf den Gesamtbestand zu schließen ist unmöglich, denn es handelte sich ja um Periodika, die zum Verbrauch (d.i. zum Zerschneiden und Verkleben) bestimmt waren; aus dem gleichen Grund lassen sich nur schwer Aussagen über die Lauf- bzw. Lebenszeit einer Feuilleton-Korrespondenz machen. Kürschner's Literaturkalender etwa weist für 1894 15, für 1905 26 und für 1917 15 Feuilleton-Korrespondenzen nach;[526] man kann jedoch davon ausgehen, daß diese Zahlen jeweils nur einen Bruchteil des tatsächlichen Gesamtbestandes repräsentieren. Das "Handbuch der Presse" beispielsweise weist für 1902 unter der Rubrik "Unterhaltung und Verwandtes" 21 'namhaftere' Feuilleton-Korrespondenzen nach (vgl. Tab. 18); weitere 15, die ebenfalls z.T. Feuilletonmaterial anboten, finden sich unter "Verschiedenes", u.a. die Frauenkorrespondenz (Verlag, Hg. u. Red.: Dr. phil. Anna Gebser, Berlin), Kühl's Correspondenz (Groß-Lichterfelde, u.a. Theatralia), Allerlei Gedenktage (Stadtsulza), und vier Korrespondenzen vertrieben ausschließlich Illustrationen, darunter der Cliché-Anzeiger für Redaktionen (Berlin, gegr. 1899) und Der Cliché-Markt (Leipzig, gegr. 1888). Kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstanden erste sozialistische Feuilleton-Korrespondenzen, z.B. das von Kurt Eisner herausgegebene Arbeiterfeuilleton.[527]

      Die ausführlichste statistische Bestandsaufnahme des gesamten literarischen Vermittlungsmarktes der Kaiserzeit findet sich im Börsenblatt von 1917. Ihr Verfasser zählte auf Grundlage einer weitgefaßten Umfrage insgesamt 797 Korrespondenzen und Literarische Vermittlungsbüros im gesamten Deutschen Reich: "Wenn man die 'im Verborgenen' erscheinenden Korrespondenzen hinzuzählt, dürfte sich die Zahl um etwa 100 erhöhen";[528] circa 200 davon, also 22% der Gesamtzahl von ca. 900, befaßten sich in irgendeiner Weise mit feuilletonistischen bzw. belletristischen Inhalten: 51 Korrespondenzen vertrieben ausschließlich Material für illustrierte Sonntagsbeilagen, davon gab es u.a. sechs für eigene Kinder-Sonntagsbeilagen; daneben gab es weitere sieben Korrespondenzen, die allein Material für Kinder und Jugendliche vertrieben. Mit dem kleinen Feuilleton waren 35 Korrespondenzen befaßt, Romanvertriebe gab es 32; Novellen, Skizzen und längere Erzählungen wurden von 42 Organen angeboten, vermischte Inhalte brachten 82, Theaternachrichten sieben, Materialien für die Frauenwelt 14. Die Zahlen belegen eindrucksvoll das exponentielle Wachstum des Zeitungs- und Zeitschriften- wie des gesamten literarischen Marktes zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg. Ursache hierfür war das Anfang 1902 in Kraft tretende Urheberrechtsgesetz vom 19. Juli 1901, das den honorarfreien Nachdruck, bislang weithin Usus, unter Strafe stellte. "Es war fortan nicht mehr möglich, die Zeitungen vorwiegend mit Schere und Kleister zu redigieren; tausende von mittleren und kleinen Blättern mußten nunmehr ihren unterhaltenden Stoff gegen Honorar erwerben, und zur Befriedigung dieses Bedürfnisses wurden [...] zahlreiche Korrespondenzen begründet, von denen manche noch heute [1930] bestehen."[529] Anfang der 1930er Jahre schließlich hatten die Korrespondenzen v.a. in der kleinen und mittleren Presse eine geradezu übermächtige Stellung erreicht; ein Beobachter konstatierte: "Das Feuilleton dieser Zeitungen setzt sich oft zu 90% aus Korrespondenzmaterial zusammen".[530] Bereits 1917 war die Spezialisierung der Feuilleton-Korrespondenzen weit fortgeschritten; folgende spätere Beobachtung trifft auch für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bereits zu: "Von der hochwissenschaftlichen Korrespondenz, in der nur bekannte Sachverständige zu Wort kommen, bis zu der Korrespondenz, die Rätsel und Witze vertreibt, gibt es eine endlose Skala der einzelnen Spezial- und Sonderkorrespondenzen. Am größten ausgebaut sind die Romanvertriebe und die sogenannten literarischen Korrespondenzen, die erzählendes, unterhaltendes und belehrendes Material bieten. Der Romanvertrieb ist eine besonders interessante Seite im deutschen Zeitungswesen. Alles kann sozusagen entbehrt werden, nur nicht der Roman. Auf Grund dieser Tatsache haben sich [...] seit Jahrzehnten Firmen gebildet, die den Romanvertrieb als ein lukratives Geschäft ausgebaut haben und die für ihr Teil auch Einfluß auf die literarische Produktion, die Stoffauswahl und die stilistische Gestaltung nehmen. Wer einmal in diese Betriebe Einblick getan hat, ist erstaunt, aber zugleich nicht wenig entrüstet über den geschäftsmäßigen und geschäftstüchtigen Handel, der hier mit geistiger Ware - oft bereits ehe sie dem Hirn und Herzen des 'Dichter' entsprossen ist - betrieben wird."[531] Es gab 1917 allein zehn Korrespondenzen, die nur sog. "Briefkasten-Material" anboten, es gab eine Fachkorrespondenz für das Kino und 14 für die Frauenwelt, acht beschäftigten sich mit Mode, zwei mit Hofberichterstattung, eine vertrieb ausschließlich Kalendermaterial, eine weitere fertige illustrierte Familienkalender als Beilagen, acht beschäftigten sich mit Sport und eine brachte ausschließlich Material für Weihnachtsausgaben.[532] Spezialisiert auf Kinder- und Jugendliche war Die Deutsche Kinderwelt (seit 1893?)[533] aus Leipzig, die alle zwei Wochen erschien und von Frida Brasch betreut wurde; von 32 Romanvertrieben beschäftigte sich 1917 einer allein 'mit ersten Autoren' und 14 boten ihr Material direkt als Matern und Platten: diese Texte mußten gar nicht mehr gesetzt werden, sondern wurden fertig gematert in die Druckvorlagen einmontiert.

      Die Korrespondenz-Verlage waren sehr unterschiedlich strukturiert. Einigen Großverlagen - die ihre Autoren meist schlecht bezahlten, deren Werke sie "mit allen Rechten" für eine einmalige Summe zur vielfachen Weiterverwertung erwarben und die deshalb in Schriftstellerkreisen einen ziemlich schlechten Ruf hatten [534] - standen Dutzende bzw. hunderte kleiner Korrespondenzen gegenüber: "die erdrückende Mehrzahl der Korrespondenzherausgeber besteht aus Schriftstellern und Journalisten mit recht bescheidenem Einkommen [...] Die Grenze zwischen dem seine Arbeiten selbst vertreibenden Autor und einer Korrespondenz ist überhaupt nicht leicht zu ziehen; vielfach wird es sich schwer feststellen lassen, ob der Korrespondenzherausgeber, der weder Redakteure noch Mitarbeiter beschäftigt und seinen ganzen Dienst selbst schreibt, etwas anderes ist als der Schriftsteller, der in großem Umfang seine Zweitdrucke vertreibt."[535] In Fachblättern für Autoren, Journalisten, Presse und Zeitungswesen boten große und kleine Firmen ihre - v.a. für Zeitungsredaktionen bestimmten - Produkte an. Richard Radscheks "Journalistisches Institut Merkur" in Berlin offerierte 1904 beispielsweise "Romane, Novellen, Humoresken, Skizzen, Aufsätze, überh. Jed. Feuilleton-Material [...] zu annehmbaren Liquidationen";[536] eine "Allgemeine Stereotypie-Anstalt für Zeitungsdruckereien G.m.b.H.", ebenfalls Berlin, bot "Reichhaltige Auswahl spannender Zeitungsromane u. Novellen der beliebtesten Schriftsteller, in Stereotyplatt.[en] aller gangbaren Spaltenbreiten. Ueber 2000 kleine Feuilletons (Novellen, Homoresken, Erzählungen etc.) in Stereotypplatten von 17, 19 und 20 Cicero";[537] und Richard Voss in Dresden lieferte "Romane, Novellen, Erzählungen, Plaudereien, Essays etc. zum Erst- und Zweitdruck".[538] Die Bedeutung der Feuilleton-Korrespondenzen drückt sich auch in der Gründung eines "Verbandes der Zeitungskorrespondenzen" in Berlin aus: als Vorsitzender fungierte Friedrich Huth, Schatzmeister war Richard Taendler und Kämmerer seit 1906 Hugo Wolff, der Inhaber der Firma Greiner & Comp.[539] Der Verband verhandelte 1907 u.a. mit Vertretern der Zeitungsverleger über ein Schiedsgericht zu urheberrechtlichen Fragen, die sich aufgrund unterschiedlicher Honorierungspraxis immer wieder stellten. Manche Korrespondenzen erlaubten allein ihren (pränumerando zahlenden) Abonnenten den Abdruck ihres Materials, während andere auch eine nachträgliche Honorierung einzelner übernommener Beiträge nach erfolgtem Abdruck ermöglichten; das konnte jedoch gegebenenfalls mit der vertraglichen Zusage der meisten Korrespondenzen kollidieren, ihre Arbeiten in jeder Stadt nur an eine Zeitung abzugeben.[540]

      Nur die großen Korrespondenzen wurden gedruckt; viele erschienen auf hektographierten Blättern. "Auch gibt es eine Reihe von Korrespondenzen, die sich mehr im Rahmen einer brieflichen Mitteilung halten, die mit Hilfe von Blaupapier durchgeschrieben oder auf der Schreibmaschine nur in wenigen Durchschlägen hergestellt werden. Derartige Korrespondenzen haben eine Auflage von etwa 2-10 Exemplaren. Entweder gibt ihr lokaler Charakter die Veranlassung dazu, oder der Herausgeber legt Wert darauf, die Beiträge nur wenigen Zeitungen zukommen zu lassen, um entsprechend höhere Honorare zu erzielen."[541] Zu den größten und bekanntesten Feuilleton-Korrespondenzen - neben der bereits genannten Belletristischen Correspondenz von Velhagen (bzw. Reißner bzw. Moewig) - gehörten die seit 1884 erscheinende Feuilleton-Korrespondenz des Literaturagenten Richard Taendler, die 1887 gegründete Feuilleton-Zeitung des rührigen Berliner Verlags Greiner & Comp.[542] , die 1889 gegründete Feuilleton-Zeitung des Mannheimer Verlags J. Bensheimer, die von P. Teickner redigiert wurde, sowie die Internationale Feuilleton-Korrespondenz der Internationalen Verlagsanstalt in Berlin (Tillotson & Son's Nachfolger - O. Pupke); sie alle liefen über mehrere Jahrzehnte.

      Zu den literar- und pressehistorisch interessantesten Feuilleton-Korrespondenzen gehören jene, die sich auf den Bereich der kurzen literarischen Texte spezialisiert hatten, wie sie der expandierende Zeitschriften- und v.a. Zeitungsmarkt seit den 1880er Jahren in bis dahin ungekanntem Maße forderte. Die Novellette, "eine gedruckte 'Korrespondenz' für Redaktionen", die seit 1887 (bis 1890) in Berlin erschien, vertrieb ausdrücklich nur "[g]anz kurze Geschichten" [543]: "Dieses ganz neuartige, in seiner Art allein dastehende Unternehmen bietet ausschließlich kurze, vollständige Erzählungen, Geschichten, Humoresken, Skizzen, Novelletten von je 150 bis 400 Zeilen, also in einer Zeitungsnummer abzuschließen"[544]; es enthielt u.a. Beiträge von V. Blüthgen, M. Schmidt, H. Pichler, B. Björnson, B. Groller, L. Tolstoi, B. v. Suttner, H. Heiberg u. F. Schanz und unterschied sich schon durch die Teilnahme bekannter Autoren von zahlreichen anderen Korrespondenzen, deren Programm darin bestand, weitgehend standardisierte Text von No-Name-Autoren zu vertreiben. Herausgegeben wurde Die Novellette von P. B. Wichmann und Bertha Katscher (1860-1903), die selbst Verfasserin zahlreicher Artikel, Romane, Novellen, Skizzen u.ä. war, und später von deren Mann, Leopold Katscher (geb. 1853), der zugleich seit 1886 "eine neuartige Korrespondenz" mit dem Titel Hauptstädtische Plauderspaziergänge herausgab.[545] Ähnlichen Zuschnitt dürften die von Paul Grüger (Berlin) unter Redaktion von Ch. Wild (J. Stein) herausgegebenen Berliner Skizzen (1891) sowie die Humoresken-Korrespondenz (1898) von Viktor Laverrenz gehabt haben. Seit 1898 erschien dreimal monatlich, herausgegeben von Fred Hood, Die Skizze. Berliner Feuilleton-Correspondenz [546]. Fred Hood war das Pseudonym des Verlegers, Redakteurs, Autors, Literaturagenten und Verbandsfunktionärs Friedrich Huth (geb. 1866), der außerdem die Korrespondenzen Das Forum. Korrespondenz für praktische Rechtsfälle (1920 =14. Jg.), die Allgemeine technische Korrespondenz sowie Praktische Volkswirtschaft herausgab. Die Skizze brachte kurze Erzählungen, Humoresken, Plaudereien und populär-wissenschaftliche Aufsätze bis zu einer Länge von etwa 200 Druckzeilen; sie wurde später von Rudolf Dammert (1924) bzw. Robert Matthis (1932) betreut und erschien bis in die 1930er Jahre. Abonnenten durften alle Beiträge abdrucken, Einzelabdruck war nur nach vorheriger Vereinbarung erlaubt; für unberechtigten Abdruck war das dreifache (später fünffache) Zeilenhonorar zu entrichten. Die belletristischen Texte stammten, wenn man von regelmäßigen Beiträgen A. Tschechows (1919, 1920) absieht, weitgehend von unbekannten Autoren; eine der häufigsten Beiträgerinnen seit 1917 war Paula Wassermann. Der 20. Jg (1917) enthält ausschließlich Skizzen von etwa 30 bis 210 Zeilen Länge, viele Kriegs- und Lazarettschilderungen, außerdem Sachberichte, Jubiläumsartikel usw.; der Herausgeber selbst steuerte häufig Beiträge über das Kinowesen bei. Gleichfalls auf Kurztexte spezialisiert war die seit 1909 im Berliner Verlag von Egon Fleischel & Co. erscheinende Oktav-Korrespondenz für Zeitungen;[547] sie wurde redaktionell von Fritz. Th. Cohn betreut, dem Ehemann der Erfolgsschriftstellerin Clara Viebig, der zugleich Mitinhaber des Verlags war, und brachte zweimal wöchentlich kleines Feuilleton "aus allen Gebieten" bis zum Höchstumfang von 100 Zeilen.

      Auch die von Otto Pupke herausgegebene Internationale Feuilleton-Korrespondenz (Berlin 1.1902-1913?) brachte überwiegend kurze Erzähltexte von 50 bis 250, nur selten mit 300 oder 600 Druckzeilen Umfang. Sie war einzeln oder im Abonnement zu beziehen, Einzelabdruck mußte zuvor gestattet werden; später wurde er erlaubt, mußte jedoch innerhalb von zwei Monaten gemeldet werden. Über die Preisstruktur lassen sich keine Aussagen treffen, da sie als strenges Geschäftsgeheimnis behandelt wurde.[548] Die Korrespondenz erschien alle zwei Wochen mit einem Unfang von 16 Seiten, jedes Heft enthielt fünf bis sechs Texte (1902: 1. Quartal: 34 Texte, 2.: 33, 3.: 32, 4.: 39). Die deutschen Autoren waren, abgesehen von L. Sacher-Masoch, eher unbekannt; dagegen weisen die ausländischen Autorennamen - z.B. Maupassent, Tolstoi, M.E. Braddon, Rider Haggard, G.A. Henty - darauf hin, daß der Verlag offenbar eine Filiale der Londoner Firma Tillotson & Son's (Fleet Street) war; auch eine Mailänder Vertretung (3 Via San Raffaele) erscheint gelegentlich in den Titelköpfen. Die Beiträge waren den Jahreszeiten sowie politischen und kulturellen Tagesereignissen angepaßt: im Dezember erschienen Weihnachtsgeschichten, zu Ostern Oster- und an Pfingsten Pfingstgeschichten, im Sommer Reiseberichte und Artikel über die Gefahren des Badens, 1904 solche über Unterseeboote, Port Arthur, Land und Leute in Japan usw. Fortsetzungsgeschichten gab es in der Internationalen Feuilleton-Korrespondenz grundsätzlich nicht; zu diesem Zweck besaß der Verlag einen eigenen Romanvertrieb, für dessen Produkte auf den unbedruckten Rückseiten der Korrespondenz geworben wurde; deren Bezieher erhielten Sonderkonditionen, da es sich nahezu ausschließlich um Zweitdrucke und nicht um Originalromane handelte. "Wir führen nur gangbare Federn" hieß es, nämlich "[s]ittenreine, zugkräftige, packende, gehaltvolle Feuilleton-Romane", und u.a. der Name des Vielschreibers Arthur Zapp bürgte für diese Aussage.[549] W. Collins' (gest. 1889) Roman "Das Erbtheil Cains" z.B. wurde Blättern "mit ganz kleinem Etat und kleinem Verbreitungsgebiet" zu ermäßigtem Preis angeboten: "Kein Blatt, welches überhaupt krass sensationelle Sachen bringt, dürfte sich diesen Roman entgehen lassen"; Blättern mit kirchlicher Richtung wurde allerdings signalisiert, daß redaktionelle Änderungen notwendig seien.[550] Tatsächlich war Abnehmer dieser Romane, neben zahlreichen Tageszeitungen (mit deren Titel ebenfalls geworben wurde), auch der Deutsche Hausschatz in Regensburg (mit dem Roman "Hilary" von Curtis Yorke).

      Das Geschäftsgebahren der Feuilleton-Korrespondenzen wurde von Autorenseite immer wieder kritisiert, v.a. aufgrund der häufig extrem niedrigen Preise und der (angeblich) mangelnden Qualität der angebotenen Texte. "A. Jahn's litterarisches Institut" in Nürnberg bot 1896 mit seiner Neuen Feuilleton-Zeitung, die wöchentlich erschien und fünf Mark pro Quartal kostete, in jedem Vierteljahr "1 großen Roman (Fortsetzung), 1 feine Novelle (Fortsetzung), 1 gediegene Humoreske oder kleine Erzählung"; zudem verschickte es Listen mit den "neuesten und schönsten Romane[n]", die zwischen 1600 und 7000 Druckzeilen umfaßten und 2 bis 5 Mark kosteten. "Schauer- und Schundromane sind ausgeschlossen, nur sittlich vollkommen reines Material!"[551] Das Autorenfachblatt Das Recht der Feder meinte, gegen diese "Schleuderei" vorzugehen sei "eine Pflicht der Selbstachtung und der Selbsterhaltung"; allerdings seien solche Preise nur dadurch möglich, daß sich manche Autoren "mit den erbärmlichsten Honoraren zufrieden" gäben.[552] Die Litterarische Correspondenz aus Wien bot Autoren 1897 als Gegenleistung für ein Abonnement an, deren Manuskripte druckreif zu machen, zu korrigieren und an Redaktionen weiterzuleiten. "Wem also selbst noch die erforderlichen Verbindungen zur schnellen Verwertung von Manuskripten mangeln, wolle sich unserer Einrichtungen bedienen. Auf dem kürzesten und mühelosesten Wege verhelfen dieselben zum Ziele. Wir beanspruchen für unsere Thätigkeit keinerlei Honorar, leisten dieselbe jedoch nur für Abonnenten."[553] Die Seriösität solcher Unternehmungen war schwer abzusehen, zudem rief ein geschäftsmäßiger Umgang mit literarischen Produkten immer noch vielfaches Unbehagen und Protest hervor; deshalb standen Feuilleton-Korrespondenzen, wie die Literarischen Agenturen auch, bis etwa zur Jahrhundertwende unter dem Generalverdacht, es ausschließlich auf das Geld der jungen Talente abgesehen zu haben. Das "Recht der Feder" zitierte 1898 ausführlich aus dem 11. Jahrgang der Feuilleton-Correspondenz des Berliner "Correspondenz- und Annoncen-Bureaus 'Phönix'" in dem, gegen einen bar zu entrichtenden Kaufpreis von 20 Mark, zehn Romane, Erzählungen und Humoresken von 750 bis 7500 Druckzeilen Umfang angeboten wurden. Über den Verfasser der dort angebotenen Erzählung "Zigeunerliebe" (7500 Druckzeilen), F. Ferd. Tamborini, berichtete das Blatt, dieser sei "ein Schriftstehler der allerschlimmsten Sorte";[554] er habe vor Jahren der Leipziger Illustrirten Zeitung eine Seenovelle Heinrich Bäckers unter seinem Namen angeboten. Ein solcher Diebstahl war damals kaum nachzuweisen, so daß es offenbar Korrespondenzen gab, die in Nachfolge der älteren Nachdruckblätter aus dem systematischen literarischen Diebstahl ein Geschäft machten. Die Feder berichtete 1899 über die Oesterreichische Feuilleton-Correspondenz (Ferdinand Stieber): "Eine Abonnentin [der Feder] sandte 2 Feuill[etons] ein. Ihr wurden für jedes 7 Mk. 50 Pfg. geboten. Da dies zu wenig war, verlangte sie die beiden Manuskr[ipte] zurück, erhielt sie aber nicht, jedoch die Versicherung, daß sie abgesandt und wohl unterwegs verloren gegangen seien."[555]

      Um unseriösen Geschäftemachern zu entgehen, gab es auf Schriftstellerseite früh Bestrebungen zur Gründung eigener Korrespondenzen. Schon Loewensteins Unter'm Strich war letztlich auf eine Initiative aus Schriftstellerkreisen zurückzuführen; in den 1880er und 90er Jahren dann betrieben einige der zahlreichen konkurrierenden Schriftstellervereinigungen eigene Feuilleton-Korrespondenzen bzw. ein "Literarisches Büro" zur Manuskriptvermittlung. Der "Deutsche Schriftstellerbund" gab 1888 unter Leitung von Eugen Richter die dreimal wöchentlich erscheinende Feuilleton-Korrespondenz heraus, deren Abonnement pro Quartal entweder 30 Mark (für ein bis dreimal wöchentlich erscheinende Zeitungen) oder 60 Mark (für ein bis siebenmal wöchentlich erscheinende Zeitungen) kostete;[556] die 1898 begründete Korrespondenz des "Deutschen Schriftsteller-Verbandes" hieß Der Manuskriptenmarkt, richtete sich an Zeitungs- wie auch an Buchverleger, wurde in 3000 Exemplaren verschickt und war eher als Katalog des Vermittlungsbüros anzusehen. Darin fanden sich nicht die Texte selbst, sondern nur eine Inhaltsangabe, eine knappe Handlungsskizze und Angaben zur Art und Umfang der Darstellung und dem avisierten Lesepublikum.[557] Im Jahr 1914 schließlich resümierte Friedrich Huth, in wohlverstandenem Eigeninteresse als Korrespondenzredakteur und Verbandsfunktionär, aber durchaus auch die zu dieser Zeit erreichte breite Akzeptanz des neuen Mediums zutreffend beschreibend: "Viele der heute bestehenden Korrespondenzen sind Unternehmungen, die nicht nur unter Aufwand großer Summen gegründet, sondern auch von den tüchtigsten Journalisten, Gelehrten aller Fachgebiete geleitet und geschrieben werden."[558]

 

[ 515 ]
Lehmann, Einführung in die Zeitschriftenkunde, S. 78

[ 516 ]
Huth, Die Korrespondenzen und ihre Mitarbeiter, S. 96: "eine Korrespondenz ist aber weder eine Zeitung noch eine Zeitschrift, sondern ein Manuskript."

[ 517 ]
Meyer, Ein deutsches Familienblatt, S. 120

[ 518 ]
Auskunft Stadtarchiv Bielefeld (Firmenarchiv Velhagen & Klasing) vom 12. September 2000

[ 519 ]
vgl. Die Feder 4. Jg. (1901) Nr. 58 (15. November) : dort die Meldung über "Belletristische Correspondenz (vorm. C. Reißner) Moewig & Hoeffner, Dresden" (vgl. auch Meunier / Jessen, Das deutsche Feuilleton, S. 91)

[ 520 ]
Kürschners Literaturkalender für 1939 weist den Arthur Moewig Verlag als Romanvertrieb nach (Sp. 216*)

[ 521 ]
Meunier / Jessen, Das deutsche Feuilleton, S. 91

[ 522 ]
Meunier / Jessen, Das deutsche Feuilleton, S. 91; möglicherweise handelte es sich dabei um jene Nachdruck-Blätter, zu deren Bekämpfung auf dem Deutschen Schriftstellertag 1868 aufgerufen worden war (vgl. Graf, Literatur-Agenturen in Deutschland, S. B172).- Inwieweit der genannte Verlag mit der Hamburger Firma Wulff & Co. identisch ist, in der eine Deutsche Novellenzeitung (Auflage: 15.000) erschien (Sperling 30.1889 u. 31.1890), wäre zu prüfen.

[ 523 ]
Graf, Literatur-Agenturen in Deutschland, S. B176

[ 524 ]
Graf, Literatur-Agenturen in Deutschland, Tab. 2 (S. B177)

[ 525 ]
Kürschner, Handbuch der Presse, Sp. 1563

[ 526 ]
vgl. z.B. Tab. 1 ebd. (S. B.176), die auf der entsprechenden Rubrik in Kürschner's Literaturkalender basiert

[ 527 ]
Meunier / Jessen, Das deutsche Feuilleton, S. 91

[ 528 ]
Lyon, Zur Statistik der deutschen Korrespondenzen, S. 111

[ 529 ]
Schriftsteller und Korrespondenzen, S. 24

[ 530 ]
Meunier / Jessen, Das Deutsche Feuilleton, S. 133

[ 531 ]
Meunier / Jessen, Das Deutsche Feuilleton, S. 135

[ 532 ]
Lyon, Zur Statistik der deutschen Korrespondenzen, passim

[ 533 ]
Kürschner's Literaturkalender 1893, Sp. 1459

[ 534 ]
Graf, 'Ehrliche Makler' oder 'Ausbeuter der Schriftstellerwelt', 92-99

[ 535 ]
Schriftsteller und Korrespondenzen, S. 26/27

[ 536 ]
Anzeige in: Die Redaktion, 3. Jg. (1904) Nr.14/15 (10. April))

[ 537 ]
Die Redaktion, 3. Jg. (1904) Nr.14/15 (10. April)

[ 538 ]
Die Redaktion, 3. Jg. (1904) Nr. 20 (15. Mai)

[ 539 ]
vgl. Die literarische Praxis, 7. Jg. (1906) S. 253

[ 540 ]
vgl. Die literarische Praxis, 8. Jg. (1907) S. 45/46

[ 541 ]
Lyon, Zur Statitik der deutschen Korrespondenzen, S. 109

[ 542 ]
vgl. Graf, Literatur-Agenturen in Deutschland, S. B178, B182 u. B188 (Anm. 62

[ 543 ]
Kürschner's Literaturkalender 1888, S. 507

[ 544 ]
Anzeige in: Literarische Korrespondenz, hg. v. H. Thom, 1. Jg. (1889) S. 118

[ 545 ]
Brümmer, Prosaisten, 6. Auflage, Bd. 3, S. 417/418

[ 546 ]
Die Untertitel wechselten; z.B. 1917: Nr. 1: "Vereinigt mit Frensdorff's 'Humoristischer Redaktions-Korrespondenz'", Nr. 3: "Feuilleton-Zeitung", Nr. 5: "Berliner Feuilleton-Zeitung".

[ 547 ]
Kürschner's Literaturkalender 1917, Sp. 2076

[ 548 ]
Heft Nr. 36 des Jahrgangs 1913 wurde sogar der Berliner Königlichen Bibliothek, die regelmäßig Belegexemplare erhielt, vorenthalten. In einem dem Jg. beigelegten, von Otto Pupke unterzeichneten Schreiben heißt es, diese Nummer enthalte "soviel kaufmännisches Material (Angebote von Abdrucksrechten[)], die [!] wir der Konkurrenz nicht preisgeben, sondern nur den Interessenten (den abdruckenden Redakteuren) ausliefern wollten. Aus diesem Grunde ist die Einsendung unterblieben."

[ 549 ]
Im Jg. 1913 hieß es: "Verlangen Sie den neuen Schlager von Arthur Zapp. Ansichtsexemplar postwendend."

[ 550 ]
1. Jg. (1902), Nr. 10, S. 16

[ 551 ]
Litterarischer Trödel. In: Das Recht der Feder, 5. Jg. (1896) Nr. 17/19, S. 298-299

[ 552 ]
Das Recht der Feder, 5. Jg. (1896) Nr. 17/19, S. 299

[ 553 ]
zit. n. Das Recht der Feder, 6. Jg. (1897) Nr. 116, S. 117

[ 554 ]
Das Recht der Feder, 7. Jg. (1898) Nr. 153, S. 219/220; hier 220

[ 555 ]
Die Feder, 2. Jg. (1899), Nr. 18 (15. Sept.) S. 148

[ 556 ]
Deutsche Schriftstellerwelt, 1. Jg. (1888) Nr. 2, S. 12

[ 557 ]
Börsenblatt, 65. Jg. (1898) Nr. 230 (4. Oktober) S. 7299

[ 558 ]
Eine Landplage? In: Geistiges Eigentum, 10. Jg. (1914) 16. Heft (15. Mai) S. 238/239; hier 238

 
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